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Deutschland / Welt Wie eine schmutzige Scheidung
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19:26 17.09.2014
Quelle: Symbolbild
Glasgow

Die Sonne scheint fast durchgehend an diesen besonderen Tagen auf der britischen Insel. Es ist, als meine es da jemand gut mit den Abertausenden, die überall im Land auf die Straßen treten, den Menschen Papierzettel in die Hand drücken und Argumente vortragen, warum sie am Donnerstag „Yes“ oder eben „No“ auf dem simpelsten aller möglichen Stimmzettel ankreuzen sollen. Ein simpler Zettel, der Großbritannien für immer verändern könnte.

Sean arbeitet in einem Café im schottischen Perth. Er diskutiert mit seiner Kollegin über Pro und Kontra der Abstimmung. Allein die Wahlbeteiligung sei doch schon ein Erfolg, sagt der 27-Jährige. Ava, seine 54-jährige Kollegin, schüttelt den Kopf. Egal, wie es am Donnerstag ausgeht, sagt sie, es wird ein Riss in diesem Land bleiben. „In fünf Jahren werden sich die Yes-Leute wünschen, sie hätten diese Schilder nie in ihre Fenster geklebt.“ Auch in Avas Familie, die stolz ist auf das MacIntyre-Wappen, wird gezählt, wie in so vielen Familien in diesen Tagen – neun zu fünf Jastimmen sind es hier. Neulich gab es Streit bei einer Geburtstagsfeier. Sie haben dann beschlossen, erst wieder über das Referendum zu reden, wenn es ein Ergebnis gibt.

Der letzte Sonnabend vor der Wahl. Tausende strömen in den Celtic Park, Spielstätte des schottischen Serienmeisters Celtic Glasgow. In Glasgow waren die Fußballstadien schon immer Orte der Abgrenzung, das „Old Firm“ genannte Derby ist oft eher Schlacht als Spiel. Die protestantisch geprägten Rangers sind mehrheitlich Unionisten, Celtic ist dagegen von katholischen irischen Einwanderern geprägt. Fünf Tage vor dem Referendum hat Celtic den FC Aberdeen zu Gast. Neben den Farben der Kelten, Grün und Weiß, sind diesmal auch Anstecker, Mützen und T-Shirts in Blau zu sehen, eigentlich die Farbe der verhassten Rangers. „Yes“ steht auf manchen, „End London Rule“ auf anderen. Die meisten „No“-Zeichen sind in Lila oder Rot-Weiß gehalten. Bunter als sonst ist es also, eine Mehrheit aber, die ist auf den Tribünen nicht auszumachen.

Vor dem Stadion steht Chris, Anfang 20, Turnschuhe, Jeans. „Wir können das alleine besser“, sagt Chris. Keine Kriegsbeteiligung mehr, keine Atomwaffen, dafür ein besseres Sozialsystem, gerechtere Steuern. Neben den Handzetteln hat Chris ein paar Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt, ein paar auch zum Gesundheitssystem NHS. Es sind dieselben Zahlen, die man in den TV-Debatten oder den Reden von „Yes“-Anführer Alex Salmond, Erster Minister Schottlands, hört – aber so ist das wohl in jedem Wahlkampf. Ob er nicht Angst hat, dass dieses „Yes“ auch richtig schief gehen könnte, mit einem Schottland, so groß wie die Slowakei, allein in einer globalisierten Welt? Auf diese Frage hat Chris gewartet. „Brave“, mutig also, das seien die Schotten schon immer gewesen. Es gehe hier aber nicht um die Wiederholung der Schlachten, die die Schotten mit dem Süden ausgefochten haben, es gehe um die Zukunft.

