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Warum bei ARD und ZDF nicht alles Gold ist

Olympia im Fernsehen Warum bei ARD und ZDF nicht alles Gold ist

Patriotische Glücksbesoffenheit und eskalierende Randsportexperten: Wie gedopt feiern ARD und ZDF die olympischen Winterspiele. Immerhin stimmen die Quoten – ganz anders als bei Eurosport. Dort hatte man hochfliegende Pläne. Doch die Realität ist nicht zum Feiern.

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„Bleibt locker, auch im Gesichtsbereich“: Die Olympiabilder aus Korea für ARD und ZDF werden im National Broadcast Centre auf dem Gelände der Media City Leipzig aufbereitet.

Quelle: dpa

Hannover. Katarina Witt könnte als letzte Überlebende zwischen brennenden Trümmern stehen, während es giftige Frösche vom Himmel regnet – sie wäre trotzdem blendender Laune. Biblisches Inferno? Ein Klacks für die Kati. „Jaha!“, würde sie lachen. „So ist das eben im Leben: Mal läuft es besser, mal läuft es weniger gut.“ Ein Wort wie „schlecht“ käme der ARD-Expertin für Unerschütterlichkeit nie über die Lippen. „Weniger gut“ – das ist das Äußerste an „Nekatiwität“.

Dieser schneeweiße Optimismus, das fröhliche Wittsche „Immer vorwärts!“ ist der Sound der Winterspiele 2018 bei ARD und ZDF, der großen Koalition der olympischen Glücksbesoffenheit. „Bleibt locker, auch im Gesichtsbereich“, kichert ARD-Frau Jessy Wellmer. Kollege Gerhard Delling sieht auf seiner Studio-Eisfläche ein bisschen aus wie der Körperklaus, freut sich aber über Langlauf als „supertollen, schönen Sport“ und auch immer wieder über Doktorthomasbach, den IOC-Präsidenten, der mit Vornamen Doktorthomas zu heißen scheint. Béla Réthy staunt derweil über „kompakt konstruierte Norwegerinnen“. Man kann es kaum anders sagen: Sie wirken wie gedopt.

Begeisterung über „GOLD-GEISI“ und „GOLD-LAURA“

Es dürfte auch Erleichterung im Spiel sein. Denn um ein Haar wären ARD und ZDF leer ausgegangen. Ohne die Dramen in Kurve neun. Ohne „GOLD-GEISI“ und „GOLD-LAURA“. Ein Last-Minute-Deal mit dem Eurosport-Mutterkonzern Discovery – der sich die olympischen TV-Exklusivrechte für 53 Länder bis 2024 für 1,3 Milliarden Euro gesichert hatte – bescherte den Öffentlich-Rechtlichen eine Sublizenz. Sie sind nur noch Nummer zwei. Sie bekommen nicht jedes Interview und zeigen nicht jeden der 102 Wettbewerbe. Aber sie dürfen senden. 220 Millionen Euro soll die Einigung gekostet haben – sie gilt ebenfalls bis 2024. „Wir sind sehr froh darüber“, sagt ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky.

Das ist kein Wunder. Denn der olympische Sesselsportler ist ein Gewohnheitsmensch. Im Angebotswirrwar der zersplitterten Medienmoderne („Wer zeigt noch mal was?“) lässt sich der Wert vertrauter Gesichter und Stimmen kaum überschätzen. Discovery hat Millionen investiert, hat den Frauensender TLC extra zum Sportkanal auf Zeit umgemünzt – die Zahlen bleiben kläglich (siehe Kasten). Der deutsche Wintersportfan guckt ARD und ZDF. Punktum. 6,1 Millionen sahen Rennrodeln in der ARD – 0,66 Millionen waren es zeitgleich bei Eurosport, dem angeblichen „Home of the Olymics“, wie man sich dort dickhosig nennen darf. Marktanteile: 31,7 zu 3,4 Prozent. Ein Kantersieg für die Tradition. Und während Eurosport darbt, verfallen ARD und ZDF in die bewährte Erregungsroutine und tanzen auf dem schmalen Grat zwischen sportpatriotischer Glücksbesoffenheit und sprödem Fachchinesisch.

