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Politik Relotius ist untypisch für die Presse – und zeigt doch ihre Fehler
Mehr Welt Politik Relotius ist untypisch für die Presse – und zeigt doch ihre Fehler
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17:18 23.12.2018
Schon 2014 zum „Unwort des Jahres“ gewählt – und nun doch bestätigt durch die Fälscher-Affäre des Spiegel? Nicht ganz. Quelle: dpa
Kommentar

Als der „Spiegel“ den Betrugsskandal um seinen Redakteur Claas Relotius öffentlich machte, war zweierlei abzusehen: Wenn ein vielfach preisgekrönter Reporter des international respektierten Nachrichtenmagazins in seinen Texten gezielt mit Lügen und Erfindungen gearbeitet hat, wird das weitreichende Folgen über das Hamburger Heft hinaus haben. Es ist ein Beben für den gesamten deutschen Journalismus, der nun noch mehr um seine Glaubwürdigkeit bangen und kämpfen muss.

Ebenso klar war, dass nicht nur Leser erschüttert sind, die die Medienbranche – bisweilen zu Recht – kritisch verfolgen, sondern dass die Affäre gefundenes Fressen für alle jene ist, die deshalb von „Lügenpresse“ sprechen, weil ihnen bestimmte Meinungen oder Einordnungen nicht passen und sie vor allem nicht kritisiert werden wollen.

Diese Wortmeldungen zur „Spiegel“-Affäre sind längst in der erwarteten Schärfe auf dem Markt, einige – etwa die Kritik von Donald Trumps Botschafter in Deutschland – fielen auch schärfer aus als erwartet.

Schmerzvolle öffentliche Debatte

Und doch kann keine noch so giftige Häme für den deutschen Journalismus so schmerzvoll sein wie der Prozess, durch den er jetzt freiwillig, selbstkritisch und öffentlich geht. In jedem Blatt, jedem Sender, jeder Redaktion wird seit vorigem Mittwoch debattiert, geschimpft und abgewogen. Nicht nur der „Spiegel“ und andere von Relotius getäuschte Redaktionen arbeiten den Fall so transparent auf, wie man es sich etwa von der Autoindustrie im Diesel-Skandal erhofft hatte.

Darüber hinaus stellen die Kollegen in ganz Deutschland in den Kommentarspalten, auf den Medien-Seiten und in sozialen Netzwerken bisherige Gewissheiten infrage. Zentrale Frage: Gibt es Mechanismen oder blinde Flecken im Journalismus, die solchen Betrug am Leser ermöglichen oder gar begünstigen?

Die Erzählform ist unschuldig

Dass dabei auch übers Ziel hinausgeschossen wird, zeigt die jüngste Meldung in der Affäre: Relotius hat offenbar Spendengeld für die Helden seiner Reportagen aus Krisengebieten gesammelt – das auf seinem Privatkonto landete. Das zeigt, dass da kein perfektionistischer Star-Reporter am Werk war, der unter dem Druck, die schönste Geschichte zu schreiben, quasi aus Notwehr die Fakten verbog. Sondern ein Betrüger, der mit krimineller Energie vorging; der log, E-Mails und Belege fälschte, direkten Kollegen bewusst schadete und womöglich sogar Geld veruntreute. Er ist aus diesen vielen weiteren Gründen völlig untypisch für den alltäglichen Journalismus in Deutschland.

Noch weniger ist die Erzählform der Reportage schuld – denn ohne deren Werkzeuge, Fakten zu sammeln, Menschen zu treffen und Zusammenhänge darzustellen, hätte sein Kollege Juan Moreno Relotius nie überführt.

Die Fehler im System

Und doch gibt es Entwicklungen in manchen deutschen Medien, die den Fall begünstigt haben. Während es dem faktengetriebenen Nachrichtenjournalismus im Online-Zeitalter immer schwerer fällt, sich angemessen zu finanzieren, entwickelten sich anderswo Journalistenpreise für exotische, schön geschriebene Erzählgeschichten zur heimlichen Währung. So wurde die Eitelkeit der Autoren ein zu großer Faktor – gerade in den Häusern, wo die Ressourcen größer sind als bei den tagesaktuellen Redaktionen und wo diese größeren Möglichkeiten besser in Aufklärung und Information fließen sollten.

Dass Claas Relotius die Welt oft so beschrieb, wie seine Leserschaft sie ohnehin sehen wollte, verdeutlicht zudem die Falle, aus Gefallsucht Fakten wegzulassen.

Sein Fall ist also untypisch und eine Verallgemeinerung ungerecht. Und doch gibt es Fragen, die die deutschen Medien auch ohne Betrugsskandal kritischer hätten besprechen müssen.

Von Steven Geyer/RND

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