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Welt So entkam Nobelpreisträgerin Nadia Murad dem IS
Mehr Welt So entkam Nobelpreisträgerin Nadia Murad dem IS
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12:09 05.10.2018
Die Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel der Vereinten Nationen, Nadia Murad, hat den Friedensnobelpreis gewonnen. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa
Kirkuk

Als es eines Abends an seiner Tür klopfte, war sein erster Gedanke: Jetzt sind wir dran. Es war im Herbst des Jahres 2014. Omar Abdel Dschabar saß mit seinen Eltern und Geschwistern im Garten. Sie lebten in Mossul, jener Stadt im Nordirak, die im Sommer von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eingenommen und zur Hauptstadt des Kalifats erklärt worden war. Omars Vater war einst Offizier in der Armee von Saddam Hussein. „Ich dachte, jetzt kommen sie und holen ihn“, erinnert sich der heute 29-Jährige.

Doch vor der Tür standen keine Dschihadisten, sondern eine dünne, vollverschleierte Frau. Es war Nadia Murad, die heute wohl berühmteste Jesidin. Als UN-Botschafterin kämpft sie dafür, die IS-Täter für ihre Kriegsverbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Damals war sie gerade ihrem Peiniger entkommen, einem IS-Führer, der sie als Sexsklavin gefangen gehalten und missbraucht hatte. In den Augen der islamischen Extremisten waren Jesiden Ungläubige. IS-Kämpfer überfielen deren Dörfer in der nordirakischen Sindschar-Region, töteten die Männer der religiösen Minderheit und verschleppten die Frauen und Kinder.

Omar Abdel Dschabar musste später selbst flüchten. Er lebt derzeit in einer Erdgeschosswohnung in einer sächsischen Kleinstadt, arbeitet in einer Fabrik für Kosmetikprodukte im Schichtdienst und hofft, endlich ohne Einschränkungen als Flüchtling anerkannt zu werden. Er wartet darauf, dass er seine Frau und seine beiden kleinen Söhne nach Deutschland holen kann, denn sie harren bis heute in Mossul aus.

+++ Kämpfer gegen sexuelle Gewalt gewinnen den Friedensnobelpreis

In ihrem Buch „Ich bin eure Stimme“ schreibt Nadia Murad über die Begegnung vom Herbst 2014. Sie habe ihren Gesichtsschleier angehoben und die Familie angefleht: „Helft mir.“ Sie habe ihren Namen genannt, gesagt, dass sie Jesidin sei und als Sexsklavin nach Mossul gebracht worden sei: „Ich habe meine Familie verloren.“

„Ich habe damals dem Tod ins Auge gesehen“

Omar Abdel Dschabars Familie beschloss, der jungen Frau zu helfen. Omar, der in Nadia Murads Buch den Decknamen Nasser hat, sollte mit der Jesidin in einem Taxi zunächst in die Stadt Kirkuk fahren. Die Stadt lag außerhalb des IS-Herrschaftsgebiets. Nadia Murad sollte sich an den Checkpoints der Dschihadisten als Omars Ehefrau ausgeben. Sie setzten darauf, dass die Extremisten nicht unter den Gesichtsschleier einer Frau schauen würden. Ihre Legende: Omar Abdel Dschabars Ehefrau wolle ihre Familie in Kirkuk besuchen.

Bei der Kontrolle begann Nadia Murad vor Angst zu zittern. „Je mehr ich versucht habe, ruhig zu bleiben, umso mehr habe ich gezittert“, schrieb sie. Omar, der vorne neben dem Taxifahrer saß, konnte in dem Moment nicht mit ihr reden. Sie saß auf der Rückbank und sah im Seitenspiegel, wie Omar sie für einen Sekundenbruchteil anlächelte. Das habe sie ein wenig beruhigt. Obwohl am Checkpoint ein Fahndungsfoto von ihr hing, schafften sie es durch die Kontrolle, ohne entdeckt zu werden.

