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Deutschland / Welt Ein Picknick schreibt Weltgeschichte
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07:42 19.08.2014
Das ist unsere Party: DDR-Bürger stürmen die Grenze bei Sopron. Quelle: dpa Archiv
Berlin/Sopron

„Bitte stehenbleiben!“, hatte Johann Göltl noch gerufen. Genützt hat diese Aufforderung nichts. Massen von DDR-Bürgern haben am 19. August 1989 auf einer Wiese im ungarischen Sopron das Grenztor nach Österreich aufgedrückt und sind in die Freiheit gerannt – vorbei an den tatenlos zuschauenden Grenzwächtern beider Länder. Es war eine unglaublich freche, mutige Aktion von Menschen, die endlich dazugehören wollten – auch wenn sie nicht eingeladen waren.

Eine symbolträchtige Party hatte es werden sollen an diesem heißen Tag im Niemandsland zwischen Österreich und Ungarn. Wenige Wochen zuvor verlief dort die Grenze zwischen zwei Weltsystemen. Nun waren die Zäune vom Stacheldraht befreit, bei einem „Paneuropäischen Picknick“ wollten an die Hundert handverlesener Ungarn und Österreicher am Lagerfeuer Speck braten, trinken, feiern, diskutieren und ein Europa ohne Grenzen beschwören. Für drei Stunden sollte das Schloss des alten, hölzernen Grenztores geöffnet werden. Über Flugblätter verbreitete sich die Picknick-Einladung allerdings auch unter den Tausenden urlaubenden DDR-Bürgern, bis zu den Campern am Plattensee.

Es ging nicht um Symbole, sondern um Freiheit

Auch viele Flüchtlinge aus Ostdeutschland, die damals in Budapest der Dinge harrten, bekamen Wind von der Grenzparty – und luden sich selbst ein. Für sie ging es nicht um Symbole, sondern um die Freiheit.

Als die geladenen Gäste gerade an der Grenze ordnungsgemäß kontrolliert wurden, traf ein Ansturm von knapp 700 DDR-Bürgern die Grenzposten völlig unvorbereitet. „Kinder haben geschrieen, alte Leute haben geweint. Babys sind aus den Kinderwagen gefallen, die von ihren Eltern über den holprigen Waldweg geschoben wurden“, erinnert sich der Zöllner Göltl an den Moment der Völkerwanderung. Der ungarische Grenzkontrolleur Arpad Bella und Göltl waren sich schnell einig, dass man den Dingen einfach freien Lauf lassen musste. Beide verletzten Dienstvorschriften, verhinderten aber dadurch wohl ein Blutbad.

Bella befahl seinen Soldaten, mit dem Gesicht zur österreichischen Grenze in Stellung zu gehen. „Da wir hinten keine Augen haben, konnten wir niemanden aufhalten“, erzählte der pensionierte Oberstleutnant jetzt dem österreichischen Magazin „Profil“. Sein Entschluss, die Flucht zu tolerieren, entfaltete eine gewaltige Wirkung. Zwar waren die ungarischen Grenzschutzanlagen schon weitgehend abgebaut; die Fotos, die Österreichs und Ungarns Außenminister Alois Mock und Gyula Horn am 27. Juni beim Durchschneiden des Grenzzauns bei Klingenbach zeigten, gingen um die Welt.

Erster Massenexodus durch den Eisernen Vorhang

Doch beim „Paneuropäischen Picknick“ kam es zum ersten Massenexodus durch den Eisernen Vorhang, und dieses Loch wollte oder konnte niemand mehr stopfen. Am 11. September wurden die ungarischen Grenzen nach Westen für alle Ostdeutschen geöffnet. Zwei Monate später fiel die Berliner Mauer.

Die Idee zum Frühstück war den Initiatoren vom Ungarischen Demokratischen Forum gekommen. Der Ostblock war bereits tiefen Erschütterungen ausgesetzt. Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow hatte von Moskau aus zur „Perestroika“ geblasen. Auch Ungarn steuerte auf Reformkurs. Der Budapester Reformkommunist Imre Pozsgay gehörte gar, gemeinsam mit Österreichs letztem Erbprinzen Otto von Habsburg, zu den Schirmherren des „Paneuropäischen Picknicks“.

Habsburg nahm an dem Picknick selbst gar nicht teil, er warb aber besonders wirksam dafür. Erich Honecker soll deswegen nach seinem Sturz behauptet haben, Habsburg habe den letzten Nagel in seinen Sarg geschlagen. Der Grenzkontrolleur Bella freilich musste in den Tagen nach dem Picknick die scheelen Blicke seiner Kameraden ertragen, weil er die Flucht nicht verhindert hatte. Ein Vorgesetzter leitete gar ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Inzwischen ist Bella längst mit dem Verdienstorden der Republik Ungarn hochdekoriert.

Der ehemalige ungarische Regierungschef Miklos Nemeth hingegen blickt mit großer Nüchternheit auf den Tag zurück. Die zeitweise Grenzöffnung sei ein Versuchsballon gewesen, um herauszufinden, wie Moskau reagiere. Der russische Präsident Michail Gorbatschow habe ihm versichert, die Sowjetunion werde die kommunistische Regierung nicht mit Gewalt an der Macht halten. Einen zweiten Einmarsch in Ungarn wie 1956 werde es nicht geben. Diese Zusicherung habe er am 19. August testen wollen. Gorbatschow hat Wort gehalten.

von Kathrin Lauer 
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