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Deutschland / Welt Flucht über die „Straße des Todes“
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16:23 05.06.2013
Seit Tagen hatten Soldaten der syrischen Armee ihre Angriffe auf Al-Kusair verstärkt. Quelle: Reuters
Arsal

„Wir haben die Granaten ertragen und die Luftangriffe, aber erst als uns das Brot ausging und die Kämpfer der Partei kamen, sind wir geflohen“, sagt Fatima al-Suhuri. „Die Partei“ das ist die vom Iran aufgerüstete libanesische Schiiten-Partei Hisbollah, die in Syrien an der Seite des Regimes von Präsident Baschar al-Assad kämpft. Die 26 Jahre alte Sachkunde-Lehrerin und ihre beiden Söhne gehören zu den letzten Zivilisten, die in der seit Wochen umkämpften Kleinstadt Al-Kusair ausgeharrt hatten.

Vor zehn Tagen sind sie, ihre Schwester, ihr Vater und zwei Cousinen mit einer Schar von Kleinkindern in den Libanon geflohen. Voller Angst um die zurückgelassenen Männer der Familie verfolgen sie die Nachrichten aus Al-Kusair, wo die Regierungstruppen jetzt zusammen mit der Hisbollah ins Stadtzentrum vorgedrungen sind. Am Mittwochmorgen meldete die Nachrichtenagentur Sana, dass die Stadt zurückerobert worden sei. Regimegegner berichteten, die Rebellen hätten sich in der Nacht aus Al-Kusair zurückgezogen. Sie hätten dem Ansturm der Angreifer nicht mehr standhalten konnten, da ihnen allmählich die Munition ausgegangen sei.

Fatima al-Suhuris Erinnerung an die angstvollen Stunden auf der Flucht im Auto ist noch frisch: „Drei Tage lang waren wir unterwegs auf der Straße des Todes, wir konnten immer nur nachts fahren, damit uns kein Heckenschütze trifft.“ Panik kam auf, als einer der Fahrer in ihrem Konvoi einmal versehentlich die Scheinwerfer anschaltete. Sie gerieten unter Beschuss, liefen aus den Autos und versteckten sich in einem Bauernhof. Für die Strecke, die sie zurückgelegt haben, braucht man in normalen Zeiten nur 45 Minuten.

Die Lehrerin trägt ein gemustertes Kopftuch und einen fliederfarbenen Mantel über ihrer Jeans. In ihrem Schoß hält die schlanke Frau den zweijährigen Ali, der mit angstvoll aufgerissenen Augen zu ihr aufblickt. Sein Bruder Omar (5) liefert sich derweil mit einem selbst gebastelten Schwert ein Duell mit einem anderen Flüchtlingskind, das eine dünne Eisenstange vor der Brust hält. Die Schwester meldet sich zu Wort. Die Stimme der blassen jungen Frau zittert vor Wut: „Nachdem wir immer wieder versucht hatten, auf Nebenstraßen zur Grenze zu gelangen, haben uns die Revolutionäre gesagt, es gibt keinen anderen Weg, ihr müsst zu Fuß an der Straßensperre des Regimes vorbei.“

Die Soldaten ließen ihre Kleider von einer Frau durchsuchen. Dann durften sie passieren. „Die Soldaten riefen uns hinterher: „Hoffentlich kehrt ihr als Witwen zurück!““, erinnern sich die Frauen. Sie haben zusammen mit anderen Flüchtlingsfrauen aus der syrischen Stadt Homs in der libanesischen Kleinstadt Arsal ein umgebautes Ladenlokal gemietet. Ihre Ehemänner und Brüder sind in Al-Kusair geblieben, um zu kämpfen.

Doch auch in Arsal, einem schmucklosen Ort, dessen vorwiegend sunnitische Bevölkerung Sympathien für die Revolutionäre in Syrien hegt, fühlen sich die Frauen nicht sicher. „Vor einigen Tagen kamen zwei Männer auf einem Motorrad vorbeigefahren, als ich mit meiner Tochter vor der Tür saß. Sie warfen eine selbst gebastelte Bombe. Zum Glück fing nur der Vorhang am Eingang Feuer“, sagt eine der Cousinen und zeigt auf den angeschmorten Saum des weißen Vorhangs.

„Er soll wenigstens in seiner Heimat begraben werden“

Doch sie betont, anderen Flüchtlingen sei es noch viel schlechter ergangen. Vor allem die Frau, deren zweijähriges Kind auf der Flucht im Auto von einem Schuss an der Stirn getroffen wurde, gehe ihr nicht aus dem Kopf, sagt sie. Die junge Frau habe den Leichnam ihres Sohnes einem Kämpfer der Freien Syrischen Armee gegeben mit den Worten „Er soll wenigstens in seiner Heimat begraben werden.“

Die Nachrichten, die den Frauen aus der Heimat zugetragen werden, sind nicht gut. Ein Teil der Stadt, die an der strategisch wichtigen Straße zwischen der Hauptstadt Damaskus und dem Küstenstreifen liegt, wird von der Hisbollah kontrolliert. Auch die Armee von Präsident Assad hat in den letzten Tagen Geländegewinne gemacht. Für Assad ist es wichtig, die Rebellen zu vertreiben, die sich dort schon vor knapp zwei Jahren festgesetzt hatten. Denn an der Küste lebt ein Großteil seiner Anhänger.

Auch an diesem diesigen Junimorgen ist der Gefechtsdonner bis zur libanesischen Grenze zu hören. Die syrische Luftwaffe fliegt auch wieder Angriffe auf Al-Kusair. Der Wind zerrt an einer schwarzen Rauchsäule, die über der Stadt aufsteigt.

In Arsal ruft der Muezzin zum Mittagsgebet. „In Al-Kusair gibt es keinen Gebetsruf mehr, denn alle Moscheen sind zerstört“, sagt Fatima al-Suhuri. Sie weiß nicht, wohin mit ihrer Wut „auf die Hisbollah und auf die arabischen Herrscher, die zuschauen, wie unser Volk getötet wird.“

Von Anne-Beatrice Clasmann/dpa

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