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Deutschland / Welt Präsident des Jüdischen Weltkongresses über das Erinnern in Bergen-Belsen
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08:24 17.04.2010
Ronald S. Lauder am Holocaust-Mahnmal in Berlin Quelle: afp

Herr Lauder, Sie kommen jetzt nach Hannover, um der Befreiung des KZ Bergen-Belsen zu gedenken. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die über die NS-Zeit berichten können. Wie kann es dennoch gelingen, die Erinnerung wachzuhalten?

Es stimmt, in wenigen Jahren werden Gedenkstätten, Museen, Filme, Fotos oder Bücher alles sein, was uns bleibt. Unsere unmittelbare Verbindung mit der Vergangenheit wird bald abgebrochen sein. Wir müssen uns sehr anstrengen, um die Erinnerung an die Shoa am Leben zu halten. Und wir müssen Wege finden, die Jugend emotional anzusprechen.

Wie kann das geschehen?

Die Leidensgeschichte von Anne Frank, die in Bergen-Belsen gestorben ist, und ihr Tagebuch sind beispielsweise Dinge, die junge Leute sehr schnell verstehen. Ein zweiter, sehr wichtiger Punkt ist, dass wir Stätten des Grauens wie etwa Bergen-Belsen für künftige Generationen bewahren. Den finanziellen Aufwand dürfen wir auf keinen Fall scheuen. Man fängt erst an, die Schrecken zu begreifen, wenn man einmal ein früheres KZ besucht hat. Kein Geschichtsbuch kann diese Erfahrung ersetzen.

Als US-Botschafter in Wien verteidigten Sie das Einreiseverbot für den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, der wegen seines Verhaltens in der NS-Zeit umstritten war. Wie steht es aus Ihrer Sicht heute um die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland und Österreich?

Es gab da immer Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich. Obwohl man auch sagen muss, dass die Österreicher nach Waldheims Präsidentschaft gute Ansätze gezeigt haben, ihre Rolle während des Kriegs offen zu diskutieren. In den vergangenen Jahren war Deutschland im Umgang mit der Nazi-Vergangenheit beispielhaft. Es hat Lehren gezogen, Verantwortung für die Überlebenden übernommen, und ist auf die Juden mit offenen Armen zugegangen. Doch noch immer gibt es Antisemitismus, sogar unter jungen Leuten. Die Lehre aus der Geschichte sollte sein, dass Antisemitismus und Rassismus nicht hinnehmbar sind, egal in welcher Form.

Durch Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion wächst Deutschlands jüdische Gemeinde so stark wie keine andere Europas. Wie sehen Sie die Zukunft jüdischen Lebens im Lande der Täter?

Wir erleben hier gerade eine Art „jüdische Wiedergeburt“, die nach dem Krieg niemand für möglich gehalten hätte. Schauen Sie sich um in Deutschland: Alle paar Monate wird eine neue Synagoge eingeweiht, ehemals darniederliegende Gemeinden erblühen zu neuem Leben. Ich glaube, der Zentralrat der Juden unter Führung von Charlotte Knobloch leistet hinsichtlich der Integration der neuen Gemeindemitglieder hervorragende Arbeit. Das deutsche Judentum hat eine glänzende Zukunft vor sich. Es braucht aber auch Unterstützung: So müssen wir bessere Wege finden, Antisemitismus zu bekämpfen. Es gibt immer noch ein alarmierendes Ausmaß an Hass gegenüber Juden, in manchen Regionen nimmt er sogar zu. Nur ein Beispiel: Warum brauchen Synagogen in Deutschland Polizeischutz?

Derzeit laufen die wohl letzten Prozesse gegen NS-Verbrecher wie John Demjanjuk. Ist es überhaupt noch sinnvoll, die Greise vor Gericht zu stellen?

Wir begrüßen es, dass Deutschland versucht, Nazi-Kriegsverbrecher der Gerechtigkeit zuzuführen. Es darf keine Straflosigkeit für Massenmord geben. Alter schützt vor Strafe nicht. Es gibt übrigens auch andere gebrechliche ältere Menschen – nämlich die Holocaust-Überlebenden –, die heute noch traumatisiert sind wegen der Taten von KZ-Wächtern wie Demjanjuk und auf Gerechtigkeit warten. Für die Überlebenden ist es wichtig, dass Gerichte offiziell feststellen, welch scheußliche Verbrechen begangen wurden. Fast jeder Prozess zeigt, dass die meisten Täter keine Reue empfinden. Wie Demjanjuk geben sie nicht einmal eine Mitverantwortung für Ihre Taten zu. Es gibt da wahrlich keinen Grund, Mitleid mit den Tätern zu haben.

In der jüdischen Welt gibt es seit einiger Zeit eine Debatte um jüdische Identität: Halten Sie es für eine Gefahr, dass die Erinnerung an die Shoa diese Identität einmal stärker prägen könnte als gemeinsame kulturelle oder religiöse Wurzeln?

Ich glaube nicht. Durch meine Ronald-S.-Lauder-Stiftung bin ich in vielen Projekten involviert, die helfen, jüdisches Leben in Mittel- und Osteuropa wiederzubeleben. Dabei geht es um Bildung und die Weitergabe jüdischer Traditionen an eine jüngere Generation. In vielen Ländern erleben wir heute ein Wiederaufblühen jüdischen Lebens. Die Shoa war ein einzigartiges Ereignis, das immer ein wesentlicher Bestandteil unseres kollektiven Gedächtnisses sein wird. Aber die jüdische Kultur ist stark und vielfältig, und sie hat eine positive Perspektive, so dass wir uns nicht sorgen müssen.

Sie sind als Direktor des New Yorker Museum of Modern Art naturgemäß an Kunst interessiert. Werden Sie in Hannover auch ein Museum besuchen?

Es ist gut, dass die Stadt Hannover und das Land Niedersachsen starke kulturelle Institutionen wie das Europäische Zentrum für Jüdische Musik haben. Leider werde ich zu kurz hier sein, um beispielsweise das Sprengel Museum zu besuchen. Aber beide Einrichtungen erinnern uns auch an den Beitrag, den deutsche Juden im Bereich der Künste geleistet haben.

Interview: Simon Benne

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, über das Erinnern in Bergen-Belsen, NS-Prozesse und jüdisches Leben.

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