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Deutschland / Welt Die letzte Bastion im wilden Kurdistan
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07:30 22.08.2014
50 Grad in der Sonne, der Wind bläst heißen Staub in die Augen: Kurdische Peschmerga halten Ausschau nach IS-Terrormilizen in einem nahen Tal. Quelle: reuters
Erbil

Man braucht kein Fernglas, um den Ort auszumachen, an dem sich die vermeintlich heiligen Krieger verschanzt haben. In einem Grünstreifen drei Kilometer entfernt haben die Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) Stellung bezogen. Dahinter liegt der Ort Jalaula, den die irakische Armee vor zwei Monaten kampflos geräumt hat.

Von einem Hügel aus behalten die Peschmerga die Islamistenmilizen im Auge. Die Luft flimmert. 50 Grad in der Sonne, der Wind bläst heißen Staub in die Augen. Ein Dutzend Soldaten der Autonomieregion Kurdistan hat sich im Schatten eines Containers zusammengezwängt. Drei halten Wache.

Die Szene hat etwas von Karl Mays „Durchs wilde Kurdistan“, wie sie da stehen, manche mit ihren traditionellen weiten Hosen, mit den um den Kopf geschlungenen Tüchern. Andere tragen Uniformen. Alle sehen leicht verwegen aus, die Kalaschnikows über die Schulter geschwungen. Aber das, was sich hier im Norden des Iraks abspielt, ist keine Folkloreveranstaltung, sondern Krieg. Und der Gegner in der Ebene ist nicht zu unterschätzen. „Das sind keine wilden Krieger dort unten, sondern eine hochdisziplinierte, schlagkräftige Truppe, vor der ich großen Respekt habe. Die sind richtig gut“, beschreibt der Peschmerga-Oberst Adel Nuri seine Feinde. „Sie sind exzellent ausgebildet und gehen logistisch intelligent vor.“

Die Kommandeure des IS im Ort Jalaula seien teils Ausländer, teils ehemalige irakische Offiziere der Armee Saddams. Der Chef da unten sei ein Tschetschene. Es gibt Briten, Deutsche, Franzosen, Afghanen, Pakistaner, aber auch Kämpfer aus anderen arabischen Ländern wie Saudi-Arabien und Syrien. „Die besitzen eine unglaubliche Kampferfahrung“, meint Oberst Nuri. Und die ehemaligen Offiziere des Diktators Saddam Hussein wüssten, wie man eine moderne Armee taktisch einsetzt.

Das Gebiet, in der die Stellung von Oberst Nuri auf einem Hügel liegt, ist von großer strategischer Bedeutung. Hier befindet sich der einzige Korridor, der die nordirakischen, kurdischen Gebiete mit Bagdad und der regulären Armee verbindet. Und der ist gerade einmal 15 Kilometer breit. Ansonsten sind der Süden des Landes und die nördlichen Gebiete der Kurden von einem Gebiet getrennt, das der IS kontrolliert.

 Besonderen Respekt hat Oberst Nuri  vor der hervorragenden Ausrüstung seiner Gegner. „Sie haben modernste Waffen, die sie aus den Beständen der irakischen Armee erbeutet haben“, erläutert Oberst Nuri. Allein in Mossul hat der IS ein modernes Waffenarsenal für 70 000 Soldaten erbeutet. „Davon können wir Peschmerga nur träumen“, sagt Nuri. Die IS-Kämpfer besäßen alles, „Panzer, Raketenwerfer und gepanzerte Geländefahrzeuge, die keine Panzerfaust durchschlägt“.

