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Deutschland / Welt UN-Gipfel: Die Städte platzen aus allen Nähten
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13:47 17.10.2016
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon spricht auf dem Gipfel in Quito. Quelle: dpa
Quito

Die Bewohner von Boliviens Millionenmetropole La Paz haben seit einiger Zeit plötzlich viel mehr Zeit für Familie und Freunde. Noch dazu müssen sie nicht mehr den Gestank im Verkehr einatmen. Mehrere Seilbahnlinien gondeln mit herrlichem Blick auf die Anden zwischen La Paz und der Nachbarstadt El Alto – wer mitfährt, muss nicht mehr stundenlang mit Bussen in Staus feststecken. Ein Beispiel, das nun Schule macht. Aber die rasant wachsenden Städte haben nicht nur ein Verkehrs- und Umweltproblem. Viel Stoff für den UN-Weltsiedlungsgipfel in Quito.

Um was geht es beim alle 20 Jahre stattfindenden UN-Habitat-Gipfel?

Rund 40 000 Teilnehmer aus über 180 Staaten wollen sich auf eine neue „Urban Agenda“ verständigen. Sie ist nicht rechtlich bindend, aber eine wichtige Leitschnur für kommunale Akteure: Wie können wir den CO2-Ausstoß verringern, wie mit architektonischen Lösungen bei wenig Platz lebenswerten Wohnraum schaffen, wie eine Ausbreitung von Slums verhindern? Allerdings konnte man sich bisher für die Agenda nicht auf ein konkretes Ziel einigen, wieviel Prozent des nationalen Steueraufkommens auf die kommunale Ebene zurückfließen soll, damit Städte zum Beispiel mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen können.

Wie hat sich die Stadtbevölkerung entwickelt?

Mega-City: Der Großraum Tokio gilt mit 38 Millionen als größtes urbanes Ballungsgebiet der Welt. Quelle: dpa

Um 1800 lebten nur drei Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Räumen. Die einzige Millionenstadt: Peking. Heute sind es fast vier Milliarden Menschen, die in Städten leben (54,5 Prozent), bis 2050 werden es Schätzungen zufolge rund 6,5 Milliarden sein. Der Großraum Tokio gilt mit 38 Millionen als größtes urbanes Ballungsgebiet der Welt, die Bevölkerung in Delhi könnte bis 2030 von 25 auf 36 Millionen wachsen, für Shanghai wird mit einer Zunahme auf 31 Millionen gerechnet.

Was treibt die Menschen in die Städte?

Fehlende Verdienstmöglichkeiten in ländlichen Regionen, Armut, Terror und Kriege, triste Perspektiven. In Afrika und Asien ist auch der Klimawandel ein starker Treiber, der die Landwirtschaft immer beschwerlicher macht. Und in Industrieländern wie Deutschland sind Überalterung und fehlende Infrastruktur ein großes Problem. Nach Angaben des Bundesbauministeriums stehen dort fast einem Drittel der Einwohner von ländlichen Gemeinden und einem Fünftel der Bewohner in Kleinstädten keine Supermärkte, Schulen oder Ärzte in 15 Minuten Gehentfernung zur Verfügung. Gerade Menschen zwischen 18 und 30 Jahren würden abwandern, vor allem junge Frauen wollen in die Stadt.

Wo wird der Schwerpunkt in Quito liegen?

Gondeln der roten Linie zirkulieren über das Häusermeer der auf 3600 Meter gelegenen bolivianischen Metropole La Paz. Bisher gibt es 443 Gondeln, mit dem Bau sechs weiterer Linien sollen es bis 2019 1400 Seilbahnkabinen sein. Quelle: dpa

Es gibt viele Pavillons und Ausstellungen, es ist eine globale Informationsbörse über spannende Projekte - wie die Seilbahn in La Paz. Da 70 Prozent der Treibhausgasemissionen in Städten anfallen, gilt Quito als wichtiger Baustein für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, für eine deutliche CO2-Reduzierung. Wie kann etwa der Autoverkehr eingedämmt werden – eine Alternative zu teuren Metros sind Straßenspuren nur für Schnellbuslinien, wie sie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro zum Einsatz kamen. In Städten wie Berlin boomt der Radverkehr, aber es ist schwierig, nachträglich dem Auto- und Busverkehr Platz zu nehmen, um mehr reine Radstraßen zu bauen.

