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Deutschland / Welt SPD: Schlechtestes Ergebnis seit 1949
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05:00 25.09.2017
Schwerer Gang: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in der Parteizentrale. Quelle: dpa
Berlin

In der SPD verwenden sie nach Wahlniederlagen gern Vergleiche aus dem Boxsport. Leberhaken, Nierenschlag – solche Sachen. Als Martin Schulz am Sonntagabend die Bühne im Willy-Brandt-Haus betritt, verzichtet er auf solche Bilder. Sie funktionieren nicht mehr. Was soll er auch sagen? Dass diese Bundestagswahl 2017 der K.-o.-Schlag für die Sozialdemokraten war? Dass die einstmals so stolze Partei mit gebrochenem Kiefer auf den Brettern liegt? Ausgezählt vom Ringrichter – der in diesem Fall der Wähler war? Stimmen würde es ja.

Schulz spricht von einem „großen Wahlkampf“

Nicht mal 21 Prozent. Es ist eine Zahl wie ein Donnerschlag. Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die SPD so schlecht. Die 25,7 Prozent mit denen Peer Steinbrück vor vier Jahren vom Hof gejagt wurde, selbst die 23 Prozent von Frank-Walter Steinmeier aus dem Jahr 2009 wirken im Vergleich zur Schulz-Zahl bärenstark. Die Niederlage der SPD ist verheerend. „Eine Katastrophe“, wie ein Mitglied des Parteipräsidiums jammert. Schulz weiß das natürlich. Und deshalb will er sich nicht lange mit dem Ausmaß der Niederlage aufhalten. Als „Trainer“ des Boxers SPD müsste er dann beinahe zwangsläufig das Handtuch werfen. Doch zurücktreten will er nicht. Pflichtschuldig räumt Schulz seine Niederlage ein, spricht aber schnell von einem „großen Wahlkampf“, den die SPD geführt habe. Rhetorisch gilt das Lob der Partei, in Wahrheit aber meint Schulz sich selbst.

Sein Ton für diesen Abend ist damit gesetzt. Schulz klammert sich an die Macht. Den Anspruch, Parteivorsitzender zu bleiben, gibt er nicht auf. „Wir werden die kommenden Wochen und Monate nutzen, um SPD neu aufzustellen“, sagt er. „Ich empfinde es als meine Aufgabe, diesen Prozess als Vorsitzender der SPD anzuführen.“

Ende der verhassten Groko – der Preis, den Schulz bezahlen muss

Nach diesem Satz bricht zum ersten Mal Jubel im Willy-Brandt-Haus aus. Vereinzelt gibt es sogar Martin-Sprechchöre, fast so wie am Anfang des Wahlkampfes, als Schulz und seine Genossen noch von 30 Prozent plus x träumten. Das Gejohle schwillt sogar noch an, als Schulz Weg in die Opposition vorzeichnet. „Mit dem heutigen Abend endet unsere Zusammenarbeit mit CDU und CSU“, verspricht der SPD-Chef. „Frau Merkel hat Präferenzen für ein Bündnis mit FDP und Grünen erkennen lassen”, behauptet er. „Zu einem solchen Bündnis steht die SPD in Opposition.“

Das Ende der bei der SPD-Basis verhassten Groko – das ist der Preis, den Martin Schulz bezahlen will, um den Parteivorsitz zu retten. Und er verzichtet darauf, den Vorsitz der SPD-Bundestagsfraktion für sich zu reklamieren, wie es vor der Wahl viele erwartet hatten. Er werde das Amt nicht anstreben, sagt Schulz in der ARD. Dass Arbeitsministerin Andrea Nahles direkt neben Schulz auf der Bühne steht, ist mehr als nur ein Zeichen. Nahezu alle in der SPD rechnen damit, dass es auf Nahles hinausläuft. Der amtierende Fraktionschef Thomas Oppermann hat intern bereits klargestellt, dass er sich nicht als Oppositionsführer sieht.

Bei der Berliner Runde im ARD-Hauptstadtstudio treffen sich Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU). Quelle: imago

Ob das alles reichen wird, um die SPD zusammenzuhalten? Nicht jeder ist sich da an diesem Sonntag sicher. Anders als die Mitarbeiter der Parteizentrale klatschen viele Spitzengenossen beim Auftritt von Schulz nicht. Auch sein aggressiver Auftritt bei der Berliner Runde, seine harten persönlichen Attacken gegen die Kanzlerin, gelten manchen als Beleg für die schwache Stellung des SPD-Chefs.

Wenn die Gerüchte stimmen, die in der SPD erzählt werden, war ihm das lange nicht klar. Seit Sonntagnachmittag wussten die Genossen, dass es schlimmer kommen würde als im Vorfeld befürchtet. Den ganzen Tag über hatten die Meinungsforscher ihre Prognosen in die SPD-Zentrale gefunkt. Und die wurden von Stunde zu Stunde düsterer.

Schulz wirkt gelöst, fast heiter

Um 17.25 Uhr schaltete sich die Parteispitze per Telefon zusammen. Schulz trug die Zahlen der Institute vor. Er wirkte dabei gelöst, fast heiter, berichten einige Teilnehmer: „Der war noch voll im Tunnel.” Die Spitzengenossen sollen die Worte ihres Chefs mit eisigem Schweigen quittiert haben. Nur Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke soll sich zu einem dürren Dank an die Adresse des Kanzlerkandidaten durchgerungen haben.

Eisig war das Schweigen auch, als im Foyer des Willy-Brandt-Hauses um 18 Uhr die ersten Ergebnisse über die Bildschirme flimmerten. Die Genossen in der SPD-Zentrale litten sprach- und regungslos. Nicht mal beim schlechten Ergebnis der Union rührte sich eine Hand zum Applaus.

Fast 5 Prozentpunkte verloren, die Fraktion im Bundestag schrumpft von 193 auf 138 Abgeordnete zusammen. 55 Mandate sind einfach weg. Das heißt nicht nur weniger Stimmen, es heißt auch weniger Redezeit, weniger Mittel, weniger Jobs. „Die SPD hat heute eine historische Niederlage erlitten“, sagt Michael Groschek, Landesvorsitzender aus Nordrhein-Westfalen.

„Merkel war schlagbar“

„Merkel war in diesem Jahr zum ersten Mal schlagbar“, sagt ein Genosse, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Diese Chance hat Martin Schulz versemmelt.“

Der Wahlkampf mag vorbei sein, aber Schulz wird weiterkämpfen müssen. Ein Selbstläufer werden die Wochen bis zum Parteitag im Dezember für ihn nicht.

Von Andreas Niesmann

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