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Welt Bart von Poppel: „Ich war schon immer ein guter Übermaler“
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14:11 23.11.2018
Auf den Spuren der Beatles: Bart van Poppel, Musikalischer Direktor und Mitglied der Analogues, mit dem Höfner Violin-Bass, den Paul McCartney als Popinstrument berühmt machte. Quelle: Moritz Künster/Monsterpics

Erst einmal, vielen Dank für „I Call Your Name” als Zugabe bei der Jubiläumsshow im Amsterdamer Theater Carré. Es gibt kaum eine seltener gehörte Beatles-Nummer als dieses Stück von der „Long Tall Sally“-EP.

Ja, der Song gehört wirklich zu den Obskuritäten der Beatles. Ich habe ihn der Band wiederholt vorgeschlagen, er wurde immer abgelehnt. Diesmal hat es geklappt. In Deutschland werden wir wahrscheinlich einen anderen Zugabenset spielen.

Bitte nicht: „I Saw Her Standing There” und „I Wanna Hold Your Hand” sind nach dem „Weißen Album” ein erfrischender Rücksturz in die Zeiten der Beatlemania. Man könnte noch „I’m Down“ reinnehmen, die B-Seite von „Help“.

Guter Song, dazu bräuchten wir aber unseren Jan wieder. Der ist unser lauter, wilder McCartney. Der singt Sachen wie „Sergeant Pepper“ und „Helter Skelter“. Aber er leidet an einem Hörsturz und kann nicht.

Beim Jubiläumskonzert kam Jan ganz am Ende zu „Hey Jude“ auf die Bühne. Wer ist der Sänger, der an seiner Statt die harten Songs gesungen hat?

Das ist Merijn van Haren. Er ist Sänger von Navarone, einer holländischen Band, die gerade ziemlich angesagt ist. Wir hatten einige Kandidaten ausprobiert, aber Merijn war eindeutig der beste „toughe“ McCartney.

Wenn man gerade diese rauen Songs im Konzert hört, erscheinen sie viel rockiger als auf dem „Weißen Album”. „Everybody’s Got Something To Hide Except Me and My Monkey“ etwa ist gefühlt doppelt so krachend und druckvoll wie im Original.

Das ist Absicht. Wir spielen auch „Helter Skelter“ lauter. Wir spielen es so, wie die Beatles es wahrscheinlich gespielt hätten, wären sie mit dem „Weißen Album“ live aufgetreten. Viele Stücke sind aber auch nahezu exakt so, wie man sie vom Album kennt. Aber natürlich muss man live ein paar Sachen hinzufügen, anders machen, damit es auch einen Vibe bekommt, wie man sagt. Es soll lebendig klingen und nicht museal.

Haben Sie die Stockhausen-Hommage „Revolution 9“ ganz neu gemacht? Die kommt auf der Bühne vom „Tonband“, klingt aber anders, ungemein spannend. Früher hat man an der Stelle die Nadel gelupft und das schwierige Stück übersprungen. Jetzt folgt man gebannt, was vielleicht an manchen orientalisch anmutenden Klängen liegt und wohl auch an dem düsteren Video.

Wir wollten sogar noch ein Stück weiter weg vom Original. Wir waren fast fertig mit den Proben, dann fiel Jan aus und wir mussten mit Felix Maginn noch mal neu anfangen. Alle Songs neu einproben. Die Filmemacher preschten derweil voran und richteten sich mit den Bildern nach der „Revolution 9“-Version des Beatles-Albums. Und dem musste ich dann bei meiner musikalischen Rekonstruktion wieder folgen.

Gab es den Gedanken, das sperrige Teil mit seinem eher begrenzten Unterhaltungswert ganz auszusparen, um der Show nicht den Schwung zu nehmen?

Nein. Sowas können wir nicht machen. Das gehört zum Album – ohne „Number Nine“ wäre der Anspruch nicht erfüllt gewesen. Damit hätten wir einen Fluch auf uns geladen (lacht).

Was ist so faszinierend daran, sich der Musik anderer Autoren zu verschreiben statt eigene Songs zu schreiben?

