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10:26 08.08.2014
Von Helmuth Klausing
Gut gefüllt: Ein Supermarkt in St. Petersburg. Quelle: dpa
Moskau

Kurz vor den Olympischen Spielen in Sotschi ahnten Kenner der russischen Wirtschaft Schlimmes. Dass die amtliche Wachstumsprognose von 4,5 Prozent nach dem Prestigeereignis nicht mehr gelten würde, war allen klar gewesen. Aber dass sich die Regierung schon vorher eine derartige Blöße geben musste, war ein ganz schlechtes Zeichen: Nach diversen Korrekturen stellte man sich auf Stagnation ein - jetzt wird auch eine Rezession nicht mehr ausgeschlossen.

Die Probleme der russischen Wirtschaft schwelten schon länger, berichtet Michael Harms, Geschäftsführer der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau. Und „die Wirtschaft hat weit vor den Sanktionen reagiert“, sagt Harald Becker, Direktor der Deutschen Management Akademie in Celle.

Bei Becker und seinen Kollegen werden jährlich mehr als 1000 ausländische Manager ausgebildet, die meisten aus Russland. Nächste Woche kommt wieder eine Gruppe, nur eine erzwungene Absage hat Becker bisher bekommen - ein regierungsnaher russischer Gast muss den Termin streichen. In Celle wird Basisarbeit geleistet, die Gäste wollen Management westlicher Prägung lernen und geben abends an der Bar auch mal zu, dass sie dieses Know-how in Russland dringend brauchen. Der Wohlstand des Landes steht und fällt immer noch mit den Rohstoffpreisen, es fehlt an Mittelstand und oft auch Hightech. Auf der Straße in Moskau finde Putins harte Linie viel Zustimmung, sagt Becker, unter seinen Gästen wird auch - vorsichtig formulierte - Skepsis laut.

Schwacher Rubel heizt Inflation an

Der Ölpreis ist niedrig, der schwache Rubel verteuert Importe und heizt die Inflation an. Und über allem liege nun auch noch die politische Unsicherheit, sagt Harms. „Das ist eine hochexplosive Mischung.“ Zudem würden die russischen Einfuhrbeschränkungen für Agrargüter die eigene Bevölkerung treffen, erwartet der Handelsexperte. Immerhin sieht Harms einen Hoffnungsschimmer: Während er eine deutliche antiamerikanische Stimmung in der russischen Bevölkerung ausmache, verfange die „plumpe Staatspropaganda“ nicht in Bezug auf Europa und Deutschland. „Eine antideutsche oder antieuropäische Stimmung gibt es nicht im Land.“

Dafür sind die Kontakte in den letzten 25 Jahren zu eng geworden, vor allem wirtschaftlich sind beide Länder längst eng verwoben. Deutschland und Russland schoben im vergangenen Jahr Waren im Gesamtwert von 76,5 Milliarden Euro hin und her, wie der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft ausgerechnet hat. Damit ist das Handelsvolumen binnen Jahresfrist allerdings um rund fünf Prozent geschrumpft. In diesem Jahr wird es wohl ein noch größeres Minus geben, denn allein die Sanktionen werden nach Berechnungen des Ost-Ausschusses deutsche Exporte im Wert von 570 Millionen Euro verhindern.

Investitionen liegen auf Eis

„Bereits vor den Sanktionen haben deutsche Unternehmen Investitionen in Millionenhöhe in Russland auf Eis gelegt“, berichtete der Ausschussvorsitzende Eckhard Cordes gestern. Deutschland liefert vor allem Maschinen und Anlagen nach Russland - zuletzt im Gesamtwert von 36 Milliarden Euro. Der Agrarbereich hat mit 1,6 Milliarden Euro einen recht kleinen Anteil daran. In umgekehrter Richtung kommen hauptsächlich Rohstoffe wie Öl, Gas und Metalle nach Deutschland, für immerhin 40,4 Milliarden Euro im Jahr 2013. Produkte, „die auf einem gewissen technologischen Wissen basierten“, wie der Ost-Ausschuss süffisant bemerkt, machten nur ein Fünftel der russischen Exporte aus.

Manche trifft die Abkühlung des Klimas jedoch sehr direkt. So hat das Wirtschaftsministerium gerade die Genehmigung für ein 100-Millionen-Geschäft des Rheinmetall-Konzerns zurückgezogen. Den Rüstungskonzern und Autozulieferer zwingt das nicht nur, seine Geschäftsprognose zu reduzieren, er prüft auch eine Schadensersatzklage - nach dem Sanktionskatalog wäre das Geschäft nämlich zulässig. Krisensitzungen dürfte es auch bei der BASF und ihrer Kasseler Tochter Wintershall geben. Die arbeitet nicht nur eng mit Gazprom zusammen, man will auch gerade große Beteiligungen tauschen. Das könnte sich hinziehen, deutet BASF an. Ein Problem könnte sein, dass die konzerneigene Bank der Russen auf der EU-Sanktionsliste steht. Andere können relativ entspannt bleiben. So ist der größte Aktionär des TUI-Konzerns zwar ein russischer Oligarch, doch Alexej Mordaschow ist handlungsfähig und darf - im Gegensatz zu einigen Milliardärskollegen - auch weiter in die EU einreisen.

Autobranche rechnet mit Umsatzrückgang

Auch ohne Sanktionen rechnen einige Branchen mit zweistelligen Umsatzrückgängen in Russland. Darauf stellt sich zum Beispiel die Autobranche ein. Doch der Exportmarkt rangiert nur auf Platz neun der deutschen Autobauer, rund zwei bis drei Prozent steuert das Geschäft dort zu ihrem Umsatz bei. „Spürbar, aber nicht dramatisch“ werde die Wirkung des schrumpfenden Marktes sein, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Branchenverbands VDA. Schlimmer ist, dass dies nicht der erste schwächelnde Hoffnungsmarkt ist: „Vom Boom der BRICS-Staaten ist nur das C geblieben“, sagt Wissmann: Brasilien, Russland, Indien, Südafrika in der Krise, nur China funktioniert. Dennoch steht er wie BDI-Präsident Ulrich Grillo hinter den EU-Sanktionen, die bisher vernünftig dosiert seien: „Man kann auch mit dem Florett wehtun.“ MAN-Chef Georg Pachta-Reyhofen dürfte seine demonstrative Zustimmung zu den Sanktionen schwerer gefallen sein, denn für die Lkw- und Maschinenbauer ist der russische Markt weitaus wichtiger als für die Pkw-Hersteller.

Doch vorerst ist in den meisten Unternehmen von Abwarten zu hören, von sorgenvollem Beobachten und Risikominimierung. Verschärfe sich der Handelsstreit nicht noch weiter, werde man ohne große Blessuren durchkommen, heißt es bei den meisten Konzernen. Viel schlimmer seien die langfristigen Folgen der Auseinandersetzung. „Ein Gefühl der Unsicherheit und Unberechenbarkeit wird bleiben“, sagt Michael Harms von der Handelskammer. Harald Becker in der Management Akademie will um keinen Preis „den Faden abreißen lassen“. Doch um diesen Konflikt vergessen zu machen, „muss man in Jahren denken“.

Ost-Ausschuss-Vorsitzender Cordes warnt vor „dauerhafter Verunsicherung von Investoren“. Ein anhaltender Handelskonflikt könne Tausende Arbeitsplätze in Deutschland und Russland gefährden. Doch wo immer sich zwei streiten, freut sich ein Dritter. Für den Handelsfachmann Harms ist das ganz klar China: „Jetzt wird es einen Boom beim chinesischen Engagement in Russland geben.“

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