Wen man auch fragt von den „Yes“-Aktivisten in diesen Tagen, die Formulierung „once in a lifetime opportunity“ fällt immer. Eine Gelegenheit also, die man nur einmal im Leben bekommt. 2014 soll in die Geschichte eingehen. Denn bei bisherigen Abstimmungen ging es um ein bisschen mehr Unabhängigkeit. Heute geht es um die Unabhängigkeit schlechthin. Vor den Stadiontoren in Glasgow entzündet sich eine Debatte. Der junge Fan der Gästemannschaft im roten Trikot empört sich über die Briten. Seine Heimat ist Ellon, ein kleiner Ort in der Nähe von Aberdeen. Er ist gelernter Schlosser und seit zwei Jahren arbeitslos. Warum solle er für ein Weiter-so stimmen? Warum sollten die Schotten diesen „Westminster-Boys“ das Geld weiter in die Hand drücken, fragt er, wenn auch mit derberen Worten. Viele Schotten können mit den oftmals glatten Abkömmlingen der Eliteschulen nichts anfangen. Für sie ist das eine Clique, zu der auch die BBC und andere Unternehmen aus dem Süden gehören.

Der Vertreter des „Nein“, der Schottland als Teil Großbritanniens sichern will, hat hier keinen leichten Stand. Douglas, ein Mittvierziger, argumentiert weniger aufbrausend als die „Ja“-Verfechter. Er kämpft, so wie die vielen Mitstreiter, die an diesen letzten Tagen vor der Abstimmung Millionen Flugblätter verteilen, für eine mögliche leichte Verbesserung des Status quo. Das ist eher eine Sache für den Kopf als für das Herz.

Das „Ja oder Nein“ ohne jeden Kompromiss – das ist das große Problem dieser Abstimmung. So sehen es die Freunde eines selbstbestimmten Schottlands innerhalb Großbritanniens. Es hätte die Chance gegeben, im Referendum die dritte Wahl für ein noch autonomeres Schottland aufzunehmen. Doch Großbritanniens Premierminister David Cameron habe die Gelegenheit verpasst. „Das haben wir jetzt davon“, sagt Douglas. Er muss kämpfen gegen Fantasten, die keinen Plan haben, die nicht mal wissen, mit welcher Währung man bezahlen würde – aber eine schöne Welt versprechen. Am Ende, glaubt Douglas, sei ein „Yes“ wie eine schmutzige Scheidung: Verlierer gibt es auf allen Seiten, und nur die Anwälte haben etwas davon.

Den 2:1-Sieg von Celtic gegen Aberdeen, den sehen weder Chris noch Douglas. Sie warten lieber vor den Toren der Arena auf die Unentschiedenen.

Auch im Rest Großbritanniens schaut man gebannt auf die Abstimmung. Ein Pub in Carlisle, unweit der schottischen Grenze. Dunkle Decken, eine Handvoll Biersorten vom Fass, kleine Chipstüten neben dem Zapfhahn. Am Tresen stehen drei ältere Herren. „Warum wird Cumbria nicht unabhängig“, fragt einer und meint die Grafschaft, in der Carlisle liegt. „Wir tun natürlich nur so“, sagt er dann, nippt am Bierglas. Dahinter steckt der Vorwurf, die Schotten täuschten ihren Wunsch nach Unabhängigkeit nur vor, um von Großbritannien mehr Beachtung und mehr Geld zu bekommen. Bessere Schulen und bessere Straßen als Ertrag eines Referendums? Kaum hatte man in London registriert, dass das ordentlich knapp werden könnte im Norden, da kommt der frühere Premierminister Gordon Brown zehn Tage vor der Abstimmung mit einem Plan aus dem Ruhestand, der mehr Rechte für die Schotten vorsieht. Und kurz darauf fliegt Cameron ein. Er hielt in Schottland seine Version einer Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede. Dass dem Regierungschef, der vielen Schotten als Idealbild einer abgehobenen englischen Privatschulenclique gilt, wirklich das Herz brechen würde bei einer Abspaltung, das glauben viele Leute in Schottland nicht. „Dieser maßgeschneiderte Fatzke“ – so sagt ein Zugreisender – wolle doch nur nicht im Geschichtsbuch stehen als der Mann, der nach mehr als 300 Jahren das Vereinigte Königreich getrennt hat.

Von Gerd Schild

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