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Deutschland / Welt Spektakulärer Agentenaustausch zwischen USA und Russland
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19:05 09.07.2010
Der Wiener Flughafen Schwechat gab am Freitag die Kulisse für den Agentenaustausch ab, dort landeten Maschinen aus Russland und den USA. Quelle: dpa

Es ist schon lange her, dass das amerikanische Publikum von der Glienicker Brücke in Berlin gehört hat. Doch die legendäre „Agentenbrücke“ tauchte in den vergangenen Tagen fast in jedem Artikel auf, der den neuesten Tauschhandel zwischen den Vereinigten Staaten und Russland beschrieb. Schließlich war es das letzte Mal 1986 an der Glienicker Brücke, dass ein ganzer Pulk von gefangenen Spionen die Seiten wechselte. Nun die überraschende Neuauflage eines Rituals aus den Zeiten des Kalten Krieges, allerdings nicht in Berlin, sondern an ähnlich berühmt-berüchtigtem Ort: in Wien.

Einen Tag, nachdem sich zehn vor elf Tagen festgenommene russische Agenten vor einem Gericht in New York schuldig bekannt hatten, saßen sie bereits in einem Flugzeug Richtung Europa. In der österreichischen Hauptstadt stiegen sie auf dem Rollfeld um in eine russische Maschine, die ihrerseits vier US-Agenten aus Moskau gebracht hatte.

Zehn gegen vier? Die USA erhielten Gefangene, die vermutlich von größerem Kaliber waren als die Amateurtruppe aus den USA. Die hatte angesichts ihrer banalen Mittelklassenexistenz und relativen Wirkungslosigkeit eher für Spott als für Angst um die nationale Sicherheit gesorgt. Es habe in den vergangenen Tagen wohl mehr Schnappschüsse von ihr gegeben als falsche Pässe in dem Spionagering zirkulierten, schrieb die „New York Times“ beispielsweise über die 28-jährige Anna Chapman, die mit ihren roten Haaren von der Boulevardpresse auf manchmal wenig geschmackvolle Weise zum Sexsymbol des Spionagerings stilisiert worden war. Mit ihren ausgiebigen Einträgen und Fotos auf der Internetplattform Facebook und Videos auf YouTube, in denen sie Loblieder auf New York sang, enthüllte Anna Chapman wohl mehr über sich selbst, als sie je ihrem Auftraggeber über die USA offenbarte.

Noch nicht einmal der kurz vor der Ausreise in New York verhandelte Anklagepunkt lautete auf Spionage. Die Delinquenten, die teils in orange-farbener Gefängniskleidung und teils in Zivilkleidern vor dem Richter erschienen, waren in ihrer zehnjährigen Agentenlaufbahn schlicht an keine Geheimnisse herangekommen. Ihr Geständnis lautete deshalb darauf, dass sie es versäumt hätten, sich als Mitarbeiter einer ausländischen Regierung in den USA zu registrieren. Die größte öffentliche Enthüllung war noch die Präsentation ihrer wahren, russischen Namen. Nur Anna Chapman, die prominenteste Figur der Gruppe, war unter ihrer wahren Identität in die USA eingereist. Ihren Ehenamen hatte sie nach der inzwischen geschiedenen Verbindung mit einem Briten behalten.

Die vier von Russland Freigelassenen, die nun auf dem Weg in die USA sind, waren hingegen allesamt Wissenschaftler oder ehemalige Agenten des russischen Geheimdienstes. Einer von ihnen, der Wissenschaftler Igor Sutjagin, beharrt weiter auf seiner Unschuld, auch wenn er das von Moskau verlangte Schuldeingeständnis unterzeichnete. Auch die Amerikaner sahen seinen Fall immer als Beispiel für politische Verfolgung. Doch mit dem Austausch ist auch diese seit elf Jahren währende Belastung der russisch-amerikanischen Beziehungen erledigt.

Moskau und Washington setzten alles daran, die Peinlichkeit rasch hinter sich zu bringen. „Die Übereinkunft, die wir heute erzielt haben, ist eine erfolgreiche Lösung für die USA und ihre Interessen“, sagte US-Justizminister Eric Holder in seiner knappen Stellungnahme. Dass Spione schon vor Beginn eines Gerichtsprozesses ausgetauscht werden, ist ziemlich einmalig. Doch angesichts des laufenden Ratifizierungsverfahrens für den neuesten Raketenabrüstungsvertrag mit Russland im US-Senat kann Barack Obama keine Ablenkungen gebrauchen. Bisher war erwartet worden, dass der Vertrag die nötige Zweidrittelmehrheit problemlos erreicht. Doch kurz vor dem Agentenaustausch hat Mitt Romney, der ehemalige Gouverneur von Massachusetts und aussichtsreicher Aspirant auf eine republikanische Präsidentschaftskandidatur 2012, schweres Geschütz gegen Obamas Russlandpolitik aufgefahren. Der Raketenvertrag sei sein bisher schlimmster außenpolitischer Fehler, schrieb er in einem Gastbeitrag für die „Washington Post“: „Er gibt den Russen viel mehr als den Vereinigten Staaten.“ Auch die konservative Heritage Foundation in Washington nutzte die Agentenaffäre zu Attacken auf die Außenpolitik des Weißen Hauses. „Trotz der ganzen Kuschelrhetorik über die amerikanisch-russischen Beziehungen wirft uns dieses Ereignis vierzig Jahre zurück“, sagte Ariel Cohen, der Russlandexperte der Politikstiftung.

Das mag ziemlich übertrieben sein. Peinlich ist die Sache für Obama dennoch. Nur wenige Meter von der Wohnung eines der festgenommenen Russen entfernt hatte er seinen Amtskollegen Dmitri Medwedew bei ihrem jüngsten Treffen in den USA Ende Juni an einer kleinen Fast-Food-Bude auf einen Hamburger und eine Cola eingeladen.

Andreas Geldner

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