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07:00 14.11.2017
„Willkommen in Nordirland“: Noch ist es nur ein Schritt über eine fast unsichtbare Grenze. Mit dem Brexit droht das Ende der irischen Freizügigkeit. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE
Derry/Londonderry

Die Geräusche hat Damian McGenity noch im Ohr. Das Knattern der Hubschrauber, die im Verbund in der Luft stehen, wann immer die britische Armee neue Soldaten, neues Material zu ihren stählernen Wachtürmen in Nordirland bringt. Das Knallen der Geschosse, die Explosion der Bomben, wenn die Kämpfer der Irischen Befreiungsarmee IRA wieder britische Fahrzeuge in die Luft sprengen, ihre Scharfschützen Soldaten beschießen. Die Geräusche des Bürgerkrieges hat Damian McGenity noch 30 Jahre später im Ohr. „Die britische Armee hatte Angst – zu Recht“, sagt der Landwirt.

Deshalb die Versorgung der Mannschaften per Hubschrauber. Die Soldaten am Boden wagten sich nur auf Schleichwegen durchs Gelände. Sie zerschnitten den Stacheldraht der Viehzäune, der junge Damian musste seinem Vater regelmäßig helfen, die Tiere wieder zusammensuchen. „Das Leben hier war ein Albtraum.“

„Der Brexit kann eine neue irische Auswanderungswelle verursachen“: Damian McGenity ist Farmer im nordirischen Newry. Quelle: Gerd Schild

Damian McGenity, inzwischen 43, steht auf einer Wiese in der Nähe der Stadt Newry am östlichen Ende Nordirlands, ganz nah der Grenze. Die Republik Irland, der Süden der Insel, ist nur ein paar Hundert Meter entfernt. Das hohe Gras ist noch klamm von der Nacht, grün überall dort, wo es nicht von braungrauen Flatschen Kuhdung platt gedrückt ist. Still ist es hier, nur das Mampfen der 30 Kühe wird lauter, die sich neugierig dem Bauern und seinem Besucher nähern. Damals, in den Achtzigerjahren, waren allein von dieser Wiese aus fünf der Armee-Wachtürme zu sehen.

Die Türme sind Geschichte. Wie der Bürgerkrieg. Doch jetzt kommt der Brexit. Und mit ihm die Angst, dass die Gewalt zurückkehren könnte.

Dass die offene Grenze zwischen der Republik Irland im Süden und dem britischen Nordirland wieder geschlossen wird – weil hier eine neue Außengrenze der Europäischen Union entsteht, sobald Großbritannien nicht mehr zur EU gehört. Sollen die rund 30 000 Menschen, die hier täglich über Grenze pendeln, die Berufstätigen, die Schüler, die Händler, die Patienten, sollen die alle wieder Pässe vorzeigen? Und Zoll bezahlen?

Auf beiden Seiten der Grenze

Die EU fordert von London Lösungen für die irische Grenzfrage, die Regierung unter Premierministerin Theresa May sagt nur: Kriegen wir hin, die Grenze bleibt unsichtbar – und spricht von technischen Lösungen. Manche Menschen im Grenzgebiet, im Borderland, werfen der Regierung vor, dass sie mögliche Konflikte bewusst übersieht und eskalieren lassen könnte. Und dass sie den teuer erkauften Frieden zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen königstreuen Unionisten und denen, die die Wiedervereinigung der beiden Inselteile wollen, womöglich zunichte macht.

Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 ist es auf beiden Seiten der Grenze fast durchweg aufwärts gegangen. Die IRA hat abgerüstet, das britische Militär ist großenteils abgezogen.

Die EU hat einigen Anteil an Frieden und Aufschwung: Sie hat Milliarden auf der Grünen Insel investiert; weil sowohl das Königreich als auch die Republik Irland EU-Mitglieder sind, ist die Grenze offen, man erkennt sie mancherorts nur noch an der sich ändernden Fahrbahnmarkierung; der Handel ist frei. Die britischen Staatsbürger im – kleineren – nördlichen Inselteil wissen das zu schätzen. 56 Prozent haben gegen den Brexit gestimmt. Umso unbegreiflicher ist ihnen die drohende neue Spaltung.