Verglichen damit wirken die alten Kalaschnikows und das schwerere Kriegsgerät der Kurden museumsreif. Eines der beiden leichten Maschinengewehre in ihrer Stellung funktioniert gar nicht mehr. Stolz hält einer der Peschmerga ein neueres amerikanisches Sturmgewehr hoch: „Das haben wir auf dem Schwarzmarkt für 3000 Dollar gekauft. Die IS-Leute sollen nur kommen. Damit werde ich meine Heimat verteidigen.“

In Erbil sollen in diesen Tagen die ersten Waffen aus den USA und Frankreich für die Peschmerga angekommen sein. In den nächsten Tagen soll auch die Truppe von Oberst Nuri eine Lieferung erhalten. Er ist jetzt voll Hoffnung. „Wir können es gar nicht erwarten. Wir werden uns dann hier ganz neu aufstellen.“

Mit der militärischen Koordination zwischen Kurden und Bagdad indes ist es nicht weit her. „Jeder verteidigt seine Quadrate“, erklärt Nuri. Überhaupt schimmert immer wieder durch, wie wenig die Kurden von der regulären Armee halten. Die hätten nicht nur Mossul, sondern auch die Stadt Jalaula unten in der Ebene ohne einen Schuss abzufeuern dem IS überlassen, meint er nur trocken.

In der von Oberst Nuris Position sechs Autostunden entfernten Provinzhauptstadt Erbil erläutert Helgurt Ali, der Sprecher der Peschmerga, die militärische Gesamtlage. Er zählt alle Fronten auf, an denen zur Zeit gekämpft wird. Es sind derer viele. „In Sindschar sind unsere Kräfte eingebunden, um weiter bei der Befreiung der jesidischen Flüchtlinge zu helfen, in Jalaula versuchen wir den Korridor offen zu halten.“ Dann folgen noch viele Ortsnamen. Es brennt an allen Ecken der kurdischen Gebiete. Und die Peschmerga sind die einzigen, die der Terrormiliz noch die Stirn bieten. Ali ist überzeugt: „Das hier ist kein kurzer Krieg, das wird länger dauern.“

Die Luftschläge der Amerikaner haben den Vormarsch des IS ein wenig aufgehalten, aber nicht das militärische Blatt gewendet. Das liege auch daran, dass der IS seine Taktik geändert habe, erklärt Ali: „Hat der IS am Anfang auf breiter Front angegriffen, hat er seine Taktik mit Beginn der Luftschläge geändert. Sie stoßen an einer Stelle überraschend vor und ziehen sich an einer anderen über Nacht zurück. Es ist eine Partisanentaktik, die es für uns schwerer und unberechenbarer macht.“

Und noch etwas macht dem kurdischen Militär in Sachen US-Luftschläge Sorgen. Wenn der IS ein Gebiet erobert, dann lebt dort noch ein Teil der lokalen Bevölkerung. „In Sindschar lebten beispielsweise nicht nur 60 Prozent Jesiden die geflohen sind, sondern auch 40 Prozent arabische Sunniten, die geblieben sind“, sagt er. Viele Gebiete seien so gemischt. Nun gebe es zahlreiche Berichte, dass die Sunniten bei der Vertreibung, beim Morden, Brandschatzen und Plündern der Dörfer religiöser und ethnischer Minderheiten an vorderster Front dabei waren. Nachbarn haben Nachbarn ermordet. „Sicherlich arbeiteten manche von ihnen mit dem IS zusammen, vielleicht sogar die Mehrheit“, glaubt Helgurt Ali. „Aber“, warnt er vor allzu schnellen Rückschlüssen, „wer weiß, ob das aus echter Sympathie geschieht oder aus Angst? Ein einfacher sunnitischer Bürger kann den IS-Kämpfern nicht sagen: ,Ich weigere mich euch zu unterstützen’.“ Das wäre sein Todesurteil. Je öfter bei den Luftschlägen Einheimische ums Leben kommen, fürchtet Ali, desto enger wird der Bund mit den heiligen Kriegern des Islamischen Staates: „Wenn das passiert, hat man am Ende den IS und die irakischen Sunniten durch Bomben regelrecht zusammengeschmiedet.“

Von Karim El-Gawhary

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