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00:17 09.08.2015
Gebietsansprüche am Nordpol: Der russische Präsident Wladimir Putin. Quelle: afp
Ottawa

In der Arktis werden riesige Öl- und Gasvorkommen vermutet. Die US-Behörde Geological Survey beziffert in einer Studie von 2008 die unentdeckten Ressourcen auf 412 Milliarden Barrel Öläquivalent oder 22 Prozent der unentdeckten, technisch abbaubaren Reserven. So viele Rohstoffe wecken Begehrlichkeiten. Seit Jahren versuchen alle Anrainerstaaten der Arktis, ihre Gebietsansprüche zu festigen oder zu erweitern, um eines Tages die Schätze dort heben zu können. Russland hat jetzt bei den Vereinten Nationen die Hoheitsrechte über einen großen Teil des Meeresbodens des Arktischen Ozeans bis über den Nordpol hinaus gefordert - eine Fläche von 1,2 Millionen Quadratkilometern. Nach eigenen Angaben würde Moskau so Zugang zu 4,9 Milliarden Tonnen fossiler Brennstoffe erhalten.

Nach der UN-Seerechtskonvention können die Anrainer den Meeresboden über die 200-Seemeilen-Zone hinaus nutzen, wenn sie beweisen können, dass der ins Eismeer hineinragende Festlandssockel die Fortsetzung ihres Festlands ist. Russland hatte schon 2002 seinen Antrag auf Nutzungsrechte an einem großen Teil des Eismeers vorgelegt. Die UN-Sockelkommission hatte aber weitere wissenschaftliche Daten zur Begründung des Antrags gefordert. In den vergangenen Jahren sammelten russische Forscher bei neun Expeditionen Daten, um die Gebietsansprüche des Kreml zu belegen. Jetzt wurden die Unterlagen eingereicht. Russlands Wissenschaftler glauben beweisen zu können, dass zwei Meeresbergrücken und das sogenannte Makarow-Becken im Eismeer mit dem eurasischen Kontinentalrand verbunden sind.

Seit Wladimir Putin Präsident ist, ist die Arktis in den Fokus der Regierung gerückt. Eine kürzlich gegründete Kommission befasst sich mit wirtschaftlichen Projekten in der Region. 2007 hatte Russland für Aufsehen gesorgt, als ein U-Boot eine russische Flagge direkt unter dem Nordpol in den Meeresboden steckte. Zudem erhöhte Moskau seine Militärpräsenz in der Arktis.

Auch Dänemark und Kanada glauben, dass ihr Kontinentalschelf den Nordpol erreicht. Auch die USA und Norwegen streiten für die Erweiterung ihrer Grenzen. Dänemark hatte Ende 2014 Anspruch auf einen 895 000 Quadratkilometer großen Teil des Meeresbodens erhoben und ging weit über den Nordpol hinaus. Kanada arbeitet noch an seinem Antrag. Die UN-Sockelkommission wird auf der Grundlage der Seerechtskonvention (UNCLOS) entscheiden, wie weit die Gebietsansprüche eines Anrainerstaates reichen.

Ein UN-Sprecher erklärte, mit der Prüfung des 2000 Seiten umfassenden Antrags aus Moskau werde im Februar oder März 2016 begonnen. Der gesamte Entscheidungsprozess wird sich über mehrere Jahre erstrecken. Sollte die Kommission zu dem Ergebnis kommen, dass sich Ansprüche einzelner Staaten überschneiden, so muss die Grenzziehung durch Verhandlungen erfolgen.

Klimawandel ermöglicht Zugang zu Rohstoffen

Das steigende Interesse an der Arktis beruht auf dem Klimawandel, der diesen Raum öffnet. Weil das Eis schmilzt, sind Wasserwege passierbar, die Region wird für den Frachtverkehr zwischen Atlantik und Pazifik attraktiv. Auch die möglichen Rohstoffvorkommen werden jetzt erreichbar. Dabei wird aber meist übersehen, dass der Großteil der Vorkommen im Bereich der 200-Seemeilen-Zone liegt, also ohnehin klar ist, welches Land Anspruch auf sie hat. Ob Rohstoffe näher am Nordpol lagern und welche, das ist bisher nicht bekannt.

Russland glaubt jedoch, dass es bei dem UN-Verfahren auch um erweiterte Schifffahrt- oder Fischfangrechte geht. Der russische Ozeanologe Leopold Lobkowski hat erklärt, dass „das Nordpolarmeer nicht mehr international“ sein werde und Schiffe aus anderen Ländern sich dort nicht mehr aufhalten dürfen, wenn die UN Russlands Antrag akzeptieren würden. Diese Aussagen hatte der deutschsprachige Dienst der regierungsnahen russischen Agentur Sputnik News verbreitet. Internationale Experten halten dies für falsch. Sie betonen, es gehe ausschließlich um Nutzungsrechte am Meeresboden.

Umweltschützer beruhigt das nicht. Sie kündigen bereits Widerstand gegen die wirtschaftliche Ausbeutung des Arktischen Ozeans an. Gegenwärtig bereitet der Mineralölkonzern Shell Probebohrungen in der Tschuktschen-See zwischen Alaska und Sibirien vor. Ein Unfall bei der Ölförderung hätte unabsehbare Folgen für das arktische Ökosystem. Greenpeace erklärte, es müsse verhindert werden, dass die Arktis als das „nächste Saudi-Arabien“ betrachtet werde. Sollten die Ansprüche Russlands und der anderen Anrainer nicht abgewehrt werden, drohe die Region in den kommenden Jahrzehnten von Bohrinseln und Fischereiflotten bevölkert zu werden.

Von Gerd Braune

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