Angst und Gewalt sind den Menschen in Irland so vertraut wie das Blöken der Schafe und kalter Sprühregen. Die Engländer sicherten sich über Jahrhunderte mit Gewalt ihren Einfluss auf die katholisch geprägte Nachbarinsel, schickten Siedler, teilten die Insel 1920 in zwei Teile, sechs mehrheitlich protestantische Regionen gehören seither zum United Kingdom – die Saat für den Bürgerkrieg zwischen Republikanern und londontreuen Unionisten war gelegt. Der Konflikt eskalierte 1969, mehr als 3000 Menschen starben.

„Man muss seine Geschichte erzählen“: In Derrys Arbeiterviertel Bogside sind die Häuserwände voll mit Wandmalereien – Szenen des Widerstands der IRA gegen die Briten. Quelle: Gerd Schild

Fast jeder auf der irischen Insel kennt jemanden, der damals getötet wurde. Und viele kennen die Täter von einst. Man lebt nebeneinander, echte Aussöhnung gab es nicht. Die meisten Briten nennen die Jahre voller Blut und Bomben bis heute verharmlosend nur die „Troubles“.

Für Gleann Doherty ist das Wort „Troubles“ wie ein Spucken auf die Gräber der Opfer. Troubles, also Probleme, die habe er, wenn er mit dem Auto liegen bleibe, sagt er. Und: „Sie haben es nicht Krieg genannt, weil im Krieg Regeln gelten.“ In diesem Krieg nicht. Am 30. Januar 1972 schossen britische Spezialkräfte auf eine Demonstration der Bürgerrechtsbewegung in Derry. Gleann Dohertys Vater Patrick Doherty war der zwölfte Tote des Bloody Sunday. Gleann war sieben Monate alt.

45 Jahre danach steht Doherty am Tatort. Er zeigt auf die Bordsteinkante, dorthin, wo der Schütze stand, der in den Untersuchungsberichten als „Soldat F“ anonymisiert wurde. Dann geht er über die Straße, vorbei am Denkmal für die Toten und auf eine Reihenhaussiedlung zu. Doherty zeigt auf ein Holztor, ein gepresstes Lächeln, zwei dürre Sätze: „Hier starb mein Vater. Er wurde ermordet.“

Die Unterdrückung, gegen die sein Vater kämpfte, war für den Sohn an jedem Tag seines Lebens greifbar, sagt Gleann Doherty. Wollte er sich etwa für einen Job bewerben, dann wurde er, der Katholik, in der mehrheitlich protestantischen Stadt in Nordirland meist gar nicht erst eingeladen, weil man schon am Namen die Konfession erkannte.

„Ich habe die IRA unterstützt – bis es eine Alternative gab“: Gleann Doherty führt als Historiker Fremde durch Bogside. Quelle: Gerd Schild

Wenn man seiner Geschichte nicht entrinnen kann, dann sollte man sie erzählen, so sieht es Doherty. Er hat Geschichte und Politik studiert und führt nun Gäste durch seine Stadt. „You are now entering Free Derry“ steht am Eingang zum Arbeiterviertel Bogside. Aktivisten haben das 1969 auf die Außenwand eines Reihenhauses gepinselt, sie hatten das Viertel zur freien Stadt ernannt. Als Bagger die Reihe niederrissen, ließ man das Endstück stehen. Überall zeugen riesige, bunte Wandmalereien auf dutzendfach gleichen Arbeiterhäusern von der Geschichte der Bogside, des Kernviertels des katholischen Widerstands, der 1969 zur Revolte wurde.

Doherty stellt sich neben das Denkmal für die Hungerstreikenden der IRA. Die „Troubles“, der Bürgerkrieg, geschah in Derry wie überall im Borderland inmitten der Städte und Gemeinden. „Meine Oma hat in der Küche Molotowcocktails gebaut, einen nach dem anderen. Dabei hat sie wahrscheinlich geraucht“, sagt Doherty und lacht. Kinder haben die Brandbomben dorthin gebracht, wo sie gebraucht wurden. Es war normal, Menschen und Waffen bei sich zu Hause zu verstecken. „Das waren gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Zeiten“, sagt Doherty. „Ich habe die IRA unterstützt – bis es eine Alternative gab.“

Die Alternative war Europa. Die EU hat Brücken gebaut, Kulturzen­tren, Straßen, Schulen. Der Aufschwung hat nicht nur das wirtschaftliche Leben der Menschen besser gemacht. Und doch sei der Riss durch die Gesellschaft weiter spürbar, sagt Gleann Doherty. Sinnbild dafür sei, dass die Katholiken ihre Stadt Derry nennen, Protestanten aber Londonderry. Wer keinen Ärger will, sagt Stroke-City, Schrägstrich-Stadt, weil auf den Verkehrsschildern immer Derry/Londonderry steht.

