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Politik Die unheimliche Sehnsucht nach Sigmar Gabriel
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20:25 12.01.2019
Sigmar Gabriel bei der Jahresauftaktklausur der SPD-Landesgruppen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen/Bremen: Wenn er doziert, wird es ruhig im Raum. Quelle: Friso Gentsch/dpa
Berlin

Und plötzlich ist wieder alles wie früher. Sigmar Gabriel lehnt an einem Treppengeländer in der Lobby eines Osnabrücker Kongresshotels und redet über die anstehende Europawahl. Es ist der vergangene Dienstag, vor ihm stehen drei Journalisten, dann sind es fünf, irgendwann ist das Dutzend voll. Es lohnt sich, hier wird gerade eine mögliche Europawahlkampagne entworfen. „Die Menschen haben das Gefühl, dass nichts mehr in Ordnung ist.“ Wenn man es aber richtig mache, sagt Gabriel, dann könne Europa ein Ordnungsprinzip sein. „Darauf würde ich im Wahlkampf setzen“.

Es folgt ein klassischer Gabriel-Vortrag. Vom Facharbeiter in Salzgitter über die Weltpolitik in China und Washington bis hin zur SPD-Zentrale in Berlin benötigt er drei Sätze. These, Begründung, Konzept – und dann das ganze wieder von vorne los. Siggi erklärt die Welt. Keiner kann das so schön, wie er. Gabriel liebt diese Auftritte, sie sind seine Parade-Disziplin. These, Begründung, Konzept.

Vor nicht allzu langer Zeit haben die Genossen in solchen Momenten mit den Augen gerollt. Viele waren froh, als Gabriel im Jahr 2017 die Parteiführung nach fast acht Jahren abgab. Doch langsam ändert sich die Stimmung. Schuld daran sind auch Fehler der eigenen Spitzenleute, wie der von Parteichefin Andrea Nahles bei der Abberufung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg-Maaßen oder zuletzt die missglückte Selbstausrufung von Olaf Scholz zum möglichen Kanzlerkandidaten. In Umfragen steht die Partei abgeschlagen hinter den Grünen. Der einstige „25-Prozent-Trum“, in dem die SPD unter Gabriel gefangen schien, wirkt bei Werten um 15 Prozent wie eine Verheißung.

Sigmar Gabriel umgibt immer noch eine Aura der Macht

Nun mehren sich die Stimmen in der SPD, die sich wünschen, dass Gabriel wieder eine größere Rolle spielt. „Sigmar Gabriel ist nach wie vor ein heller Kopf und wir wären als SPD gut beraten, wenn wir ihn einbinden“, sagt etwa der wirtschaftspolitische Sprecher Bernd Westphal. „Sigmar Gabriel ist ein politisches Urtalent, steht mit Leidenschaft und Überzeugung für eine Politik der Mitte und fehlt derzeit als starke Stimme in der SPD“, findet Michael Frenzel, Präsident des SPD-Wirtschaftsforums. „Sigmar Gabriel sollte im Europawahlkampf eine Rolle spielen, genauso wie Martin Schulz“, fordert der ehemalige NRW-Landegruppenchef Axel Schäfer.

Es ist ein Trend, der einem Profi wie Gabriel natürlich nicht entgeht. Europa, Brexit, Wirtschaft – immer wieder ergreift Gabriel bei der Klausurtagung der Bundestagsabgeordneten aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in dieser Woche in Osnabrück das Wort. Wenn er doziert, wird es ruhig im Raum. Denn es gibt etwas, das Gabriel von vielen anderen ehemaligen Regierungsmitgliedern unterschiedet. Bei den meisten verschwindet mit dem Amt die Aura der Macht. Bei Gabriel ist sie geblieben.

Dabei geht es ihm auch darum, einen historischen Irrtum seiner Karriere auszugleichen. Als er Anfang 2017 den Vorsitz der SPD an Martin Schulz weiterreichte, versetzte das die Partei praktisch über Nacht in den Zustand totaler Euphorie. Als Außenminister erlebte er ein Comeback. Während der Stern von Martin Schulz sank, schwang Gabriel sich zu ungeahnter Beliebtheit auf. Er war angekommen. Darin liegt eine gewisse Tragik: Auf dem Höhepunkt seines Erfolges war Gabriels Karriere plötzlich vorbei.

Mit Nahles und Scholz ist ein Comeback nahezu ausgeschlossen

Mit seinen Gegnern von einst geht Gabriel nun betont selbstbewusst um. Mit dem Umweltpolitiker Matthias Miersch etwa kommt es in Osnabrück zu einem hitzigen Wortgefecht darüber, was für die SPD wichtiger sei: der Schutz des Klimas oder der von Arbeitsplätzen. Nachher steuert Gabriel auf Miersch zu, haut ihm auf die Schulter. „Mensch Matthias, wenn nicht mal mehr wir streiten - wäre doch auch blöd.“ Miersch lacht gequält. Er kennt das schon.

Manch ein Genosse mach sich bereits darüber Gedanken, wie man Gabriel in eine führende Position locken könnte. „Man wird ihn nicht nur bitten, sondern überzeugen müssen“, sagt der bayerische Abgeordnete Florian Post. „Aber bei einem ehrlichen Angebot stünde er bereit“.

Doch dass ein Gabriel-Comeback beginnt, so lange Andrea Nahles und Olaf Scholz etwas in der SPD zu sagen haben, gilt als ausgeschlossen. Mit Ach und Krach hatte das Duo ihn nach der Bildung der GroKo aus dem Kabinett gedrängt, das Verhältnis zu beiden gilt als irreparabel beschädigt. Viel wird davon abhängen, wie die nächsten Monate laufen und welche Ergebnisse die SPD bei der Europawahl im Mai erzielt. Sollten Nahles und Scholz stürzen, könnte die Stunde des Sigmar Gabriel schlagen.

Dabei könnte er von einer Debatte profitieren, die sein Freund Martin Schulz und sein Kontrahent Olaf Scholz unabgestimmt losgetreten haben: die einer möglichen Urwahl eines Kanzlerkandidaten für die kommende Bundestagswahl. Parteitagsreden konnte Gabriel schon immer. Und Basiskonferenzen sowieso.

Bis es so weit sein könnte, bleibt er im Wartestand. Als Nahles die Abgeordneten bei der Tagung in Osnabrück besucht, packt ihr Vor-Vorgänger demonstrativ die Sachen und verlässt den Raum. Die Motivationsrede der aktuellen Chefin hört er sich nicht an. Lieber bestellt er ein Taxi und fährt nach Hause.

Von Andreas Niesmann/RND

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