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Politik „Er fehlt“ – gerade die SPD vermisst Helmut Schmidt
Mehr Welt Politik „Er fehlt“ – gerade die SPD vermisst Helmut Schmidt
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14:12 23.12.2018
Altkanzler Helmut Schmidt wäre am 23. Dezember 100 Jahre alt geworden. Quelle: Fritz Fischer/dpa
Berlin/Hamburg

Einmal nahm Sigmar Gabriel seine Frau mit zur „Audienz“. „Wir waren beim lieben Gott“, sagte sie danach. Die Treffen liefen immer gleich ab, Helmut Schmidt stellte Gabriel eine Höflichkeitsfrage, kurze Antwort. Dann über 20 Minuten Referat Schmidts zur Weltlage, rauchgeschwängert von den Mentholzigaretten.

Kein Wort zu Willy Brandt und immer die Frage: „Du hast doch auch gegen mich gestimmt?“ Gemeint war der Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von US-Atomraketen in Deutschland. „Ja“, antwortete Gabriel, aber er müsse rückblickend sagen: „Du hattest Recht“.

Darauf Schmidt: „Du gibt es wenigstens zu!“ Eine Million Menschen demonstrierte damals dagegen. Letztlich führte aber die von US-Präsident Ronald Reagan durchgesetzte Aufrüstung dazu, die Sowjetunion finanziell und wirtschaftlich in die Knie zu zwingen.

Legendäre Abneigung zwischen Willy Brandt und Helmut Schmidt

Am 23. Dezember wäre Schmidt 100 Jahre alt geworden. Als der von seinen Nachfolgern ausgebootete langjährige SPD-Chef Gabriel Mitte Dezember auf der Fraktionsebene im Bundestag die Anekdoten zum Besten gibt, kommen rasch Martin Schulz und andere Abgeordnete dazu - leuchtende Augen, Wärmen an besseren SPD-Zeiten. „Er fehlt“, sagt einer, ein anderer meint mit Blick auf die legendäre Abneigung zwischen dem Visionär Willy Brandt und dem hanseatisch trockenen Realpolitiker Schmidt: „Willy hat immer gesagt: Mit Helmut kannst Du über alles reden - nur nicht über Politik.“

Am 23. Dezember wäre Helmut Schmidt 100 Jahre alt geworden. Unsere Bildergalerie zeigt Stationen seines politischen Wirkens zwischen 1974 und 1982, den Jahren seiner Kanzlerschaft.

Schmidt wurde eigentlich erst nach seiner Kanzlerschaft (1974-82) durch kluge Einwürfe als Herausgeber der „Zeit“ zum Mentor der Nation - über seinen Verdruss mit den aktuellen Zeitläuften machte er kurz vor seinem Tod (10. November 2015) keinen Hehl. „Es zeichnet politische Führer wie Churchill, de Gaulle oder Adenauer aus, dass sie nicht nur die nächste Wahl, sondern auch das langfristig Notwendige im Blick haben“, schrieb er in seinem letzten Buch „Was ich noch sagen wollte“. „Der Trend, nur noch in Legislaturperioden zu denken, hat seither erheblich zugenommen.“

Olaf Scholz: Schmidts Lebensleistung „wird immer noch unterschätzt“

Was Schmidt wohl heute über Koalitionskrisen wegen eines Paragrafen 219a zum Werbeverbot von Abtreibungen denken würde, während derweil die westliche Allianz zerbricht, China seine globale Macht ausbaut und Großbritannien im Brexit-Chaos versinkt? Jüngst wurde im Willy-Brandt-Haus eine Fotoausstellung eröffnet. Dort sind auch private Bilder von Schmidt mit seiner Ehefrau Loki und qualmige Bilder aus Schmidts Kellerbar in Hamburg-Langenhorn mit dem damaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu sehen.

„Die Bedeutung des Lebenswerks von Helmut Schmidt wird immer noch unterschätzt“, sagte bei der Eröffnung der langjährige Erste Bürgermeister Hamburgs und heutige Bundesfinanzminister Olaf Scholz über sein Vorbild Schmidt - beide kannten und schätzten sich.

Da Führungen durch das Haus am Neubergerweg 80 in Langenhorn noch nicht möglich sind, bietet die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung einen virtuellen Rundgang an. Es ist immer noch so, wie sie hier gelebt haben: Bücher und Bilder, wohin man blickt, die berühmte Bar - Schmidt war der persönliche Kontakt zu anderen Staatenlenkern wichtig, da das am Ende bessere, multilaterale Entscheidungen ermögliche. Was er wohl von Donald Trump halten würde? Seit 1961 wohnten Helmut und Loki Schmidt hier.

