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Welt Schäuble: „Wer das Perfekte anstrebt, endet in der Diktatur“
Mehr Welt Schäuble: „Wer das Perfekte anstrebt, endet in der Diktatur“
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21:09 03.10.2018
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble spricht in der Staatsoper beim Festakt im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Quelle: Michael Kappeler/dpa
Berlin

Zum Auftakt der zentralen Feierlichkeiten zum 28. Jahrestag der Deutschen Einheit in Berlin haben sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vertreter anderer Verfassungsorgane im Berliner Rathaus in das Goldene Buch der Stadt eingetragen. Anschließend gab es einen ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom.

Kirchenvertreter forderten dabei ein stärkeres Miteinander in Deutschland. „Die Mauer, die uns trennte, ist Geschichte. Dafür entstehen heute an anderer Stelle Fliehkräfte, die unsere Gesellschaft auseinander treiben wollen“, sagte der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge am Mittwoch bei dem ökumenischen Gottesdienst mit den Spitzen des Staates. „Einheit bedeutet deshalb heute nicht nur die Einheit von Ost und West, sondern auch die soziale Einheit unseres Landes. Nur wenn wir alle mitnehmen, sichern wir den sozialen Frieden in unserem Land.“

Die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Berlin werden von einem großen Polizeiaufgebot abgesichert. Seit dem Morgen strömen Besucher Richtung Reichstag und Brandenburger Tor.

Steinmeier und Merkel bei Gottesdienst

Der katholische Berliner Erzbischof Heiner Koch beklagte „inhaltliche und kommunikative Verhärtungen in unserer Gesellschaft“ sowie „simplifizierende Pauschalisierungen und wuterfüllte Empörungen des Populismus“. Menschen und Gesellschaft müssten sich wieder als Lernende verstehen, hieß es laut Manuskript in seiner Predigt. „Wer nicht lernbereit ist, (...) wer sich und seine Überzeugung für absolut hält und sich nicht als veränderungsnotwendig wahrnimmt, der ist mitten im Leben tot.“

An dem Gottesdienst im Berliner Dom als Teil der zentralen Feierlichkeiten zum 28. Jahrestag der Wiedervereinigung nahmen unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) teil.

Schäuble wirbt für modernen Patriotismus

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) warnte vor Populisten gewarnt, die Minderheiten und Volksvertreter zum Feindbild machen. Beim Festakt zum 3. Oktober sagte Schäuble in Berlin: „Auch in Deutschland begegnet uns die populistische Anmaßung, wieder das ’Volk’ in Stellung zu bringen, gegen politische Gegner, gegen vermeintliche und tatsächliche Minderheiten, gegen die vom Volk Gewählten.“ Niemand habe aber das Recht zu behaupten, er allein vertrete „das Volk“. Denn der Souverän sei eben keine Einheit, sondern eine „Vielheit widerstreitender Kräfte“.

„Vielfalt“ sei dabei nicht nur ein Wort, um die gesellschaftliche Realität zu benennen, betonte Schäuble. Sie sei auch ein Wert an sich. Der Bundestagspräsident erklärte, obwohl es Deutschland zur Zeit gut gehe, dominiere der Pessimismus. Der ökonomische Erfolg verleihe offensichtlich kein Selbstbewusstsein, sondern schüre vielmehr Abstiegsängste. Schäuble warb für mehr Mut und Vertrauen in das Handlungsvermögen der Gesellschaft. „Selbstvertrauen, Gelassenheit, Zuversicht“ bildeten den „Dreiklang eines zeitgemäßen Patriotismus“.

Hilfe für Flüchtlinge und andere Migranten sei wichtig und richtig, aber nicht unbegrenzt möglich, erklärte Schäuble. Deshalb müsse man lernen, mit dem Nicht-Perfekten zu leben. Er warnte: „Wer das Perfekte anstrebt, endet in der Diktatur.“

Merkel sieht Einheit noch nicht vollendet

Nach Merkels Worten ist die Einheit der Deutschen in Ost und West noch lange nicht vollendet. „Ich persönlich erinnere mich immer wieder voller Emotionen an den Tag der Deutschen Einheit“ vor 28 Jahren, sagte die Kanzlerin bei den Feierlichkeiten. Sie erinnerte an den damaligen Mut der friedlich demonstrierenden Menschen im Osten.

Merkel sagte: „28 Jahre später wissen wir aber, dass das, was wir Deutsche Einheit nennen, ein Prozess ist, ein langer Weg.“ Es sei wichtig, „einander zuzuhören, aufeinander zuzugehen, nicht nachzulassen“, betonte die Kanzlerin. Dies gelte nicht nur für Politiker, sondern für alle Bürger. Merkel stellte fest: „Die Deutsche Einheit ist nicht beendet“, sondern fordere die Menschen bis heute immer wieder heraus.

Das Land Berlin stellte mit Regierungschef Michael Müller (SPD) in diesem Jahr den Bundesratspräsidenten und richtet die zentralen Feiern damit aus. Am Mittag war in der Deutschen Staatsoper ein Festakt der Verfassungsorgane geplant. Rund um Brandenburger Tor und Reichstag gibt es seit Montag ein großes Bürgerfest.

Von RND/dpa/epd