Dass er in dieser Situation ruhig bleiben konnte, sagt Omar Abdel Dschabar, hänge mit einem Erlebnis zusammen, das damals acht Jahre zurückgelegen hatte. Er sei 2006 auf dem Weg zum Einkaufen gewesen, als es plötzlich zu einer Schießerei zwischen US-Soldaten und irakischen Milizen kam. „Und ich war in der Mitte - genau zwischen den beiden Stellungen.“ Seitdem empfinde er nur noch wenig Furcht. „Ich habe damals dem Tod ins Auge gesehen.“

Nachdem sie Kirkuk erreicht hatten, flohen die Jesidin und ihr Helfer ins sichere kurdische Autonomiegebiet im Nordirak. Die Region war von kurdischen Soldaten hermetisch abgeriegelt. An den Kontrollpunkten war ein Durchkommen für Omar eigentlich so gut wie unmöglich, denn muslimischen Irakern aus den IS-Gebieten wurde der Übertritt verwehrt. Die Kurden wollten verhindern, dass Dschihadisten in ihren Städten Selbstmordanschläge verübten. So sah sich Nadia Murad gezwungen, am Checkpoint ihre wahre Geschichte zu erzählen. Die Kurden zeichneten das Gespräch auf Video auf und gaben es an einen Fernsehsender weiter. Omar Abdel Dschabar konnte damals nicht wissen, dass diese Aufnahme ihn schon bald verraten würde.

„Ich rannte aufs Dach und sprang von Haus zu Haus“

Zurück in Mossul dauerte es keine drei Tage, bis IS-Kämpfer ihn aufgespürt hatten. „Ich rannte aufs Dach und sprang von Haus zu Haus. Ein Freund half mir, aus der Stadt zu fliehen.“ Er hatte keine Zeit, sich von seinen Eltern zu verabschieden, von seiner schwangeren Frau Randa und von seinem kleinen Sohn Mustafa, der heute vier Jahre alt ist. Den inzwischen dreijährigen Jahja hat er noch nie im Arm gehalten. „Sie sind die meiste Zeit im Haus und gehen nicht raus. Sie haben Angst“, sagt er über den Alltag seiner Familie. Denn bis heute gebe es in seiner Heimatstadt Menschen, die dem IS nahestünden.

Sein Leben sei vor dem Einmarsch der Dschihadisten schön gewesen. „Ich bin Tischler, hatte einen eigenen Möbelladen und meine Familie um mich.“ In Deutschland ist er alleine und da er nur subsidiär - also untergeordnet - schutzberechtigt ist, konnte er bisher seine Frau und die beiden kleinen Kinder nicht nachholen.

Mit Hilfe des Dresdner Anwalts Johannes Lichdi hat er Klage erhoben, um den regulären Flüchtlingsstatus zu erhalten. Um die Geschichte des Irakers zu beweisen, haben sie ein Bestätigungsschreiben von Nadia Murad bekommen. Ende Oktober will das Verwaltungsgericht Leipzig über den Fall beraten.

Omar Abdel Dschabar möchte nicht, dass Fotos von ihm veröffentlicht werden, auf denen er erkannt werden kann. Denn er fürchtet, es könnte Folgen für seine Familie haben. Nach seiner Flucht hatten sie gegenüber den Dschihadisten angegeben, er habe alleine gehandelt. Deshalb wurden sie verschont. Ein Versuch, seine Frau und seinen Sohn in einem Lkw aus der Stadt zu schmuggeln, scheiterte.

Auf dem Weg durch Europa erlebte er in Bulgarien seine „schwärzeste Zeit“, wie er erzählt. Für dreieinhalb Monate sei er ohne Begründung in ein Gefängnis gesperrt worden, indem es keine funktionierenden Toiletten oder Duschen gegeben habe.

Dass er an jenem Abend im Herbst 2014 beschlossen habe, Nadia Murad zu helfen, bereut Omar Abdel Dschabar nicht. „Ich würde es genauso wieder tun“, sagt er. „Das war meine menschliche Pflicht.“

Von RND/epd