Berühmte „Freitagsgesellschaft“ in Langenhorn

Sogar der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew war in Langenhorn zu Besuch - es wurde quasi der zweite Regierungssitz von „Schmidt Schnauze“. Berühmt war die „Freitagsgesellschaft“, zu der die Schmidts nach Abgaben der Stiftung rund 30 Jahre lang jeden zweiten Freitag im Monat Politiker, Unternehmer, Künstler, Ärzte und Wissenschaftler einluden. „Entsprechend des Testaments von Helmut und Loki Schmidt soll das Wohnhaus unverändert erhalten bleiben“, betont die Stiftung. Nebenan entstand schon vor Jahren ein Archiv, das Forschern offensteht. Schmidt hatte seit dem als Soldat überlebten Krieg alles festgehalten und gesammelt.

Stationen in Helmut Schmidts Leben

• 23. Dezember 1918: Helmut Schmidt wird in Hamburg geboren

• 1937: Abitur

• 1939 bis 1945: Soldat im Zweiten Weltkrieg

• 1942: Hochzeit mit Hannelore (Loki) Glaser, die Schmidt auf dem Gymnasium kennengelernt hat

• 1945 bis 1949: Studium der Staatswissenschaften und Volkswirtschaft an der Universität Hamburg

• 1946: Eintritt in die SPD

• 1949 bis 1953: zunächst Referent, dann Abteilungsleiter der wirtschaftspolitischen Abteilung in der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr und später Leiter des Amtes für Verkehr

• 1953 bis 1962: Erstmals Mitglied des Bundestages

• 1961 bis 1965: Hamburger Polizeisenator, später Innensenator. Krisenmanagement der Flutkatastrophe im Februar 1962

• 1965 bis 1986: Erneut Mitglied des Bundestages

• 1967 bis 1969: Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion

• 1969 bis 1972: Verteidigungsminister

• 1972: für fünf Monate Wirtschafts- und Finanzminister als Nachfolger des zurückgetretenen Karl Schiller

• 1972 bis 1974: Bundesfinanzminister

• 1974 bis 1982: Bundeskanzler als Nachfolger des zurückgetretenen Willy Brandt; Schmidt wird nach dem Bruch mit dem Koalitionspartner FDP durch ein konstruktives Misstrauensvotum von Helmut Kohl (CDU) abgelöst.

• seit 1983: Herausgeber der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“

• 2010: Tod Loki Schmidts

• 10. November 2015: Helmut Schmidt stirbt mit 96 Jahren in Hamburg

Auch Scholz war übrigens einst gegen den Nato-Doppelbeschluss, wie auch der bislang letzte SPD-Kanzler Gerhard Schröder. Aber am Ende mündete das Wettrüsten in Abrüstungsverhandlungen, unter anderem im INF-Abrüstungsvertrag für Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa, den US-Präsident Trump nun infrage stellt - weil Russland ihn verletze. Die heutigen Zeiten sind weitaus unübersichtlicher als der Kalte Krieg.

Schmidt würde an „Fake News“ verzweifeln

Und ein Helmut Schmidt würde an „Fake News“ und Oberflächlichkeit verzweifeln. Schmidt lebe mit seinem Werben für internationale Kooperation und ein gemeinsames Europa weiter, betont Scholz. Auch er muss ja öfter betonen, „ein Sozialdemokrat in echt“ zu sein. Der SPD würde Schmidt heute zu mehr Attacke raten und von hektischen Kurswechseln nach links abraten, glaubt Scholz. „Er würde sagen: Vergesst nicht, was wir gemeint haben, als wie die SPD zur Volkspartei weiterentwickelt haben.“ Das sieht auch Schröder so: „Wenn die SPD etwas aus der Ära von Helmut Schmidt für heute lernen kann, dann ist es eines: Mehrheiten werden in der politischen Mitte gewonnen, nicht am Rand“.

In der SPD gibt es wegen des Umfrageabsturzes auf 15 Prozent Strömungen, die in der Steuer- und Sozialpolitik stramm nach links wollen. „Mit seiner Politik konnte er breite Mehrheiten erreichen, weil er der SPD Kompetenz in den Bereichen Wirtschaft und innere Sicherheit verschaffte“, betont Schröder. Die Wählergruppe, die man heute unter dem Begriff „Mitte“ fasse, habe er bei den Wahlen 1976 und 1980 für die SPD mobilisiert.

