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Schlepperkriminalität Konflikte weltweit befeuern das Schleppergeschäft
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20:18 13.06.2017
Der Direktor des Global Migration Data Analysis Centre der Internationalen Organisation für Migration Deutschland, Frank Laczko. Quelle: Gregor Fischer
Marburg

Frank Laczko reist regelmäßig von einem Ende der Welt zum anderen, um über die großen Wanderungsströme zu sprechen. Er leitet bei der Internationalen Organisation für Migration, kurz IOM, das Zentrum für Datensammlung in Berlin. Laczko fordert, dass die Staaten weltweit mehr Informationen sammeln sollten zu diesem Zehn-Milliarden-Dollar-Geschäft. Obwohl die illegale Einwanderung seit Jahren an Brisanz gewinnt, klagt der UN-Experte über große Wissenslücken. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Laczko auch über Schlepper und das Abkommen der Europäischen Union (EU) mit der Türkei zum Stopp der unkontrollierten Einreisen.

OP: Wie viele Migranten insgesamt nutzen auf ihrer Flucht Schlepper oder andere Kriminelle?

Laczko: Wenn man betrachtet, wie wichtig das Thema ist, sollte man riesige Mengen von Forschung und solide Statistiken erwarten. Aber es ist ganz anders: Manche Länder veröffentlichen gar keine Statistiken zum Ausmaß des Migrantenschmuggels und der Zahl der Schleuser. (...) Aber wir haben einige Daten: Beispielsweise hat Europol geschätzt, dass 2015 der Umsatz beim Schmuggelgeschäft mit Migranten nach Europa um die 4,6 bis über 6 Milliarden Euro betragen hat. Sie werden sich daran erinnern, dass 2015 eine Million Migranten nach Europa kamen. (...)

OP: Also müssen wir uns mit Schätzungen zufrieden geben? Was ist sicher?

Laczko: In diesem Geschäft geht es um riesige Geldsummen. Es ist ein Geschäft, in das man relativ leicht einsteigen kann. Und in dem man versucht, seine Gewinne zu maximieren. Eine Möglichkeit ist, so viele Menschen wie möglich auf ein Boot zu laden. Es wird oft gesagt, dass es derzeit ein Geschäft mit kleinem Risiko und mit großen Gewinnen ist. Entscheidungsträger in Europa und auf der ganzen Welt würden es gerne zu einem Geschäft mit hohem Risiko und geringem Gewinn machen. Bislang haben sie damit aber noch keinen Erfolg gehabt.

OP: Gar keinen?

Laczko: Nun ja, das Abkommen zwischen der EU und der Türkei hat sicherlich einen Einfluss auf den Schmuggel gehabt. Nach Angaben des Europol-Zentrums in Den Haag, das vor kurzem eingerichtet wurde, um Informationen zum Menschenschmuggel zusammenzutragen, könnten die Umsätze der Schmuggler wegen der kleineren Zahl von Menschen, die - vor allem über die östliche Mittelmeerroute - nach Europa kommen, um rund zwei Milliarden Euro gesunken sein. Dieses Abkommen hat viele Kritiker. Aber es hat das Schmuggelgeschäft beeinflusst.

Und wenn wir über Daten reden: Die offiziellen Statistiken sagen uns nicht, wie viele Migranten auf ihrer Reise in Afrika, in Libyen und auf ihrem Weg nach Europa oder in andere Teile der Erde ausgenutzt oder missbraucht wurden. (...)

OP: Wo liegt das zentrale Problem bei illegaler Migration?

Laczko: Das größte Problem ist wahrscheinlich, dass dem Thema Migration und dem Management von Migration nicht genug Priorität eingeräumt wurde. Einige Länder haben wohl so getan, als ob es sie nicht betreffen würde. Doch in den letzten Jahren ist auf der ganzen Welt ein Bewusstsein entstanden, dass Migration die meisten Länder betrifft, dass sie effizienter gesteuert werden muss und dass kein Land dies allein tun kann. Staaten müssen kooperieren.

OP: Und, tun sie das?

Laczko: Im letzten Jahr haben wir bei den UN eine wichtige Entwicklung beobachtet: Bei der UN-Generalversammlung im vergangenen September haben sich die UN-Mitgliedsstaaten darauf geeinigt, zusammenzuarbeiten, um einen sogenannten Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration zu entwickeln. Alle Länder waren sich einig, dass wir ein besser geordnetes System brauchen. Wir brauchen mehr reguläre Kanäle für Einwanderung, und wir müssen die Migration sicherer machen. (...)

OP: Glauben Sie, dass der Pakt umgesetzt wird?

Laczko: Das ist eine Sache, die Anfang nächsten Jahres von den Mitgliedsstaaten verhandelt wird. Und wir werden sehen, auf welche Empfehlungen und auf welche Aktionen sie sich einigen können. Das wird eine sehr schwierige Diskussion, weil alle Länder der Erde gefragt sind. Aber wenigstens beginnen sie diese Diskussion. (...)

OP: Was passiert in näherer Zukunft mit Blick auf den Schmuggel?

Laczko: Vermutlich wird es weiter Abwanderung etwa aus Afrika geben, wo die Zahl der jungen Menschen erheblich ansteigen wird. Es dürfte also keinen Mangel an Leuten geben, die Interesse an den Diensten der Schmuggler haben. Aber wenn die Leute wissen, dass sie es wahrscheinlich nicht schaffen werden und dass sie ihr Leben riskieren, wenn sie sich auf Schleuser einlassen, vielleicht wird der Schmuggel dann zurückgehen.

OP: Was sollten die Regierungen tun?

Laczko: Viele Länder haben Aktionspläne gegen Migrantenschmuggel. Dazu gehören längere Gefängnis- und Geldstrafen (für Schmuggler; Red.). Außerdem gibt es strengere Grenzkontrollen und bessere Warnmechanismen für Risiken. Eine andere Möglichkeit wäre, den Migranten Alternativen anzubieten, wie Arbeitsplätze zu Hause oder legale Migrationswege. Aber es gibt entweder keine oder nur sehr wenige Studien, wie diese Entscheidungen den Schmuggel beeinflussen. Dennoch glaubt die IOM, dass es eine Mischung verschiedener Ansätze geben muss. Meine Organisation hat einen Vier-Punkte-Plan für Staaten: den Migranten Schutz bieten, die Ursachen des Schmuggels bekämpfen, die Aktivitäten der Schmuggler effektiver stören und Daten besser erfassen.

OP: Was würde am meisten helfen?

Laczko: Die Probleme würden wohl am besten dadurch gelöst, dass man wirtschaftliche und politische Anreize schafft, statt zu versuchen, die Schmuggelaktivitäten selbst zu stören. Wenn ein Konflikt endet, gibt es weniger Nachfrage nach Schmugglern.

Zur Person

Frank Laczko ist Chef einer wichtigen Forschungsstelle der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen (UN) in Berlin. Als Direktor des Datenanalyse-Zentrums für Globale Migration (Global Migration Data Analysis Centre) leitet er zudem die IOM-Mission in Deutschland. Zuvor arbeitete er für die IOM in Budapest, Wien und Genf.

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