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Politik Die traurige Nordkorea-Reise des Otto Warmbier
Mehr Welt Politik Die traurige Nordkorea-Reise des Otto Warmbier
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11:12 20.06.2017
Tränen der Verzweiflung: Otto Warmbier bei dem Schauprozess in Nordkorea im Februar 2016. Quelle: imago stock&people
Wyoming

Immer wieder entschuldigte sich Otto Warmbier. Er bat inständig darum, zu seiner Familie zurückkehren zu dürfen - erst ruhig, dann mit brüchiger Stimme, am Ende in Tränen. In Nordkorea musste sich der US-Student vor Gericht verantworten, weil er ein Propaganda-Plakat gestohlen haben soll.

Am 29. Februar 2016 gestand er „staatsfeindliche Aktivitäten“, sprach vom „schlimmsten Fehler meines Lebens“. Nach mehr als 15 Monaten wurde er vor wenigen Tagen in die USA zurückgebracht - wo er nach Angaben seiner Familie am Montag in der Universitätsklinik von Cincinnati starb.

Qualvolle Misshandlungen oder Nahrungsmittelvergiftung?

Die genaue Todesursache des jungen Mannes ist unklar. Er lag jedoch seit längerem im Koma, wie seine Eltern Fred und Cindy Warmbier nach eigenen Angaben bereits kurz nach der Verurteilung ihres Sohnes zu 15 Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit am 16. März 2016 erfahren hatten.

Nach Darstellung Nordkoreas fiel Warmbier wegen einer Nahrungsmittelvergiftung und einer Schlaftablette ins Koma. Die Warmbiers sprachen dagegen von qualvollen Misshandlungen. Die Ärzte in Cincinnati fanden keine Anzeichen für eine Nahrungsmittelvergiftung, aber auch keine Beweise für Schläge.

Otto Warmbier geriet mitten hinein in den Konflikt zwischen Nordkorea und den USA. Nun ist der US-Student gestorben. Sein Fall gibt Rätsel auf.

„Sein neurologischer Zustand lässt sich am besten beschreiben als eine nicht-responsiver Wachzustand“, sagte Daniel Kanter, der Direktor der Neurologie an der Universität von Cincinnati, vor Warmbiers Tod über dessen Gesundheitszustand.

Warmbier hatte den Ärzten zufolge eine „schwere neurologische Verletzung“ erlitten, bei der er viel Hirngewebe verloren hatte. Hinzu sei eine „ausgeprägte Schwäche und Verkrampfung“ seiner Muskeln, Arme und Beine gekommen. Seine Augen hätten sich geöffnet und geblinzelt. Anzeichen dafür, dass er die verbalen Signale um sich herum verstand, gab es jedoch nicht.

US-Außenministerium warnt vor Nordkorea-Reisen

Wenn sein Leben normal verlaufen wäre, dann hätte der 22-Jährige in diesem Monat mit dem Studium an der Universität von Virginia begonnen. In seinem dritten College-Jahr wollte Warmbier in China studieren. Als er erfuhr, dass es dort Reiseagenturen gibt, die Trips nach Nordkorea anbieten, war er Feuer und Flamme. Seine Eltern hatten keine Einwände.

„Otto ist ein junger, abenteuerlustiger, großartiger Sohn, der in der College-Zeit in diesen Teil der Welt gegangen ist, um Erfahrungen zu machen“, sagt Vater Fred. So buchte Otto eine fünftägige Tour für Ende Dezember 2015. Kurz vor seiner Rückreise nach China wurde er am 2. Januar 2016 in Pjöngjang verhaftet.

Die Familie von Warmbier erhebt danach schwere Vorwürfe gegen Nordkorea. Die Eltern weisen die Schuld am Tod ihres Sohnes direkt Nordkorea zu. „Leider ließen die furchtbaren, qualvollen Misshandlungen unseres Sohnes durch die Nordkoreaner keinen anderen Ausgang zu als den traurigen, der sich heute ereignet hat“, heißt es in der Stellungnahme. Quelle: AP

Das US-Außenministerium warnt vor Reisen nach Nordkorea. Zwar sind nahezu alle Amerikaner bislang wieder ohne Zwischenfälle aus dem Land zurückgekehrt. Doch es drohten plötzliche Festnahmen und lange Gefängnisstrafen für vermeintlich kleine Verstöße.

Bei Warmbier reichte eine kurze, grobkörnige Videoaufnahme von einer nicht erkennbaren Person, die angeblich den US-Studenten zeigte, wie er das Plakat von der Mauer seines Hotels entfernte.

Er wartete schon auf seinen Abflug nach Hause

Warmbier wurde am Flughafen aus der Warteschlange geholt, wie ein Mitglied seiner Reisegruppe, der Brite Danny Gratton, der „Washington Post“ sagte. Er habe keinen Widerstand geleistet, auch nicht verängstigt ausgesehen, erinnert sich Gratton. Warmbier habe ihm sogar noch zugelächelt, als er abgeführt worden sei.

Was mit Warmbier nach seiner Verurteilung passiert ist, wird möglicherweise niemals aus dem abgeschotteten Land dringen. Der nordkoreanischen Erklärung, er habe eine Lebensmittelvergiftung erlitten und sei ins Koma gefallen, nachdem er eine Schlaftablette genommen habe, schenken die Eltern keinen Glauben. Zwar liegen einige Behandlungsakten aus Nordkorea vor, doch die ermöglichen keine näheren Schlüsse über Ursachen oder Behandlung.

In Wyoming, wo die Warmbiers leben, erfährt die Familie großen Rückhalt. Die Bewohner haben Bänder in den Farben von Ottos Schule um Bäume gebunden - als Zeichen der Solidarität. Als Vater Fred am vergangenen Donnerstag eine Pressekonferenz im Medienzentrum der örtlichen Highschool abhielt, riefen einige Teilnehmer Sprechchöre an wie „Otto strong“ oder „We love you“.

„Das ist der Otto, den ich kenne und liebe“

Warmbier dankte US-Präsident Donald Trump und der Regierung, die mit viel Diplomatie hinter den Kulissen seinen Sohn wieder zurück zu seiner Familie gebracht hätten. Er sei sehr stolz auf seinen Sohn, werde ihm zusammen mit Mutter Cindy beistehen. Sie hätten mit ihm gesprochen, ihm vorgelesen, versucht, es ihm bequem zu machen. „Wir sind stolz auf die Tatsache, dass unsere Familie aus grundsätzlich glücklichen und positiven Menschen besteht“, sagte Warmbier. „Und so werden wir auch bleiben.“ Nach dem Tod hieß es in der Erklärung der Familie, Otto habe „seine Reise nach Hause abgeschlossen“.

Nach der Pressekonferenz hatte Ottos jüngerer Bruder Austin den Reportern ein Video zur Verfügung gestellt - das mutmaßlich letzte von Otto als freiem und gesundem Menschen. Es wurde in Nordkorea aufgenommen.

Otto, ein paar andere junge Erwachsene und einige Kinder sind darauf zu sehen. Sie werfen Schneebälle auf die Kamera. Otto lacht. „Das ist der Otto, den ich kenne und liebe“, schrieb Austin in einer E-Mail dazu. „Das ist mein Bruder.“

Von AP/RND/zys