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Politik Trumps Traum von der Mauer: Ein Besuch am Rio Grande
Mehr Welt Politik Trumps Traum von der Mauer: Ein Besuch am Rio Grande
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11:48 14.02.2019
2009 ging das Geld aus: Präsident Trump insistiert, dass die lückenhaften, aus Geldmangel nie fertiggestellten Zäune nahe McAllen jetzt zu massiven Anlagen ausgebaut und verlängert werden. Quelle: RND
McAllen

Draußen ist es stockdunkel. Drinnen auch. Mit einem kräftigen Spritzer Weihwasser aus dem Rio Grande hat Pater Roy Snipes die Besucher seiner Morgenandacht aufgeweckt. Dicht an dicht drängen sie sich auf den wackligen Holzbänken der Kapelle. Auf dem Altar funzeln zwei batteriebetriebene Lämpchen. „Es gibt einen Konflikt zwischen dem, was wir hoffen, und dem, was die Regierung will“, setzt der Priester zur Predigt an. „Aber lasst uns nicht gehässig werden!“

Die nächsten Worte übertönt das laute Knattern eines Hubschraubers. „Ah, unsere Schutzengel“, sagt Pater Roy ironisch.

Die 50 Gläubigen in der La-Lomita-Kapelle brauchen dringend Beistand – glaubt US-Präsident Donald Trump und lässt die Grenzpolizei in der Gegend rund um die Uhr patrouillieren, in der Luft und am Boden. Nur ein paar Hundert Meter sind es von der Kapelle am Rande der texanischen Kleinstadt Mission bis zum Rio Grande. Am anderen Ufer liegt Mexiko. Feindesland.

„Kriminelle, Menschenschmuggler, Drogenhändler“

Vor vier Wochen war Trump zum Frontbesuch da. „Es ist schlimmer, als es jemals war“, verkündete er düster. „Die Leute, die hier in unser Land kommen, sind Kriminelle, Menschenschmuggler und Drogenhändler.“

Hier, im Bezirk Hidalgo, wo der Rio Grande durch eine subtropische Landschaft mäandert, sieht Trump das Epizentrum eines „nationalen Notstandsgebiets“. Denn hier wandern seit Jahren Flüchtlinge aus Lateinamerika über die Grenze, suchen Asyl in den USA. 63.278 waren es 2018. So viel, wie nirgendwo sonst. Und deshalb will Trump genau hier den ersten Teil seiner großen Mauer bauen.

Während das Morgenrot durch ein Kirchenfenster dringt, predigt Pater Roy dagegen an: „Wer sich hinter einer Mauer verschanzt, verrät unsere Werte und lässt unsere Nachbarn im Stich.“

„Wir brauchen die Mauer zur Verteidigung unseres Landes“: Am 1. Januar erklärte Präsident Trump die Gegend um McAllen kamerawirksam zum Notstandsgebiet. Quelle: Evan Vucci/AP

Mindestens genauso wichtig: Ein bereits genehmigtes Teilstück der Trump-Mauer droht das alte Kirchlein von den USA buchstäblich abzuschneiden. Das Gotteshaus läge im Niemandsland zwischen Grenzwall und Fluss. Gerade hat ein Gericht die Klage der Gemeinde gegen den Bau abgewiesen. Die Morgenandacht wird zur Protestaktion.

Die Fahrt zur Nachbarstadt McAllen führt vorbei an Grapefruitplantagen, Campingplätzen, vielen Geschäften, Gewerbebetrieben. Der Eindruck passt nicht recht zum Notstandsgebiet, das Trump hier lokalisiert haben will.

Lesen Sie hier: Kommentar: Donald Trumps Mauer als Katastrophenfall

Beim Besuch der Grenzstation der 140.000-Einwohner-Stadt ließ er sich neben Bergen von Drogen, Waffen und einem Sack voller 20-Dollar-Noten ablichten, die die Border Patrol sichergestellt hatte – freilich nicht, wie Trump suggerierte, entlang der Schleichwege, sondern an offiziellen Grenzübergängen. Teilweise bei der Ausreise nach Mexiko. „Wir brauchen die Mauer zur Verteidigung unseres Landes“, donnerte der Präsident gleichwohl.

