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Welt Entsetzen über Iburger Schlachthof
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20:29 11.10.2018
Kranke Tiere gequält? Ein Foto aus dem Video der Tierrechtsorganisation „Soko Tierschutz“. Quelle: Foto: „Soko Tierschutz“
Bad Iburg

Der Landkreis Osnabrück will verhindern, dass noch Fleisch aus dem ins Zwielicht geratenen Schlachthof in Bad Iburg über den Tresen geht. Die Kreisverwaltung bemühe sich derzeit bei der Staatsanwaltschaft in Oldenburg um das Kundenregister des Schlachthofs, sagte Sprecher Burkhard Riepenhoff. Es gehe darum, eventuell gesundheitsgefährdendes Fleisch, das irgendwo bei einem Händler in einer Kühltruhe lagere, auszusortieren. Der kleine Rinderschlachtbetrieb im Osnabrücker Land war am Montag von den Behörden gesperrt worden, nachdem eine Tierschutzorganisation der Firma Tierquälerei angelastet und den Behörden dazu heimlich gefilmtes Videomaterial vorgelegt hatte.

Die Vorwürfe, die die bayerische Organisation „Soko Tierschutz“ erhebt, beziehen sich auf einen 30 Tage langen Zeitraum im August und September. Nach Angaben der Tierrechtler wurden kranke Rinder, die nicht mehr aufstehen wollten oder konnten, mit Elektroschocks traktiert, damit sie sich doch bewegten. Kranke Tiere dürfen aber nicht geschlachtet werden. Andere Rinder seien, wie „Soko“-Vorstandsmitglied Friedrich Mülln berichtete, mittels Kette und Seilwinde vom Anhänger gezerrt und in den Schlachthof geschleift worden.

Zudem bestehe der Verdacht, dass auch tote Tiere angeliefert und verarbeitet worden seien, sagte Mülln. Er sprach von einem „unglaublichen Behördenversagen“ – weil Schlachthöfe eigentlich regelmäßig von Veterinären kontrolliert werden müssen. Die beiden freiberuflichen Veterinäre, die für Bad Iburg zuständig waren, hat der Landkreis ihrer Ämter enthoben.

Ministerin: Missstände anzeigen

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg, zuständig für Delikte im Bereich Landwirtschaft, bestätigte nach einer Durchsuchung der Firmenräume am Mittwoch, es bestehe der „Verdacht, dass Tiere bei der Anlieferung tierschutzwidrig behandelt worden sind“. Sie verwies auf Paragraf 17 des Tierschutzrechts, nach dem jemand, der „einem Wirbeltier aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt“, in einem schweren Fall zu einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren verurteilt werden kann. Bis zu 160 Tiere waren zuletzt in dem Schlachthof pro Woche geschlachtet worden.

Das politische Niedersachsen reagierte weitgehend fassungslos auf die Nachrichten aus Bad Iburg. Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) sagte: „Ich bin total erschüttert.“ Die Ministerin sagte, sie hätte es lieber gesehen, wenn die mutmaßlichen Missstände nicht von einer Tierrechtsorganisation, sondern beispielsweise von Bauern oder Viehhändlern angezeigt worden wären. „Jeder kann anonym solche Dinge anzeigen“, sagte Otte-Kinast und verwies auf die Meldestelle beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, kurz Laves. Auch der niedersächsische Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke zeigte sich entsetzt: „Ich hätte einen solchen Fall nicht für möglich gehalten“, sagte er. „Solche Bilder darf es nicht geben, sie sind nicht zu entschuldigen.“ Er betonte aber, dass dieser Fall nicht repräsentativ für die Tierhaltung in Niedersachsen sei.

Neue Kontrollstellen?

„Dass erneut die heimlichen Aufnahmen einer Tierschutzorganisation zu notwendigen Ermittlungen führen, offenbart eklatante Lücken innerhalb des staatlichen Kontrollsystems“, sagte die tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Miriam Staudte. Die SPD-Fraktion sprach von einem „handfesten Skandal“. Die Abgeordnete Immacolata Glosemeyer sagte, wenn es sich bewahrheite, dass verletzte und tote Tiere beim Schlachthof verarbeitet wurden, müssten auch jene Tierhalter zur Verantwortung gezogen werden, die diese Tiere gebracht hätten.

CDU-Fraktionschef Dirk Toeppfer bezeichnete die mutmaßlichen Tierschutzverstöße als „beschämend“. Die CDU werde sicherstellen, dass das Laves-Landesamt vom kommendem Jahr an mindestens vier weitere Veterinärreferendare berufen könne, um mehr Kontrollen vornehmen zu können. Und Toeppfer sagte: „Dem Vorschlag der Grünen, Amtsveterinäre in den Betrieben rotieren zu lassen, schließe ich mich an.“

Der Pächter des Iburger Schlachthofes hatte sich am Dienstag nicht zu den Vorwürfen äußern wollen, er verwies auf seinen Anwalt. Dessen Kölner Kanzlei teilte mit, der Schlachtbetrieb werde „zur vollständigen Aufklärung des Sachverhalts und etwaiger Vorwürfe mit den Behörden kooperieren“. Sollten Missstände aufgedeckt werden, würden sie umgehend behoben. Eine Reihe von konkreten Fragen der HAZ – beispielsweise, ob in dem Schlachthof jemals Tiere mit Elektroschocks traktiert worden seien – ließ der Anwalt unbeantwortet.

Von Bert Strebe

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