Und was ist mit dem „Megaproblem“ Slums und Verdrängung?

Wer Fluchtursachen bekämpfen will, muss auch bei den katastrophalen Zuständen in Metropolen in Afrika und Asien ansetzen. „Wir brauchen viel mehr Mittel zur Armutsreduzierung“, sagt die in Quito mitdiskutierende Expertin für städtische Entwicklung beim Hilfswerk Misereor, Almuth Schauber. Misereor unterstützt Projekte, die Slums „wohnlicher“ machen und juristisch im Kampf um Bleiberechte helfen. 30 Prozent der Stadtbevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern würden als informell gelten, so Schauber. „Sie kommen auf dem Radar der Stadtverwaltungen gar nicht vor.“ Gerade diese Bürger seien oft von Gewalt und Vertreibungen betroffen, von Gentrifizierung und Immobilienspekulation. Das Klimathema sei sehr wichtig. „Aber das darf nicht zu Lasten des Themas Menschenrechtsverletzungen gehen.“

Die Stadt wächst: 10 Herausforderungen

Die Menschen zieht es weltweit in die Städte - mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt dort, eine Herausforderung. Zumal viele Maßnahmen Investitionen erfordern, für die oft das Geld fehlt.

WOHNRAUM: Die Stadtbevölkerung wird sich bis 2050 von fast 4 auf rund 6,5 Milliarden Menschen erhöhen. Guter, billiger Wohnraum wird zur Mangelware - arme Bevölkerungsschichten müssen in Slums leben.

IMMOBILIENSPEKULATIONEN: Insgesamt leben weltweit über 850 Millionen Menschen in Elendsvierteln - arme Menschen werden aus den Zentren verdrängt, wo mehr Luxuswohnungen geschaffen werden: sozialer Sprengstoff.

FLUCHT: Die prekäre Entwicklung in Städten, Verarmung und Gewalt sowie der fehlende Zugang zu Wasser- und Stromversorgung bergen in Entwicklungsländern die Gefahr neuer großer Flüchtlingsbewegungen.

GESUNDHEIT: Lärm, Luftverschmutzung, Smog schlagen auf die Gesundheit der Bewohner, ebenso fehlender Zugang zu sauberem Wasser und fehlende Grünflächen. Das Stadtleben kann vielerorts auf Dauer krank machen.

KLIMAWANDEL: 70 Prozent der Treibhausgasemissionen fallen in Städten an. Um die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, muss der CO2-Ausstoß im Autoverkehr und bei der Energieversorgung stark gedrosselt werden.

ENERGIE: Die G7 haben vereinbart, dass die Welt langfristig ohne Kohle, Öl und Gas auskommen soll - der Energiehunger muss stärker mit grüner Energie gestillt werden, aber die Umstellung kostet Geld.

GEBÄUDE: In Afrika oder Lateinamerika sind es die Klimaanlagen, die viel Strom fressen, in anderen Regionen verschlingt das Heizen viel Energie - in Gebäudesanierungen liegt viel Energieeinsparpotenzial.

ABFALL/ABWASSER: In Entwicklungs- und Schwellenländern wird ein Großteil des Mülls auf wilden Kippen entsorgt oder verbrannt, Abwässer werden nicht geklärt und in Flüsse, Seen und Meere geleitet.

NAHVERKEHR: Mehr exklusive Schnellbuslinien gelten als Alternative zu teureren, langwierigen U-Bahn-Bauten. Die Stadt der Zukunft setzt auf mehr Nahverkehr, auf Elektro- oder Hybridantriebe - und Carsharing.

RADREVOLUTION: Kopenhagen macht es vor, aber selbst Städte wie Rio de Janeiro haben schon 450 Kilometer an Radwegen. In der Stadt verteilte Leihstationen können den Bürgern den Rad-Umstieg schmackhaft machen.

Von RND/dpa