Ein Wall vom Pazifik bis zum Atlantik

Im Machtkampf zwischen Trump und Kongress um die Mauer-Milliarden geht es vor allem um diese Region im Rio-Grande-Tal. Sie ist der Beweisgrund für sein Mantra, dass die USA nur sicher sein können, wenn sich ein unüberwindlicher Wall vom Pazifik bis zum Atlantik zieht – auf der 3144 Kilometer langen Grenze zu Mexiko.

Denn anders, als der Präsident behauptet, ist die Zahl der Menschen, die an dieser Grenze aufgegriffen wurden, insgesamt seit der Jahrtausendwende um drastische 75 Prozent auf rund 400.000 zurückgegangen. Nur hier im Rio-Grande-Tal, wo auf der mexikanischen Seite ein brutaler Drogenkrieg wütet, nehmen die illegalen Übertritte zu.

Bereits 2018 hat der Kongress deshalb die Gelder für ein erstes, knapp zehn Kilometer langes Stück Trump-Mauer bei McAllen genehmigt. Die Bagger sind schon vorgefahren. Nicht nur die La-Lomita-Kapelle wird dann abgeschnitten. Auch Naturschutzgebiete wie der Bentsen-Park, der mit mehr als 340 seltenen Vogelarten Ornithologen aus ganz Amerika anzieht, werden zerteilt.

Und wer künftig auf der Terrasse des Riverside Clubs mit Blick auf den Rio Grande seinen Sundowner trinkt, der wird sich vorkommen wie im Hochsicherheitstrakt: Wegen des Hochwasserschutzes wird die Mauer nicht direkt am Fluss verlaufen, sondern deutlich nördlich davon. Fünf Meter hoch soll sie werden. Oben drauf werden 5,50 Meter hohe Stahlpfähle gepflanzt.

2009 ging das Geld aus: Präsident Trump insistiert, dass die lückenhaften, aus Geldmangel nie fertiggestellten Zäune nahe McAllen jetzt zu massiven Anlagen ausgebaut und verlängert werden. Quelle: RND

Eine halbe Stunde westlich von McAllen lässt sich besichtigen, wie das Bauwerk aussehen könnte. Dort steht ein Mauerfragment, das 2006 unter Präsident George W. Bush errichtet wurde, bevor das Geld ausging. Rechts und links der etwa hundert Meter langen Sperre ist der Zugang zum Fluss frei, in der Mitte klafft ein offenes Tor. Ein Grenzpolizist im schweren SUV warnt: „Gehen Sie nicht auf die andere Seite. Da gibt es viele Fremde!“

Die Szene ist bizarr. Monty Awbrey gehört zu denen, die trotzdem von der Mauer überzeugt sind. Der Straßenbauunternehmer mit dem Händedruck eines Schraubstocks trägt Cowboyhut und verspiegelte Sonnenbrille. Im Januar hat er Trump bei dessen Besuch die Schnalle seines Jeansgürtels geschenkt. „Ich bin stolz auf unseren Präsidenten“, schwärmt der 40-Jährige, der auf einer Ranch außerhalb von McAllen lebt.

„Da kommen Frauen, die auf der Flucht missbraucht wurden, und Männer, die einbrechen“: Trump-Fan Monty Awbrey gehört zu den wenigen in McAllen, die sich eine Mauer wünschen. Quelle: Karl Doemens

Oft sorgten dort Migranten für Ärger, berichtet er: „Auch vor 25 Jahren kamen viele. Aber die waren harmlos.“ Damals habe seine Familie die Latinos oft mit Wasser oder Essen versorgt. Aber nun sei es anders: „Da kommen Frauen, die auf der Flucht missbraucht wurden, und Männer, die einbrechen.“ Auf seiner Ranch habe er neulich einen Dieb gestellt. Wann das war? „Vor etwa einem Jahr.“

Schnell wird klar, dass es bei der Mauer um mehr geht als um Beton. Trump hat den Grenzwall zu einem gewaltigen Symbol hochgejazzt, das auch McAllen spaltet.

