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Politik Russischer Botschafter in Ankara erschossen
Mehr Welt Politik Russischer Botschafter in Ankara erschossen
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23:43 19.12.2016
Videos der Tat kursieren im Internet. Darin ruft der Attentäter „Vergesst nicht Aleppo“ und „Vergesst nicht Syrien“, während er neben dem leblos auf dem Boden liegenden Botschafter herumläuft. Quelle: afp
Istanbul

Der russische Botschafter in Ankara ist bei einem Anschlag in der türkischen Hauptstadt getötet worden. „Als Resultat eines Angriffs erlitt Andrej Karlow Verletzungen, an denen er gestorben ist“, teilte am Montagabend in Moskau eine Sprecherin des Außenministeriums mit. Sie sprach von einem „Terrorakt“. Nach Angaben des Bürgermeisters von Ankara wurde der Täter als türkischer Polizist identifiziert.

Auf Karlow war bei der Eröffnung einer Kunstausstellung in der türkischen Hauptstadt geschossen worden. Der Angreifer rief einem Augenzeugen zufolge „Aleppo“ und „Rache“. Er verletzte auch mehrere weitere Menschen und wurde schließlich laut Medienberichten von Sicherheitskräften „neutralisiert“. Es blieb zunächst unklar, ob der Attentäter getötet oder gefasst wurde. Auf Twitter kursieren Bilder, die den Attentäter blutüberströmt am Boden liegen zeigen.

Video zeigt mutmaßlichen Attentäter

Unter anderem soll der Attentäter „Vergesst nicht Aleppo“ und „Allahu Akbar“ gerufen haben. Quelle: Twitter/Ali Özkök/rt

Am Abend wurden ersten Informationen zum Täter bekannt: Laut türkischem Innenministerium handelt es sich um einen 22-jährigen Polizisten aus Ankara namens Mevlut Mert Altinas. Er arbeitete seit zweieinhalb Jahren für eine Spezialeinheit in der türkischen Hauptstadt. Nach der Tat bekannte sich Altinas zum Dschihad und sprach von „Rache“ für Aleppo.

Der großgewachsene junge Mann hatte am Montagabend bei der Eröffnung einer Fotoausstellung mit Bildern aus Russland den Botschafter Andrej Karlow erschossen. „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) rief der in einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd gekleidete Angreifer und erwähnte auf Arabisch „die sich zum Dschihad bekennen“. „Vergesst Syrien nicht, vergesst Aleppo nicht“, rief er dann auf Türkisch.

„Alle, die sich an dieser Tyrannei beteiligen, werden zur Rechenschaft gezogen. Einer nach dem anderen“, rief er noch. Nach dem Anschlag weigerte er sich, sich der Polizei zu stellen und wurde laut der Nachrichtenagentur Anadolu 15 Minuten später von der Polizei in dem Kunstzentrum im Botschaftsviertel Cankaya „neutralisiert“. Fotos in den sozialen Medien zeigten ihn tot, in der Wand hinter ihm sind Einschusslöcher zu sehen.

Der bei einem Attentat in Ankara erschossene russische Diplomat Andrej Karlow war seit Juli 2013 Botschafter in der Türkei. Quelle: Sputnik

Anschlag vor Ministertreffen in Moskau

Noch am Abend wurde Medienberichten zufolge seine Wohnung durchsucht und seine Mutter und Schwester zur Befragung mitgenommen. Laut Innenministerium wurde Altinas in der Stadt Soke in der westlichen Provinz Aydin geboren. Nach einer Ausbildung an einer Polizeiakademie begann er seinen Einsatz in Ankara.

In den vergangenen Tagen hatte es in der Türkei wiederholt Proteste vor den Botschaften des Iran und Russlands wegen deren Unterstützung für die Offensive der syrischen Regierungstruppen gegen die Rebellen im syrischen Aleppo gegeben. In der türkischen Bevölkerung ist die Empörung groß über das Vorgehen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad in der nordsyrischen Großstadt. Die Stadt wurde inzwischen von der syrischen Armee fast vollständig von den Rebellen zurückerobert.

Das Verhältnis Moskaus und Ankaras hatte sich nach einer mehrmonatigen Eiszeit zuletzt verbessert. Beide Länder vermittelten in der vergangenen Woche ein Abkommen zum Abzug der verbliebenen Rebellenkämpfer und Zivilisten aus dem Osten Aleppos. Am Dienstag ist ein Treffen in Moskau zwischen den Außenministern Russlands, der Türkei und des Iran zum Syrien-Konflikt geplant.

Die Polizei sperrte die Gegend um den Tatort ab. Quelle: dpa

Regierungen verurteilen Anschlag: „Sinnlose Tat“

Die Bundesregierung verurteilte den tödlichen Angriff auf Karlow „auf das Schärfste“. Es handele sich um eine „sinnlose Tat“, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert am Montagabend im Kurzbotschaftendienst Twitter. Auch andere Regierungen zeigten sich entsetzt über den Anschlag.

„Wir verurteilen diesen Akt der Gewalt“, erklärte in Washington der Sprecher des US-Außenministeriums, John Kirby. Ähnlich äußerte sich der Elysée-Palast in Paris. Auch die Europäische Union (EU) verurteilte die Tat.

Das mit Russland verbündete Syrien sprach von einem „feigen Angriff“ und „abscheulichen Verbrechen“. Dieses zeige die Notwendigkeit, „alle Maßnahmen zu ergreifen, um den Terrorismus zu bekämpfen“, erklärte das Außenministerium in Damaskus.

Der Konflikt zwischen Russland und der Türkei

Am 24. November 2015 stürzte die Beziehung zwischen Russland und der Türkei in eine schwere Krise. Türkische F-16-Kampfflugzeuge schossen eine russische Suchoi Su-24 mit der Begründung ab, der Jet habe unerlaubt türkisches Gebiet überflogen. Moskau bestritt das und wies auch die Darstellung zurück, der Pilot sei gewarnt worden.

Als Vergeltung erließ Russland umfangreiche Wirtschaftssanktionen. Die Einfuhr von türkischem Obst und Gemüse wurde verboten, russischen Unternehmen wurde die Einstellung türkischer Arbeiter verboten. Auch Charterflüge in die Türkei mussten eingestellt werden – für den türkischen Tourismus ein schmerzhafter Einschnitt.

Im Juni 2016 endete die Eiszeit, als der Kreml über einen Brief des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan an Kremlchef Wladimir Putin berichtete. Aus russischer Sicht enthielt das Schreiben die geforderte Entschuldigung für den Abschuss. Die türkische Regierung beharrt darauf, Erdogan habe zwar die Hinterbliebenen des getöteten Piloten, nicht aber die russische Regierung um Verzeihung gebeten. Seither nähern sich die Türkei und Russland über wirtschaftliche Kooperationen wieder an.

Ein politisches Streitthema zwischen Moskau und Ankara bleibt Syrien. Russland unterstützt Präsident Baschar al-Assad, die Türkei will dessen Rücktritt. Trotz Meinungsverschiedenheiten im Syrien-Konflikt bekräftigten beide Regierungen aber ihren Willen zum Dialog über die Lage in dem Bürgerkriegsland. Am vergangenen Freitag kündigte Putin neue Syrien-Gespräche unter der Führung Russlands und der Türkei an.

Von RND/dpa/afp/abr/wer