Wo die EU-Befürworter in der Mehrheit sind: 56 der Nordiren haben beim Referendum für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. Quelle: Gerd Schild

Sinnbild ist auch die Unfähigkeit der beiden großen Parteien, die nach dem Wahlergebnis vom März eine Koalitionsregierung hätten bilden müssen, sich zusammenzufinden. Die Unionisten der DUP und die Nationalisten von Sinn Fein haben das bis heute nicht geschafft – um den Preis, dass London jetzt unmittelbar in die Regierungsgeschäfte eingreift und Nordirland-Minister James Brokenshire einen Haushalt festlegen soll – die für den Brexit Verantwortlichen übernehmen das Kommando.

Sinnbild für den Riss seien aber auch die Mauern, die die Wohngebiete trennen – hier die Protestanten, dort die Katholiken. Dohertys Tochter ist gerade nach Belfast gezogen, sie wohnt direkt neben einer der „Peace Walls“. Friedenswände werden die Mauern hier genannt, als könnten sie Frieden schaffen. Die meisten sind erst nach dem Abkommen von 1998 gebaut worden. Bis heute werden an manchen Stellen des Nachts die Durchgänge geschlossen, an manchen Stellen werden aber auch Mauern eingerissen.

Die Frage, die die Menschen entlang der Grenze jetzt umtreibt, ist diese: Wenn die einigende Kraft des Aufschwungs und der EU-Projekte wegfällt – welche Kräfte gewinnen dann die Oberhand? Gleann Doherty geht es wie den meisten seiner Nachbarn: Sie können sich nicht vorstellen, dass die Gewalt zurückkommt. Aber sie konnten sich auch den Brexit nicht vorstellen.

Bleiben die EU-Subventionen vor allem für die Agrarwirtschaft aus, dann gehen die Menschen, fürchtet man im Borderland. Farmer McGenity bekommt 2018 noch einmal knapp 10 000 Euro von der EU. Er sieht nicht, dass London die Mittel nach dem Brexit ausgleichen wird. Für ihn persönlich ist es nicht ganz so tragisch. McGenity führt eine Postfiliale in der Nähe, die Farm ist Nebenerwerb und Andenken an den Großvater. Am Postschalter hat McGenity erlebt, wie während der letzten Rezession immer mehr seiner Kunden Briefe und Pakete in die USA oder nach Australien verschickten. Dutzende junge Menschen waren ausgewandert, wie Generationen vor ihnen, weil sie zu Hause keine Zukunft sahen. „Viele sind zurückgekommen“, sagt McGenity. Sie hatten wieder Hoffnung auf einen Platz und einen Job in Nordirland. „Der Brexit aber könnte eine neue Auswanderungswelle verursachen – und wieder viele Mütter und Väter mit Luftpostpaketen in mein Geschäft bringen“, fürchtet McGenity.

„Wir finden eine technische Lösung“: Premierministerin Theresa May wir von Brüssel unter Druck gesetzt, das irische Grenzdebakel zu lösen. Quelle: London News Pictures via ZUMA

Den Kämpfern auf beiden Seiten des Bürgerkriegs sind einige Denkmäler gewidmet. Das monumentalste leuchtet mattgelb im grünen Nirgendwo der Inselmitte: ein Schaufelbagger. Die britische Armee zerstörte Brücken, sprengte Krater in die Straßen oder versperrte die Wege mit großen Fässer, die sie mit Beton gefüllt hatte – um sich vor Angreifern zu schützen und Schmuggler zu stören. Mit dem Schaufelbagger wiederum füllten Borderbusters, Grenzbrecher, Kies in diese Krater und schoben die Fässer in den Straßengraben – unter Einsatz ihres Lebens, denn für die Armee waren sie Terroristen.

Die Borderbusters hätten heute übrigens lieber ein anderes Mahnmal als den Bagger, der von JCB im englischen Rochester zusammengebaut wurde. Der Chef des Familienunternehmens, Anthony Bamford, hat für die Kampagne der Brexit-Befürworter 100 000 britische Pfund gespendet.

Die Recherche in Nordirland wurde unterstützt mit einem Stipendium von der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung.

Von Gerd Schild

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