Ich war schon immer ein guter Übermaler. Ich habe in vielen Bands gespielt, viele eigene Songs geschrieben, manche waren sogar Hits in den Niederlanden. Aber ich war dabei immer inspiriert von den Sachen, die ich mochte. Regelrecht fasziniert. Das erste, was ich mit meinem ersten Multitrack-Rekorder machte, den ich der Band Golden Earring abgekauft hatte, war, „God Only Knows“ von den Beach Boys zu rekonstruieren. Ich wollte alles über diesen Song wissen, diese Harmonien verstehen. Irgendwann so mit 50 bin ich aus dem Bandzirkus ausgestiegen und habe fortan Musik für Werbeclips geschrieben, um die 400 Stück. Da mussten auch nicht selten, weil man sich die Plattenfirmenrechte nicht leisten konnte, bekannte Musiken neu eingespielt werden – unter der Vorgabe, exakt so zu klingen wie das Original. Das war mein Training (lacht). Und dann kam vor sieben Jahren mein alter Freund Fred Gehring mit der Idee zu den Analogues auf mich zu, die wir dann vor fünf Jahren auch gründeten. All das Wissen um Liederrekonstruktionen konnte ich jetzt gebrauchen. Tief in die Lieder hineinhorchen, sie ausforschen, ergründen, woher ein Sound kommt, welches Instrument wie gespielt wurde.

Waren die Analogues eigentlich die Ersten mit dem Anspruch, keine Beatles-Pilzkopfperückenband zu sein, sondern sich auf die Musik, vor allem die späte, komplexe, zu konzentrieren?

Nein. Fred und ich flogen damals nach New Jersey, um die Fab Four zu sehen. Die machten, was wir machen wollten: Nicht aussehen wie die Beatles, aber tief in ihre Musik vorzudringen. Da standen große Kisten auf der Bühne, man sah das nicht gleich, aber sie benutzten für die Sounds digitale Keyboards. Und das erste was ich zu Fred sagte, war: Lass uns das richtige Zeug verwenden, die Originalinstrumente. Das ist interessanter.

Aber auch gefährlich, oder? Diese alten Studiotanten sind doch ziemlich empfindlich und zerbrechlich.

Stimmt, es passiert zwar nicht oft, aber manchmal explodieren Amps. Beim Jubiläumskonzert des „Weißen Albums“ in Amsterdam etwa ging der Motor einer Air-Orgel zu Bruch. Plötzlich war da Qualm und ein stechender Geruch. Unglücklicherweise machte die Ersatz-Air auch schlapp. So mussten wir am Ende bei „Cry Baby Cry“ mit einer Hammond improvisieren.

Was war schwieriger auf die Bühne zu bringen, die psychedelischen Beatlesalben von 1967 oder das „Weiße“?

Das Meiste auf dem „Weißen Album“ ist nicht so kompliziert arrangiert. Das ist weitestgehend ein Songwriteralbum, es herrschen klassische Sounds vor: Folk, Blues, Swing, Country, Rock’n’Roll. In „Sergeant Pepper“ und „Magical Mystery Tour“ sind dagegen all diese unglaublichen Sounds versteckt, das ist einschüchternd, das sind viel größere Herausforderungen. Die „Weiße“ ist schlichter, mehr ein Do-It-Yourself-Album, und ich hatte anfangs die Sorge, wir würden es nicht schaffen, etwas wirklich Beeindruckendes damit auf die Bühne zu kriegen. Aber am Ende hat es geklappt, ist die Show sogar noch besser geworden als unsere „Pepper/Mystery Tour“-Konzerte.

Welcher Song auf dem „Weißen Album“ war das Biest, das kaum zu knacken war?

Am Anfang ist alles ein Problem. Hat man die Geheimnisse eines Songs dann herausgefunden, werden sie zahm und spielbar. Am schwierigsten war es wohl, „Good Night“ auszuloten mit seinem Chor und dem orchestralen Gepräge. Das war die Sternstunde von Felix, unserem Neuen. Der ist ein Crooner wie aus dem alten Hollywood.

Mussten für die „Weiße Album“-Show der Analogues wieder viele Originalinstrumente beschafft werden?

Nein, denn es gibt hier ja nicht so viele exotische Sounds. Ein paar Gitarren wie diese große akustische von George Harrison. Und die Verstärker waren diesmal andere, vorher waren sie von Vox, beim „Weißen Album“ von Fender. Wir behalten die bei für „Abbey Road“ und „Let it Be“.

Aus diesen letzten Beatles-Alben wird die nächste Show konzipiert?

Wir werden „Abbey Road“ wohl komplett einstudieren und von „Let It Be“ die Sachen, die die Beatles auf dem Dach des Apple-Gebäudes spielten – plus die orchestralen Stücke wie „The Long and Winding Road“. Zwei komplette Alben am Stück aufzuführen, wäre zu viel des Guten. Am Ende muss die Show dem Publikum Spass machen. So muss es ein „mixed set“ werden.

