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08:58 22.09.2014
Von Gabi Stief
Manche Klischees über Berufsgruppen sind unverwüstlich. Die meisten Soziologen, heißt es, landen am Steuer eines Taxis, viele Ärzte hätten dagegen einen Porsche in der Garage. Quelle: dpa
Berlin

Manche Klischees über Berufsgruppen sind unverwüstlich. Die meisten Soziologen, heißt es, landen am Steuer eines Taxis, viele Ärzte hätten dagegen einen Porsche in der Garage. Die prekäre Lage der Geisteswissenschaftler wurde kürzlich in einer aufwendigen Untersuchung widerlegt; die Porsche-These ist noch unerforscht. Aber man kann getrost davon ausgehen, dass nicht alle Soziologen arm und nicht alle Ärzte reich sind. So einfach ist das. Sollte man glauben.

Klaus Reinhardt kann ein Lied davon singen, wie schwer es ist, vernünftig über die finanzielle Lage von Ärzten zu reden. Reinhardt ist praktizierender Hausarzt in Bielefeld und nebenbei seit drei Jahren Vorsitzender des Hartmannbundes, der ältesten Interessenvertretung der Ärzteschaft. Lobbyist also. „Ein moderater“, sagt er über sich. Einer, der zunehmend aneckt, weil viele Kollegen immer weniger verstehen wollen, dass man Kompromisse schließen muss. „Es ist schwierig, wenn jeder auf seinen eigenen Teller schaut“, sagt Reinhardt. „Und wenn jeder nur beklagt, dass er zu wenig abbekommt.“

Das heißt noch lange nicht, dass Reinhardt mit der Bezahlung der Ärzte in diesem Land zufrieden ist. Das Gegenteil stimmt. Das Honorarsystem hält er für grotesk. Da die Krankenkasse für jeden Patienten pro Quartal die gleiche Grundpauschale zahlt, gleich, wie oft er in der Praxis erscheint, sei der Arzt mit den meisten schwierigen Fällen der Dumme. „Der schlechte, oberflächliche Arzt wird gut bezahlt“, sagt Reinhardt. „Der gute Mediziner, der sich für seine Patienten Zeit nimmt, schlecht.“

Hinzu komme, dass kaum jemand die komplizierte Gebührenordnung verstehe. Sogar die meisten Experten seien überfordert, wenn sie die Regeln erklären sollen. Fest steht: Da das Gesamtbudget gedeckelt ist, drückt die Menge auf den Preis. Millionen Überstunden blieben mittlerweile unbezahlt, klagten die Kassenärztlichen Vereinigungen kürzlich, als die alljährlichen Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen anstanden. Eine fiktive Rechnung, versteht sich. Aber der Grund ist offensichtlich: Es gibt nicht weniger Ärzte, aber immer mehr Patienten.

Damit wäre man bei einem weiteren Problem, das den Vorsitzenden des Hartmannbunds fast noch mehr umtreibt als die leidige Honorarordnung. Reinhardt ist zu dem Schluss gekommen, dass eine „Infantilisierung“ stattfindet. Anders gesagt: Mit jeder Kleinigkeit rennen die Leute zum Arzt. „Früher wurde ein Brechreiz auskuriert, heute rufen viele den Notarzt.“ Jeder meine, er könne das Gesundheitssystem zügellos in Anspruch zu nehmen. Zwangsläufige Folge seien lange Wartezeiten beim Facharzt. Reinhardt hält die Praxisgebühr nicht für das genialste Mittel, den Arztbesuch zu steuern. „Aber die ersatzlose Abschaffung war ein großer Fehler.“ Ein Fehler, den die Ärzte der FDP und dem damaligen freidemokratischen Gesundheitsminister nicht so schnell verzeihen werden.

Reinhardt ist in einer Arztfamilie aufgewachsen. Vor knapp 20 Jahren hat er die gemeinsam von Vater und Mutter geführte Praxis übernommen. Wie seine Eltern lebt der 54-Jährige für diesen Beruf und kämpft aus Überzeugung für die Freiberuflichkeit, an der er vor allem das selbstbestimmte Arbeiten schätzt. Aber er sieht auch, dass junge Mediziner mittlerweile andere Erwartungen und Wünsche haben. Die Geschichte vom Landarzt, der mit dem Köfferchen über die Dörfer fährt, während die Frau zu Hause das Essen kocht, sei überholt, sagt er. Viele wollten heute dem Beruf nicht mehr alles unterordnen; niemand wolle den Kindern lange Wege zur Schule zumuten. Auf dem Lande seien neue Strukturen, neue Ideen gefragt. „Warum soll die Ärztin nicht als Angestellte der Kassenärztlichen Vereinigung oder der Kommune stundenweise im Altenheim arbeiten?“

Frauke Homilius, Augenärztin in Pattensen, hat andere Sorgen. Sie braucht neue Ideen, um ihren Umsatz zu halten. 1994 war sie der letzte Facharzt, der im Landkreis Hannover noch eine neue Praxis eröffnen durfte. Kurz darauf verhängte die Politik eine Niederlassungssperre. Neugründungen sind seitdem ausgeschlossen. Damals verdiente Frauke Homilius 70 Mark pro Schein, also pro Patient, im Quartal. Irgendwann sank der Betrag auf 
17 Euro; heute liegt er bei 20 Euro. Zu wenig, sagt sie. Drei Kinder gehören zur Familie. Vor zwei Jahren, als in der Nachbarschaft über viele Monate hinweg ein Altenheim gebaut wurde und viele Patienten wegen der Straßensperrungen wegblieben, hat sie sogar ans Aufgeben gedacht. Der Umsatz sank um ein Drittel. Der Bürgermeister, bei dem sie Rat suchte, winkte nur ab. Am Ende eröffnete sie im neun Kilometer entfernten Bennigsen eine zweite Praxis, um über die Runden zu kommen. An drei Tagen in der Woche praktiziert sie halbtags dort. Unterm Strich rechnet sie jedes Quartal etwa 1000 Patienten ab. Der Richtwert für ihre Praxis, den sie nicht auf Dauer überschreiten darf, liegt bei 1400.