Kommentatoren eskalieren wie Fohlen im Frühling

Es ist, als schlössen die Sportchefs alle vier Jahre die Kellertür auf und ließen ihre Randsportexperten ins Freie, die dann draußen eskalieren wie Fohlen im Frühling. Selbst ein kontemplativer Vorgang wie Curling, bei dem Menschen Granit-Buletten übers Eis schieben, hört sich an wie ein Actionspektakel („Jetzt der Draw! Er hat die Steine als Corner Guard gelegt. Das ist harte Arbeit am Besen!“). Mit der gleichen Hochtourigkeit ließe sich auch Rasenmähen reportieren („Jetzt geht er in die lange Gerade! Das ist sehr schön sauber und kurz! Exzellente Mowing Skills jetzt! Mutter Beate und Vater Leander sind auch hier, er hat gestern noch einmal lange mit ihnen gesprochen ...“).

Begonnen hatte die olympische TV-Saison mit einer putzigen Panne: Da erdreistete sich Lee Hee-Beom, Chef des koreanischen Organisationskomitees, bei der Eröffnungsfeier Koreanisch zu sprechen. Der ARD stand leider kein Simultanübersetzer zur Verfügung. Man darf davon ausgehen, dass die ARD ab sofort in einem sauteuren „Translation Center“ bis ans Ende aller Tage je einen Dolmetscher für alle Sprachen der Welt bereithält – nur für den Fall, dass in einer Livesendung plötzlich jemand Urdu oder West-Yugurisch spricht.

Die Olympiashow von Eurosport ist ein Flop

Die Quoten sind gut, aber nicht sensationell. Das war klar: Die Zeitverschiebung macht Olympia 2018 zu einem Tagesereignis. Hinzu kommt, dass ARD und ZDF laut Vertrag mit Discovery zwischen 20 und 22 Uhr keine eigenen Zusammenfassungen zeigen dürfen. Aber was juckt es den Baum, wenn die Sau sich daran kratzt? Mit der eigenen täglichen Olympiasendung „zwanzig18“ ist Discovery krachend gescheitert. Sie läuft um 20.15 Uhr parallel auf Eurosport und TLC – live moderiert von Ex-„DSDS“-Fachkraft und -Bobfahrer Marco Schreyl und Julia Kleine. Den skurrilen Mix aus Sport, Studioquatsch, Volksmusik, Auftritten eines kölsch-koreanischen Comedians namens Ill-Young Kim und vorgelesenen Netz-Nichtigkeiten dürfte man bei ARD und ZDF wie einen frühen RTL-Versuch betrachten. Symptomatisch der Auftritt von Sängerin Ella Endlich. Mögen Sie Wintersport? „Ich mag Tennis.“ Aber den Sieg von Laura Dahlheimer haben Sie bejubelt? „Ich schau nicht viel Fernsehen.“ Autsch.

Aber auch bei den Öffentlich-Rechtlichen ist nicht alles Gold. Sie haben das alte Problem der Interessenvermischung nicht im Griff. Erst nach wachsendem Druck sah sich die ARD jüngst genötigt, ihre Sportjournalisten René Kindermann und Torsten Püschel zurückpfeifen, die neben ihrer Tätigkeit für MDR und „Sportschau“ einen Skilanglauf-Weltcup in Dresden organisiert hatten.

Das Produkt muss glänzen

Wie sehr sich Randsportkommentatoren der überschaubaren Sportfamilie ihrer jeweiligen Szene zugehörig fühlen, verrät ihre kumpelige Unterwürfigkeit („So kennen wir sie, den strahlenden Sonnenschein!“). Gerade einmal 6500 Mitglieder hat der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD). Man duzt sich, man schätzt sich, man hat dieselben Interessen: Das Produkt muss glänzen. Und kaum laufen die Wettkämpfe, ist auch das Thema Doping weitgehend vom Tisch. Stattdessen schaukeln sich ARD und ZDF unisono in Ekstase wie die nordkoreanischen Jubelperserinnen. „Dieser Tag wird von jetzt an ein Curling-Feiertag sein!“, heißt es da. Ja, kann sein. In Kanada vielleicht. Und bei Kati Witt.

Von Imre Grimm/RND

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