Schmidt war ein Motor der europäischen Einigung

Schmidt war eine der prägenden Figuren der Bundesrepublik, die die Lehren aus der finsteren Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in politisches Handeln umzusetzen versuchte. Er wurde ein Motor der europäischen Einigung, begründete die G7-Treffen - und warb unermüdlich für die deutsch-französische Aussöhnung. Den Hamburgern ist unvergesslich, wie Schmidt als Innensenator in seiner Heimatstadt die Folgen der Flutkatastrophe von 1962 bewältigte. Und immer an seiner Seite : Loki. 68 Jahre waren sie verheiratet. Sie starb im Herbst 2010.

Bei der Trauerfeier im Hamburger Michel war Schmidt von Trauer schwer gezeichnet, er trug beide Eheringe an der rechten Hand. 2012 bekannte er sich zu seiner neuen Freundin Ruth Loah, die seit Jahrzehnten zu Schmidts Vertrauten gehörte und ohne die er - wie Schmidt sagte - den Verlust von Loki nicht überlebt hätte.

An diesem Sonntag (12 Uhr) findet im Hamburger Michel nun die Andacht für Helmut Schmidt statt. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit will in einer Rede „an den großen Hanseaten und Hamburger Ehrenbürger“ erinnern. Neben Michel-Hauptpastor Alexander Röder wird auch Stefan Herms, Vorstand der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, sprechen. Schon am Vormittag (11 Uhr) öffnet im Rathaus ein Sonderpostamt, in dem sich Interessierte eine neue 70-Cent-Sonderbriefmarke mit dem Konterfei des Alt-Kanzlers kaufen und mit dem Geburtstagsdatum abstempeln lassen können.

Den RAF-Terroristen die Stirn geboten

Für viele bleibt aus der Zeit als Kanzler vor allem das Bild des „Mannes von Mogadischu“, der den Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) die Stirn bot. Er und Loki ließen schriftlich hinterlegen, dass sie sich im Falle einer Entführung nicht gegen inhaftierte Terroristen austauschen lassen wollen. So verfuhr Schmidt auch beim in Köln gekidnappten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer, der ermordet wurde. Schleyers Tod lastete schwer auf ihm.

Schmidt war wirtschaftlich durchaus erfolgreich und investierte viel in den Ausbau der Universitäten - es gehört aber zu seinem großen Versäumnis, sich nicht genug um das Ökologie-Thema gekümmert zu haben. Er setzte auf Atomkraft und wollte sie sogar zum deutschen Exportschlager machen. Noch heute resultiert aus der Zeit eine umstrittene Atompartnerschaft mit Brasilien, inklusive Belieferung mit Brennstäben. Es kam zum Aufstieg der Grünen.

Gabriel nennt Schmidt eine „Jahrhundertgestalt“

In der „Zeit“ schrieb Gabriel jüngst über Schmidt: „Auf wenige trifft der Begriff ,Jahrhundertgestalt’ so sehr zu wie auf Helmut Schmidt.“ Schmidt sei eben kein blutleerer Macher und distanzierter Welterklärer gewesen. „Dieser überzeugte europäische Patriot war ebenso ein feinsinniger Kulturmensch und ein an Karl Poppers Denken geschulter Erfahrungsphilosoph, der sein politisches Handeln aus ethischer Verantwortung und aus der Pflicht, dem Gemeinwohl zu dienen, ableitete“, so Gabriel. „Schon das verband ihn zeitlebens mit seiner Partei, die sich wie keine andere den Zusammenhalt des Gemeinwesens zur Aufgabe gemacht hat.“ Doch auch Gabriel weiß, um das Erbe Schmidts ist es in der SPD nicht zum Besten bestellt.

Einen seiner letzten Wahlkampfauftritte hatte er 2013 in Brandenburg, an der Seite des damaligen Bundestagsfraktionschefs Frank-Walter Steinmeier. Und der wirkt aus heutiger Sicht fast prophetisch. Er sorgte sich sehr um die künftige Stellung Europas, warnte vor einer Krise des Westens und verwies auf die ungeheure Dynamik Chinas. „Sie haben einem uralten Mann zugehört“, schloss er seine Ausführungen. „Sie müssen ihn nicht unbedingt ernst nehmen.“

Von RND/dpa

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