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Deutschland / Welt Was soll Athen mit Krisenkunst?
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08:06 10.04.2017
„Warum machen die Deutschen das?“: Christos Mouzakis hat sich beim „Essen zum Nachdenken“ niedergelassen, einer Documenta-Aktion.
Athen

Doch, diese Sorte Kunst schmeckt Christos Mouzakis. Der ältere Herr drückt einen Bausch Weißbrot tief in den Teller mit Bohnensuppe. Der britisch-pakistanische Künstler Rasheed Araeen hat zum gemeinsamen Mahl in einen fröhlich bunten Pavillon vor das Athener Rathaus geladen; wer will, kann Platz nehmen. „Essen zum Nachdenken“ lautet der Titel der Aktion, es ist Rasheed Araeens Beitrag zur größten Kunstschau der Welt.

Der Rentner Christos Mouzakis kam zufällig des Weges. Nun sitzt er zwischen Flüchtlingskindern, Obdachlosen und dem kunstbeflissenen Documenta-Publikum mit den großen Brillen und den hochgekrempelten Hosenbeinen und stellt folgende Frage: „Warum machen die Deutschen das, warum bringen sie jetzt Kunst zu uns? Haben sie ein schlechtes Gewissen wegen des Kriegs oder der Krise?“

Es ist eine naheliegende Frage, denn in der gut 60-jährigen Geschichte der Documenta war stets die hessische Stadt Kassel Hauptschauplatz des Spektakels, das weltweit die Trends der Gegenwartskunst setzt. Erstmals hat nun am Wochenende die Documenta in einer anderen Stadt eröffnet, im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – fast zwei Monate vor ihrem Beginn in Kassel.

„Nichts kann man lernen von Athen“

„Von Athen lernen“, so hat der künstlerische Leiter der Documenta, der Pole Adam Szymczyk, ihre 14. Ausgabe betitelt, und als der Athener Rentner Christos Mouzakis davon erfährt, klatscht sein Plastiklöffel in die Bohnensuppe. „Nichts kann man lernen von Athen“, sagt er. Mit am Tisch sitzt die Rentnerin Anna Zoi, und zwischen den beiden Athenern, die einander bis eben fremd waren, entspinnt sich ein trauriges Gespräch über den Alltag im verfallenden Zentrum ihrer krisengeschüttelten Stadt.

„Zweimal haben mich Flüchtlinge auf der Straße ausgeraubt, ich habe Angst“, sagt Anna Zoi. „Neulich musste ich zum Amt, die Beamten dort haben gestrickt und Salat geputzt“, sagt Christos Mouzakis. Sie sprechen über ihre arbeitslosen Kinder und von der anstehenden nächsten Rentenkürzung. 400 Euro erhält die verwitwete Anna Zoi. Immerhin zahlt sie keine Miete; die Wohnung, in der sie lebt, gehört ihr. Nach dem Essen, auf dem Weg nach Hause, schaut sie bemüht vorbei an den vielen kaputten Menschen, die sich auf den kaputten Straßen des Viertels Kerameikos Rauschgift spritzen. Auf dem Avdi-Platz, kurz vor Anna Zois Haustür, ertönt eine kämpferische Frauenstimme aus den Lautsprecherboxen. Die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic lässt in ihrer Documenta-Installation „Monument der Revolution“ emanzipatorische Texte verlesen. „Widerstand!“, fordert die Stimme. Anna Zoi hört nicht hin.

Diese Documenta ist eine ausgesprochen politische Documenta. Sie kündet von einem Ende der Bequemlichkeit und einer harten Wirklichkeit, die sich nicht um Grenzverläufe schert. Flucht und Vertreibung ist das zentrale Thema der Schau, verhandelt werden Fragen von Identität und Zugehörigkeit. Es geht um Krisen und um Kriege und deren Ursprünge, die die Macher im „Neokolonialismus“ und „Neoliberalismus“ verorten. Viele Griechen machen wiederum den deutschen Wolfgang Schäuble und die deutsche Europapolitik für ihre Verarmung verantwortlich.

Künstlerin zahlt Schulden in Oliven aus

Da ist es nicht frei von Ironie, dass nun das 2008 fertiggestellte, aber wegen der Sparauflagen bisher nicht eröffnete Athener EMST – das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst – erst mit der vom Bund gut bezuschussten Documenta seine Pforten für die Athener öffnen kann. Es zählt neben dem Konservatorium, dessen Untergeschoss ebenfalls nur dank der Documenta bespielt werden kann, zu den Hauptausstellungsorten der Schau. Manch griechischer Besucher dürfte großen Gefallen finden an der Performance der Argentinierin Marta Minujin, die im Foyer des EMST einer Doppelgängerin von Angela Merkel die griechischen Schulden in Oliven auszahlt.

Überhaupt, Performances: Nicht Skulpturen oder Gemälde, sondern flüchtige Aktionen im öffentlichen Raum dominieren das Ausstellungsprogramm. Damit schlagen die Documenta-Macher dem Kunstmarkt und seiner Profitlogik des Kaufens, Besitzens und Weiterverkaufens ein Schnippchen. Schließlich gilt die Documenta vielen Sammlern und Investoren als Siegel und Garant für den Wert von Künstlern und ihrer Werke. Wer hier ausstellt, ist eine sichere Bank.