„Grüßen Sie Marianna!“, verabschiedet sich Awbrey sarkastisch. Marianna Trevino-Wright ist Geschäftsführerin des „National Butterfly Center“ und Awbreys Intimfeindin. Sie will keine Mauer. Seit sechseinhalb Jahren leitet sie das 40 Hektar große private Schutzgebiet für Vögel und Schmetterlinge. Doch in jüngster Zeit ist sie nur noch damit beschäftigt, den Mauerbau quer durch den Naturpark zu verhindern. Ein Drittel des Parks würde auf US-Seite des Walls liegen, zwei Drittel im Niemandsland am Fluss.

Derzeit kommen 30.000 Besucher im Jahr. Aber „glauben Sie, die Naturliebhaber kommen noch, wenn es aussieht wie auf einem Gefängnishof?“, fragt die 49-Jährige. Auf einem 45 Meter breiten Streifen soll neben der Mauer alle Vegetation entfernt, eine Straße für die Grenzpolizei gebaut werden. Lichtmasten werden das Gebiet beleuchten. Der Lebensraum der Tiere wäre zerstört.

Das Sicherheitsargument hält Trevino-Wright für vorgeschützt. Sie fährt zu einer Wiese am Fluss, wo regelmäßig Mädchen-Pfadfindergruppen übernachten. „Glauben Sie, die kämen, wenn das gefährlich wäre?“ Die drei „Illegalen“, die ihr bisher hier begegnet seien, hätten verängstigt gebeten, zur Grenzpolizei gebracht zu werden, um dort Asyl zu beantragen.

Asylbewerber, Illegale – alle in einem Topf

„Die Regierung unterscheidet nicht zwischen den 80 Prozent Asylbewerbern und den 20 Prozent tatsächlich illegalen Einwanderern“, moniert auch Jim Darling „So wird die Zahl komplett überzeichnet.“

Der Bürgermeister von McAllen ist ein pragmatischer Mann. An der Wand seines Büros hängt ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Jahr 1911: eine staubige Holperstraße, schiefe Häuser, ein Automobil. Heute ist die Grenzstadt ein prosperierender Ort – dank des Handels mit Mexiko, des Ökotourismus’ und der Rentner, die mit ihren Wohnmobilen dem kalten Winter im Norden der USA entfliehen.

„Selbst in Texas glauben die Leute inzwischen, dass es hier gefährlich ist“: Jim Darling, parteiloser Bürgermeister von McAllen, ärgert sich über Trumps Rhetorik – und kann den Bedarf für eine Mauer nicht sehen. Quelle: Karl Doemens

„Die Rhetorik schadet uns ernsthaft“, sagt der parteilose Bürgermeister. „Selbst in Texas glauben die Leute inzwischen, dass es hier gefährlich ist.“ Neulich war ein Politiker aus Wisconsin zu Besuch und konnte nicht glauben, dass am mexikanischen Ufer ein paar Kinder spielten: „Vom Patrouillenboot aus sieht der Rio Grande aus wie ein Fluss in Vietnam. Der wäre glatt heimgefahren und hätte erzählt, dass er im Kriegsgebiet war.“

Dabei ist McAllen die sicherste Stadt in Texas. Während in Reynosa auf der anderen Seite des Flusses im blutigen Krieg der Drogenkartelle 2018 mehr als 200 Menschen ihr Leben verloren, fiel die Kriminalitätsrate in McAllen auf einen 30-jährigen Tiefstand. „Wir hatten keinen einzigen Mordfall“, berichtet Darling stolz. Im ganzen Bezirk Hildago ist die Mordrate nur ein Viertel so hoch wie in der US-Hauptstadt.

„Die Krise ist nicht an der Grenze – sondern in Washington“

Für ein Überschwappen des Verbrechens aus Mexiko gibt es also keinen Beleg. Wohl aber für schädliche Nebenwirkungen von Trumps Ausfällen. Jede Drohung mit einer Grenzschließung lasse die Flüchtlingsströme anschwellen, hat Darling beobachtet. Gleichzeitig bleibe die mexikanische Kundschaft, die früher zum Einkaufen in die große Mall kam, aus Verärgerung über die pauschalen Verunglimpfungen aus.