Aber was heißt schon „über die Runden kommen?“ Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamts gehören die Augenärzte mit einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 19 000 Euro (vor Steuern) zu den Spitzenverdienern unter den Medizinern. Der Monatsverdienst von Frauke Homilius beträgt etwa 7500 Euro; ihr Jahresverdienst, nach Abzug der Kosten, 90 000 Euro. Etwa 30 000 Euro davon kassiert das Finanzamt; weitere 30 000 Euro zahlt sie für ihre Krankenversicherung und die Altersvorsorge. Warum verdienen die Kollegen mehr? „Ganz einfach“, sagt sie. „Nur wer ambulant operiert, kommt auf den Durchschnittsverdienst.“ Wer keine privaten Leistungen anbietet und nur von Kasseneinnahmen lebe, verdiene noch weniger als sie.

Frauke Homilius hat sich einiges einfallen lassen, um mit „Igeln“ (individuellen Gesundheitsleistungen, die nicht die Kasse bezahlt) den Umsatz zu steigern. Neben der Glaukom-Untersuchung bietet sie eine Brillenberatung für 20 Euro an – und einen Autofahrercheck für 50 Euro. Am Wochenende schreibt sie Gutachten, um etwas dazuzuverdienen. Alle 
14 Tage geht sie zu einem Kollegen in die Praxis, um zu lasern. Den Kauf eines eigenen Geräts kann sie sich nicht leisten. Wenn sie sich ein Gehalt wünschen könnte, läge es bei 4250 Euro netto. Dies sei eine Frage der Wertschätzung, sagt sie. „Nach sechs Jahren Studium und fünf Jahren Facharztausbildung für eine 50-Stunden-Woche samt Verantwortung für die Mitarbeiter und die Patienten.“ Den Beruf an den Nagel hängen? Zwei Augenarztpraxen in Hannover wurden gerade von Großpraxen für jeweils 20 000 Euro aufgekauft. „Verscherbelt!“, sagt sie. Der Frust ist unüberhörbar. „Die Medizin wird billig und uniform, wie Aldi“, klagt Homilius und fügt hinzu: „Das persönliche Gespräch ist immer weniger gefragt.“

Hausarzt Reinhardt hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er ist überzeugt, dass der Arzt als Freiberufler Zukunft hat. Sonst könnte er sich nicht so engagieren wie er es tut. Dass immer mehr Medizinstudierende lieber als Angestellte arbeiten wollen, hält er für einen vorübergehende Laune. Das Resümee von Frauke Homilius klingt dagegen trotzig: „Meine drei Kinder werden nicht in meine Fußstapfen treten.“

So machen es die Nachbarländer

Dänemark
Für die medizinische Versorgung sind die Gemeinden zuständig. Finanziert wird die öffentliche Krankenversicherung über eine einkommensabhängige, achtprozentige Steuer. Erste Adresse für Patienten ist der Hausarzt, der an Spezialisten überweist. Nur der Besuch von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten und Augenärzten ist ohne Überweisung erlaubt. Für bestimmte Medikamente muss bis zu einer Grenze von jährlich etwa 70 Euro zugezahlt werden. Die Zahnarztbehandlung und privatärztliche Leistungen müssen komplett selbst bezahlt werden; es sei denn, es wurde eine private Zusatzversicherung abgeschlossen.
Zahl der Ärzte (2008): 3,4 je 1000 Ew.

Großbritannien
Im staatlich organisierten Gesundheitssystem können Versicherte ihren Arzt nicht frei wählen. Die Postleitzahl bestimmt, zu welchem Hausarzt sie zu gehen haben. Bei Bedarf überweist er Patienten an einen Spezialisten oder ein Krankenhaus. Hausärzte arbeiten häufig in Gemeinschaftspraxen oder Ärztezentren. Bezahlt werden die Ärzte über Kopfpauschalen, die sich nach der Anzahl der zu versorgenden Einwohner richten. Die Behandlung beim Arzt ist kostenlos, Praxisgebühren oder Selbstbeteiligungen gibt es nicht – nur bei Arzneimitteln, Zahnbehandlung und Brillen werden Zuzahlungen fällig.
Zahl der Ärzte (2009): 2,6 je 1000 Ew.

Frankreich
Im ambulanten Sektor dominieren wie in Deutschland freiberuflich niedergelassene Haus- und Fachärzte. Der Patient kann sich seinen Arzt frei wählen, auch den Facharzt. Er zahlt den Arzt direkt, der in begründeten Fällen die von der Krankenversicherung festgelegten Gebühren überschreiten darf. Der Patient muss zuzahlen, es sei denn, er ist chronisch krank oder Geringverdiener – bei Arzthonoraren 30 Prozent, bei Arzneimitteln bis zu 100 Prozent. Fast jeder Franzose hat eine private Zusatzversicherung, die die Zuzahlungen erstattet. Vor wenigen Jahren wurde zudem eine Praxisgebühr eingeführt.
Zahl der Ärzte (2008): 3,5 je 1000 Ew.

Bund und Länder arbeiten an einem Maßnahmenkatalog gegen aus Deutschland stammende Angehörige der Dschihadisten-Miliz „Islamischer Staat“. Untersucht werde, ob und wie Mitgliedern der Terrormiliz, die über einen deutschen Pass verfügen, die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt werden könne.

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