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Deutschland / Welt „Wir neigen dazu, Wahrheiten nicht mehr auszusprechen“
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19:23 24.02.2014
Thilo Sarrazin liebt den Widerspruch. Quelle: Maurizio Gambarini
Berlin

Herr Sarrazin, Ihr neues Buch handelt von den „Grenzen der Meinungsfreiheit“. Kann man hierzulande sagen, was man will?
41 Prozent der Deutschen sagen, dass man bei vielen Themen nicht sanktionsfrei sagen darf, was man denkt.

Was würde es uns bringen, wenn es wieder üblich wäre, Behinderte „Krüppel“ und Schwarze „Neger“ zu nennen?
Das will ja gar keiner, und damit verkürzen Sie das Problem. Die eigentliche Frage ist: Was verlieren wir, wenn wir uns in einen die Gedanken verengenden Neusprech zwingen lassen, wie einst von George Orwell in „1984“ prophezeit? Ich reagiere empfindlich, wenn man versucht, durch sprachliche Regulierungen Meinungen zu lenken und die Sicht auf die Welt zu bevormunden. Sprachregelungen sind das Reservat totalitärer Systeme. Propagandaminister Goebbels hat jeden Tag neue Sprachregelungen für die Reichspresse herausgegeben.

Wir haben eben über Menschen mit Behinderung gesprochen, die in unserer Gesellschaft nicht mehr „Krüppel“ genannt werden.
In dem Kapitel, auf das Sie sich beziehen, nehme ich Bezug auf Euphemismen und die Neigung, durch Sprache Wirklichkeit auszublenden. Das Wort „Krüppel“ war historisch gesehen völlig wertfrei. Wir neigen dazu, Wahrheiten nicht mehr auszusprechen. Man sagt nicht mehr „geistesschwach“ sondern „intelligenzgemindert“. Sehr intelligente Kinder werden von „fortschrittlichen“ Pädagogen nicht mehr als hochbegabt, sondern als „andersdenkend“ beschrieben. So soll schon in der Sprache die Benennung von Unterschieden unterbunden werden.

Sie erkennen in Deutschland einen „Tugendwahn“, der alles gleichmachen will. Die Homo-Ehe habe den Begriff der Ehe „entgrenzt und seines historischen Sinngehalts beraubt“. Was meinen Sie?
Der einzige Grund für die Regulierung der sexuellen Beziehung von Mann und Frau durch Staat und Gesellschaft und damit für die Schaffung des Instituts der Ehe ist der, dass die sexuelle Beziehung von Mann und Frau zu Kindern führen kann und so den Fortbestand der Gesellschaft sichert. Deshalb hat der Staat immer die Rahmenbedingungen von Fortpflanzung reguliert - also die Ehe. Für die staatliche Regelung gleichgeschlechtlicher Beziehungen gibt es kein öffentliches Interesse. Man regelt ja auch nicht die Beziehungen zwischen Freunden.

Sie schreiben, Ehe und Familie würden gesellschaftlich „delegitimiert“. Eltern sollen sich nicht so „leichtfertig“ trennen. Sie beklagen einen „Kult um Alleinerziehende“.
Für das Gedeihen von Kindern ist es am besten, wenn sie in einer stabilen Partnerschaft ihrer leiblichen Eltern aufwachsen. Unser Sozialrecht begünstigt leider den Übergang in den Status der Alleinerziehenden, es sollte aber eher Anreize aufbauen, damit Familien zusammenbleiben.

Auch international sehen Sie eine Gleichheitsideologie. Sie kritisieren den Geschäftsführer des Hilfswerks Misereor, weil er die Ursachen von Hunger und Krankheit in „ungerechter Verteilung“ sieht. Was ist falsch daran?
Eines meiner 14 Axiome des Tugendwahns in meinem Buch lautet: „Für Armut und Rückständigkeit in anderen Teilen der Welt tragen westliche Industriestaaten die Hauptverantwortung.“ Diese Überzeugung konfrontiere ich mit der Wirklichkeit. Hungersnöte ergeben sich regelmäßig aus nur zwei Ursachen: schlechte Regierungen und ungezügeltes Bevölkerungswachstum. China kennt seit Jahrzehnten keine Hungersnöte mehr. Und der Wohlstand in Deutschland, Schweden und der Schweiz entstand nicht auf Kosten anderer Ländern und Völker, sondern durch Fleiß, Tüchtigkeit und gute Regierungspraxis. Der Kolonialismus war zwar ein in krasser Weise ungerechtes System, aber er hat Afrika vorangebracht.

Die von Ihnen einst entfachte Integrationsdebatte flammt neu auf: Nach dem Schweizer Referendum könnten nun Deutsche Opfer einer rigiden Zuwanderungspolitik werden. Wie sehen Sie das?
Zum Kern der Souveränität eines Staates gehört die Souveränität über seine Grenzen. Der Staat muss entscheiden, wer Zutritt hat und wer nicht. Wenn sich nun die Bevölkerung in der Schweiz mehrheitlich entschieden hat, diese Souveränität wieder stärker wahrzunehmen, ist das grundsätzlich legitim. Die EU hat bisher noch nicht gezeigt, dass sie die Außengrenzen des Schengenraums wirklich sichern und die Zuwanderung aus Afrika sowie Nah- und Mittelost wirksam steuern kann. Dazu gehört allerdings auch die Beseitigung falscher Anreize in den europäischen Sozialstaaten.

Reizt es Sie, zur Europawahl mit Forderungen nach weniger Sozialleistungen für Migranten in die Politik zurückzukehren, etwa für die AfD?
Meine politische Laufbahn habe ich am 30. April 2009 mit dem Rücktritt aus dem Berliner Senat abgeschlossen. Dabei bleibt es. Aber natürlich bin ich seit 40 Jahren Mitglied der SPD, und auch das bleibt so.

Zur Person

Thilo Sarrazin liebt den Widerspruch, ob als Finanzsenator, Bundesbankvorstand, Buchautor. Die Bücher des Volkswirtschaftlers und Sozialdemokraten bürsten gegen den Strich und wurden millionenfach verkauft. Er wird allerdings auch gern als „Quartalsirrer“ und „Rassist“ beschimpft. Woraus er nun ein Buch gemacht hat. „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ handelt vom angeblichen Tod des freien Worts, geopfert auf dem Altar einer linksliberalen Leitmedienlandschaft. Dass aber der neue Widerspruch wieder in der Forderung nach einem SPD-Parteiausschluss gipfelt, erscheint zweifelhaft.

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