„Die aktuelle Krise spielt nicht an der Grenze, sondern in Washington“, ärgert sich Darling. Dabei will er die Situation nicht schönreden. Der Zustrom von mehreren Hundert Migranten jeden Tag stellt seine Stadt vor enorme Herausforderungen. Für die Abfertigung auf den beiden Brücken nach Mexiko braucht er dringend mehr Personal. Die Aufnahmezentren sind überfüllt. An wenigen, ausgewählten Abschnitten könne eine Absperrung des Ufers helfen, sagt Darling. Aber keine durchgehende Mauer.

„Hässlich, widerlich – und obszön“

Dass sie noch verhindert werden kann, glaubt er indes nicht: „Der Präsident hat Bulldozer, die Gegner haben Plakate. Was glauben Sie, wer gewinnt?“

Auch Pater Roy ahnt, dass die Mauer neben seiner Kapelle kommt. „Sie wird hässlich sein, widerlich und obszön“, empört er sich. „Das direkte Gegenstück zur Freiheitsstatue.“ In diesen Tagen werden Vermesser über das Grundstück stapfen und Markierungsfähnchen in den Boden stecken. „Ein paar alte Damen kommen tagsüber immer zum Beten“, sagt der Pater. Nur halb scherzhaft fügt er hinzu: „Für die Ingenieure könnte es ganz schön unangenehm werden, wenn sie denen begegnen.“

Ein Projekt mit Vorgeschichte: Wie kostet Trumps Mauer?

In Washington haben sie wochenlang um 5,7 Milliarden Dollar gestritten. So viel hatte sich Präsident Donald Trump ausbedungen, um zunächst etwas mehr als 200 Kilometer Grenzzaun und/oder Grenzmauer bauen zu können. Gut 1,3 Milliarden soll er nun bekommen, für knapp 90 Kilometer Grenzanlagen. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich geplant ist. Und es ist nur ein Bruchteil der Summe, die gebraucht wird, wenn Trump all seine Pläne realisieren will. Überblick über ein politisch wie finanziell kostspieliges Projekt:

Die Idee, die 3144 Kilometer lange Grenze zwischen den USA und Mexiko durch Zäune und Mauern zu sichern, ist älter als die Präsidentschaft Trumps. 1993 ließ der demokratische Präsident Bill Clinton eine 22,5 Kilometer lange Stahlbarriere zwischen dem kalifornischen San Diego und dem mexikanischen Tijuana errichten; hier florierte zu der Zeit der Drogenhandel – und die illegale Einwanderung.

2006 trat das „Sicherer Zaun Gesetz“ unter dem Republikaner George W. Bush in Kraft; das Gesetz genehmigte den Bau von Mauern und Zäunen auf rund 1100 Kilometern. 2009 wurde das Programm wegen Geldmangels halb fertig eingestellt.

Neu am Plan von Präsident Trump ist, dass er nicht nur „Hotspots“ sichern will, sondern an einen Wall vom Pazifik bis zum Atlantik denkt. Das Konzept sieht, soweit bekannt, zweierlei vor: die Verstärkung der existierenden Anlagen sowie langfristig den Bau einer Mauer oder eines massiven, hohen Zaunes auf den noch lediglich durch Satellit oder Drohnen überwachten rund 1880 Kilometern; nicht darin enthalten sind etwa 130 Kilometer, auf denen die tiefen Schluchten des Rio-Grande-Tals eine natürliche Barriere bilden.

Die Kosten des Projekts sind heftig umstritten. Trump spricht – seit klar ist, dass Mexiko nicht wie von ihm gefordert die Kosten übernimmt – von 12 Milliarden Dollar. Das zuständige Department for Homeland Security rechnet mit 21 Milliarden. Die Demokraten werfen die Zahl 60 Milliarden ins Spiel. Was stimmt?

Die Statistikerin Liberty Vittert, Gastprofessorin an der Washington University in St. Louis, hat kürzlich für den Sender Fox News den Versuch unternommen, das Projekt seriös durchzurechnen. Bei 1850 Kilometern kommt sie für eine zwölf Meter hohe, 30 Zentimeter breite Mauer auf Materialkosten von 12,3 Milliarden Dollar; Arbeitskosten von 12,3 Milliarden; Kosten für den Ankauf von Land rund 200 Millionen – insgesamt rund 25 Milliarden. Das, betont Vittert, sind die reinen Baukosten – der Unterhalt der Anlage ist noch nicht berücksichtigt.

Von Karl Doemens/RND

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