Aber soll man jetzt in die Oliven von Marta Minujin investieren? Oder die blauen Laken kaufen, in denen die Amerikanerinnen Beth Stephens und Annie Sprinkle „in ökosexueller Absicht“ mit Besuchern kuscheln? Unveräußerlich sind ja sowieso die Ruinen des Zeus-Tempels auf der antiken Agora, an denen das Berliner Duo Prinz Gholam in homoerotischer Pose unter maximaler Teilnahmslosigkeit vorbeischlurfender Schülergruppen erstarrt. In einer Stadt, in der die Krise die Kaufkraft absorbiert, erscheint Kunst, die sich der Vermarktungslogik entzieht, recht plausibel.

Athen wimmelt vor arbeitslosen Akademikern

Weil es jedoch durchaus vorkommt, dass die Performances länger als unbedingt nötig geraten, ist man dankbar für die Gelegenheit zu einen Plausch mit einem der jungen Documenta-Helfer in den weiten, weißen T-Shirts mit dem krakeligen Aufdruck einer schwarzen 14. Deren Rekrutierung dürfte den Machern der Documenta nicht schwergefallen sein, schließlich wimmelt es in der Stadt von arbeitslosen Akademikern.

Man lernt also junge kunstaffine Historiker, Biologen und Psychologen kennen, für die 100 Tage Documenta in Athen anders als für den Rest der Stadtgesellschaft eine wirklich große Sache sind. „Endlich reden wir mal über was anderes als Geldsorgen“, sagt Marvina, eine junge Architektin. Sie hat einen Minijob in einem Copyshop. Verglichen mit den 3 Euro, die sie dort die Stunde verdient, zahlt die Documenta gut: 5 Euro plus Sozialversicherung. „Ich freue mich darauf, spannende Menschen aus aller Welt kennenzulernen. Wir Griechen sind ja sonst eher abgekoppelt vom internationalen Geschehen“, sagt Marvina.

Will Kunst nicht beliebig sein, muss sie sich relevanten Themen widmen. Die Documenta 14 tut das ganz bestimmt, indem sie einen sehr ernsten Blick auf Weltprobleme richtet. Und doch stellt sich die Frage: Müssen Museen noch auf die widrige Wirklichkeit verweisen, auf das Elend geflüchteter, verarmter, gedemütigter Menschen, wenn diese doch draußen vor dem Eingang lungern, nahbar und echt?

Drastische Kunst hat es nicht leicht in drastischer Umgebung

Die Bilder des ausgestellten Dokumentarfilms von Manthia Diawara über junge Malier, die sich auf den Weg nach Europa machen, verblassen beim Anblick der jungen Schwarzafrikaner, die Athens Altstadt nach Metallschrott absuchen. Drastische Kunst hat es nicht leicht in drastischer Umgebung.

„Die Welt kann nicht exklusiv von einem Ort aus erklärt, kommentiert oder geschildert werden“, sagt Ausstellungsmacher Szymczyk. Im einst von den Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten, heute prosperierenden Kassel, wo die Documenta 14 in zwei Monaten startet, mögen die Probleme der Welt inzwischen weit weg sein. In Athen aber sind sie unübersehbar zu Hause. Vielleicht erscheint das heutige Kassel den Documenta-Leuten ja zu satt, zu komfortabel, um noch Kreativität entfesseln zu können. Vielleicht ist ja etwas dran an dem Klischee, dass erst Not und Entbehrung große Ideen gebären. Dann wäre Athen mit seinen alten und neuen Ruinen wohl der ideale Documenta-Standort: eine dramatische Kulisse für existenzielle Ideen. Ebendiese Außensicht auf ihre Stadt behagt jedoch einigen Vertretern der lokalen Kunstszene nicht.

„Es schwingt ein wenig Krisenpornografie mit, wenn die wohldotierte Documenta ausgerechnet nach Athen kommt“, sagt der Konzeptkünstler Phil Ieropoulos, und sein Partner Phivos Dousos merkt ironisch an: „Kunst mit karitativem Anspruch.“

„Die Not hier ist echt, nicht bloß Kulisse“

Die beiden Endzwanziger gehören zur Biennale Athen, einem Zusammenschluss Athener Künstler, die ihre Stadt auf den Landkarten der Kunstwelt verorten möchten. Natürlich sei die Documenta da hilfreich, sagt Ieropoulos. Aber an der lokalen Szene seien die Kasseler eher nicht interessiert. Eine Kooperation zwischen Documenta und Biennale Athen kam nicht zustande.

Die Biennale-Künstler haben am zentralen Omonia-Platz ein seit Jahrzehnten leer stehendes, dem Verfall geweihtes Hotel bezogen; einen neoklassizistischen, einst prunkvollen Bau aus den 1890er-Jahren, entworfen vom sächsischen Architekten Ernst Ziller zu einer Zeit, als deutsche Architekten im damaligen Hirtenstädtchen Athen ihren Traum von der Antike verwirklichten. Touristen schwärmen vom morbiden Charme des Hotels „Bagion“, Athenern treibt sein Zustand Tränen in die Augen. Ieropoulos findet es seltsam, dass jetzt Kunstmagazine und Reiseführer das runtergewirtschaftete Athen zum kreativen Kraftfeld stilisieren und es mit Berlin nach dem Mauerfall vergleichen. „Die Not hier ist echt, nicht bloß Kulisse“, sagt er.

Vor dem „Bagion“ ziehen auch an diesem Nachmittag wieder Tausende vorbei, um gegen geplante Einsparungen und Entlassungen zu protestieren. Auf der Zementinsel des Omonia-Platzes harren Syrer, Afghanen, Pakistaner aus. In den nächsten Tagen wird sich unter ihnen herumsprechen, dass Künstler einen Block weiter, vor dem Athener Rathaus, Essen servieren.

Von Marina Kormbaki

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