Hätten die Beatles als Band auch die folgenden Jahrzehnte dominieren können oder waren sie 1970 tatsächlich am Ende?

Ich denke, sie hatten sich verausgabt. Zwei Platten pro Jahr – mit Ausnahme von 1966, wo es nur „Revolver“ gab. Für mich war „Sergeant Pepper“ der Peak, danach ging es auf hohem Niveau leicht bergab. Sie veränderten sich, gingen musikalisch eigene Wege. Sie haben sich verzehrt, die Kerze brannte beim „White Album“ an beiden Enden, sie waren bald darauf keine Band mehr.

Kam Ihre eigene Beatles-Affinität erst mit den Analogues oder waren die Beatles für Sie schon immer etwas Besonderes?

Oh ja, das waren sie. Als ich acht war, das war 1964, hatte ein Freund die Singles „She Loves You“ und „Can’t Buy Me Love“, und sein Vater besaß damals schon eine Stereoanlage. Das waren die ersten Songs, die ich von den Beatles hörte. Das erste Album das ich kaufte, war 1967 „Sergeant Pepper“ als Geschenk für meine Eltern. Sie konnten es sich nie anhören, weil ich es fest in Beschlag nahm. Im Jahr darauf war mir das „Weiße Album“ zu teuer – das war ja nun ein Doppelalbum. Also lieh ich es mir von meinem Onkel aus, und als ich es ein halbes Jahr später zurückgab, war es so abgenudelt, dass er nichts mehr damit anfangen konnte.

Apropos, haben Sie sich mal die 50th-Anniversary-Box des „Weißen Albums“ angehört?

Ja (kurzes Schweigen). Nun, ich bin kein Fan von dem, was Giles Martin mit den Mixes seines Vaters George macht. Klar, er muss irgendwas ändern, sonst gäbe es ja überhaupt keine Legitimation für eine solche Veröffentlichung. Aber ich brauche keinen neuen Mix, bei dem dieses oder jenes Instrument besser zu hören ist als früher oder „Helter Skelter“ noch ein bisschen heftiger klingt. Ich will gar nicht jedes Detail hören, denn das irritiert und befremdet mich, weil es anders klingt als die Originalmixe, die ich liebe und seit 50 Jahren kenne. Toll ist natürlich die zusätzliche Platte mit den Esher-Sessions, mit Stücken wie „Junk“ und „Not Guilty“, die McCartney und Harrison erst später auf ihren Soloalben veröffentlichten. Ansonsten gilt für mich: Lasst es, wie es ist. Das bezieht übrigens auch die große „Pepper“-Box des Vorjahres mit ein. Soll das frischer klingen, ein junges Publikum anziehen? Ich weiß es nicht.

Es ist Musik, die in ihrer Zeit entstand und für diese Zeit steht.

Absolut. In der Entstehungszeit werden Entscheidungen getroffen, die ein Original definieren. In den Achtzigerjahren schrieb ich mal einen Song, der klingen sollte wie ein Stück aus den Sechzigern. Aber wir konnten uns kein teures Studio leisten, so nahmen wir ihn zu Hause auf mit so einem blöden Rhythmusgerät. „Summer of Love“ lief super im Radio aber ich stellte mir die ganze Zeit vor, wie viel besser er ohne diese Maschine, die ich hasste, klingen würde – mit richtigem Schlagzeug. Aber heute denke ich: Lass die Finger davon. Das Original ist das Original. Ich habs aufgegeben. Schließlich: Die Achtziger waren ja die große Zeit der Rhythmusmaschine.

Info: The Analogues wurden 2013 von Fred Gehring und Bart van Poppel gegründet. Sie bestehen aus Bart van Poppel (Bass, Keyboards, Gesang), Felix Maginn (seit 2018, Gitarren Gesang), Jac Bico (Gitarren, Gesang), Fred Gehrig (Schlagzeug, Gesang) und Diederik Nomden (Keyboards, Gitarren, Gesang). 2019 gehen die Niederländer mit ihrer „White Album“-Show auf Deutschlandtour und gastieren in Berlin (Huxley’s Neue Welt, 20. März), Hamburg (Mehr! Theater, 21. März), Bremen (Metropol, 22. März), Hannover (Theater am Aegi, 26. März), Köln (E-Werk, 27. März), Essen (Colosseum, 28. März), Stuttgart (Theaterhaus T1, 29. März), Offenbach (Capitol, 10. April), Freiburg (Konzerthaus, 11. April), München (Circus Krone, 12. April).

Neues Album: The Analogues „The White Album Live in Liverpool“ (Decca/Universal)

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Von Matthias Halbig / RND

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