Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Deutschland / Welt Oriol Junqueras – der freundliche Demagoge
Mehr Welt Politik Deutschland / Welt Oriol Junqueras – der freundliche Demagoge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:16 21.09.2017
Er treibt die Abspaltung Kataloniens von Spanien massiv voran: Oriol Junqueras (links), Vize-Ministerpräsident der Region, mit seinem Chef Carles Puigdemont. Quelle: imago
Barcelona

„Ich weiß, dass ihr es mich nicht gefragt habt“, sagt Oriol Junqueras, „aber ich will es euch erklären.“ Viele Politiker beherrschen die Kunst, Fragen zu beantworten, die ihnen niemand gestellt hat, doch wenige sind darin solche Meister wie der Vizepräsident der katalanischen Regionalregierung. Also erzählt er von seiner Kindheit in einem armen Vorort von Barcelona, von den italienischen Nonnen, deren Kindergarten er besuchte und „die mich aus irgendwelchen Gründen sympathisch fanden“, von seinen Jahren im italienischen Lyzeum in Barcelona, dessen Lehrer ihn in „das Engagement für die Demokratie und die Tradition des antifaschistischen Kampfes“ einführten. „Diese sehr italienischen Erfahrungen haben mich geprägt und vielleicht dienen sie euch, wenn ihr mal ein Porträt schreiben müsst.“

Also: ein Porträt über den Mann aus dem Volk, der alles für das Volk tut. Er selbst spielt gar keine Rolle, sagt er. Ob er also in absehbarer Zukunft der Präsident eines unabhängigen Kataloniens sein wird oder Häftling in einem spanischen Gefängnis, „ist irrelevant“. Was zählt, ist „das demokratische Engagement der katalanischen Gesellschaft und der Regierung Kataloniens“ und „der Wille der Bürger Kataloniens abzustimmen“. „Im Vergleich dazu ist meine persönliche Zukunft unerheblich.“

Fühlen sich von der Zentralregierung in Madrid unterdrückt: Viele Katalanen wollen die Abspaltung von Spanien. Quelle: dpa

Dieser bescheidene Mann mit dem Aussehen eines zahmen Bären, 48 Jahre alt und Doktor der Theoriegeschichte der Wirtschaft, ist eine der zentralen Figuren des katalanischen Separatismus, wahrscheinlich ihre Hauptfigur – mehr als Carles Puigdemont, seit knapp zwei Jahren eher zufälliger Ministerpräsident Kataloniens und ohne Ambitionen auf eine politische Zukunft. Junqueras hat sehr wohl Ambitionen, und er ist populär. Wenn heute ein neues katalanisches Parlament gewählt würde, wäre die Republikanische Linke Kataloniens (ERC), deren Präsident Junqueras seit sechs Jahren ist, mit Abstand stärkste Kraft. Die ERC ist immer für die Unabhängigkeit Kataloniens eingetreten, weswegen sie lange eine eher unbedeutende Rolle in der Region spielte. Doch Junqueras hat es geschafft, die mögliche Abspaltung von Spanien zum zentralen Thema der katalanischen Politik zu machen. Nicht er allein, aber doch als nie ermüdender Motor der separatistischen Bewegung.

Junqueras‘ Welt wäre perfekt, wenn da nicht die spanische Regierung, das spanische Parlament und die spanische Justiz wären. Die stoßen ihn immer wieder darauf, dass ein Unabhängigkeitsreferendum wie jenes, das die katalanische Regierung am 1. Oktober abhalten will, nicht verfassungskonform ist. Manchmal mit rüden Mitteln: Am Mittwoch nahm die Guardia Civil 14 Funktionäre der Regionalregierung fest, drei von ihnen sind enge Mitarbeiter Junqueras‘ im Wirtschafts- und Finanzministerium, dem er vorsteht. Ein schwerer Schlag. „Wir können nicht abstimmen wie immer“, gestand Junqueras danach ein, „der Staat hat die Bedingungen des Spiels verändert.“ Gewinnen will er dieses Spiel trotzdem. Er setzt seine Hoffnungen auf die Leute, die jetzt vor seinem Ministerium und in vielen Orten Kataloniens zu Zehntausenden demonstrieren. „Nur das Volk kann das Volk retten.“

Ein Polizist inmitten von Separatisten: Die spanische Regierung versucht, die geplante Abstimmung zu verhindern, weil sie verfassungswidrig ist. Quelle: dpa

Das Volk führt Junqueras immer wieder im Mund, aber noch häufiger die Demokratie. Er sei nicht mehr als „der Manager einer Realität“. „Was würdet ihr machen?“, fragt er unschuldig. „Tun, womit uns die Bürger beauftragt haben“, antwortet er sich selbst. „Die Rechtmäßigkeit dessen, was ich tue, leitet sich von dem ab, was uns die Bürger aufgetragen haben.“ Worte aus dem Lexikon des Populisten. Er sagt sie immer wieder, mit nicht nachlassender Freundlichkeit. „Ich erfülle nur meinen demokratischen Auftrag.“ „Wir wollen, dass die Demokratie triumphiert.“ „Gibt es irgendeinen Grund, dass wir auf demokratische Mechanismen verzichten sollten? Nein!“ Dass es rechtsstaatliche und demokratische Gründe gegen ein Referendum gibt, blendet Junqueras aus. Und was immer die spanischen Institutionen unternehmen: „Sie werden uns nicht die Freude daran nehmen, das Beste für die Menschen dieses Landes zu tun.“

Von Martin Dahms / RND

Ist die britische Regierung ein „Nest singender Vögel“ oder eher eine Schlangengrube? Der Kampf um Macht und den richtigen Kurs beim Brexit hält an. Vielleicht könnte Premierministerin Theresa Mays Grundsatzrede in Florenz eine Wende bringen.

21.09.2017

Die Spitzenkandidatin der Linken für die Bundestagswahl, Sahra Wagenknecht, hat ein Fünf-Punkte-Sofortprogramm vorgelegt, mit dem sie im Falle einer Regierungsbeteiligung den Arbeitsmarkt reformieren will.

21.09.2017

Die türkische Regierung streicht die Evolutionstheorie aus dem Stundenplan – stattdessen sollen die Schüler mehr über den Dschihad lernen. Mit dem heiligen Krieg habe das nichts zu tun, versichert die Regierung. Ziel ist es, eine gläubige Jugend heranzuziehen.

21.09.2017