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Deutschland / Welt Ein Volk in Todesangst – auch in Deutschland
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06:25 11.08.2014
Von Marina Kormbaki
Trauer, Wut, Verzweiflung: In Bielefeld demonstrieren rund 7000 Menschen für ein Ende der Jesidenverfolgung durch Islamisten im Irak – Jesiden, aber auch Christen und Muslime. Quelle: dpa
Bielefeld

Zwei Dutzend Reisebusse parken vor der Bielefelder Radrennbahn. Die Kennzeichen verraten: Aus Nienburg sind Jesiden gekommen, aus Celle, Kleve – eigentlich aus dem gesamten Nordwesten der Republik, dem Hauptsiedlungsgebiet der etwa 90 000 Jesiden hierzulande. Beinah täglich ziehen jetzt Jesiden durch Innenstädte, um aufmerksam zu machen auf die fürchterliche Lage ihres Volkes im Nordirak; darauf, dass die Trupps der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) den im Sindschar-Gebirge beheimateten Jesiden nach dem Leben trachten. Am Sonnabend kamen 7000 von ihnen in Bielefeld zusammen. Es war die bisher größte Aktion einer kleinen religiösen Minderheit, von der jetzt sehr viele wohl zum ersten Mal hören. Oder vielleicht zum zweiten Mal, aber diesmal nicht im Zusammenhang mit Ehrenmord oder Zwangsheirat.

Dabei sind die Jesiden seit 30 Jahren schon Teil der deutschen Gesellschaft. Damals gerieten viele von ihnen zwischen die Fronten türkischer Militärs und kurdischer Milizen. Sie fanden Asyl in Deutschland, meist in Niedersachsen und Westfalen. Sie holten ihre Familien nach, gründeten neue, blieben in der Region – und sie blieben unter sich, wie es bei kleinen ethnischen oder religiösen Gruppen oft der Fall ist. Aus Angst davor, im Kontakt mit Fremden die eigene Kultur und Identität zu vergessen. Und wohl auch aus Misstrauen, das in Jahrhunderte währender Verfolgung gründet, wie Jesiden sie erlitten haben. Jetzt aber zeigen sie sich in aller Öffentlichkeit, mehr noch: Sie lenken mit lautstarken, emotional aufgeladenen Protesten viel Aufmerksamkeit auf sich und die Not ihrer Familien und Freunde im Irak.

„Was sind wir?“ – „Jesiden!“ – „Was woll’n wir?“ – „Frieden!“ Mit Sprechchören und großem Polizeiaufgebot bahnt sich die Menge ihren Weg vom Bielefelder Stadtteil Heepen in Richtung Zentrum. Es ist ein verzweifelter, lauter, in den Farben Grün, Rot und Gelb gehüllter Protestzug durch ein gräuliches Viertel. Vorbei an Reklameschildern, die für eine unendlich weit entfernte Welt zu werben scheinen: „Hansmeyer Damenmoden“, „Dartkneipe Mottenkiste“, „Coiffeur zum Struwwelpeter“. Jeder Demonstrant kennt Schauergeschichten von verdurstenden Kindern, entführten Frauen, enthaupteten Männer. Geschichten, die sie oft eben erst gehört haben, beim Telefonat mit Verwandten, die eingekesselt in den kargen Bergen von Sindschar ausharren. „Der Handyakku meiner Tante war fast leer“, sagt eine junge Frau. „Wer weiß, ob ich sie jemals wieder spreche.“ Männer weinen, Frauen tragen weiße Kopftücher und geben so zu verstehen, dass sie einen nahen Menschen verloren haben.
Die UN-Mission im Irak schätzt, dass bis zu 55 000 Jesiden im Gebirge eingeschlossen sind. Die Zahl deckt sich mit den Informationen des hannoverschen Jurastudenten Hayrî Demir, der das Informationsportal ezidipress.com betreibt und in engem Kontakt mit den Verfolgten steht. „Meine Informanten vor Ort sagen, dass die Zahl der Getöteten schon im fünfstelligen Bereich ist“, sagt Demir. „300 Familien sind akut bedroht – die IS hat sie vor die Wahl zwischen Tod oder Übertritt zum Islam gestellt.“ Der jesidische Glaube verbietet Missionierung ebenso wie Konversion. Es heißt, als Jeside wird man geboren und man stirbt als Jeside. Das Ultimatum für die 300 Familien sollte am Sonntag ablaufen.

In Bielefeld liegt Trauer in der Luft und Angst. Drei Mädchen aus Nienburg, keines älter als 17, erzählen gerade, wie sie ihre Schulferien auf Demos verbringen, da preschen drei junge, in Schwarz gekleidete Kerle aus einer Seitenstraße und stürmen in die Menge – die Mädchengesichter werden starr vor Schreck: „Sind das die Isis-Typen?“ Nachdem letzte Woche in Herford einige Sympathisanten der Terrorgruppe IS oder Isis, wie sie sich bis vor Kurzem nannte, auf Jesiden losgegangen sind, ist die Angst vor Übergriffen groß. Bei Jesiden, aber auch bei der Polizei. Die Jungs drängeln sich vor im Protestzug, und als die Mädchen die Rückseite ihrer schwarzen Shirts sehen, atmen sie auf. „Fuck Isis“, steht da. Ein, zwei Kilometer weiter tauchen dann tatsächlich Isis-Typen auf, hinter einer Mauer in einem Park, aber die von den Demonstranten gestellten Ordner halten sie auf Abstand, gewaltfrei.  

Die Ordnungskräfte teilen auch Flugblätter aus. Darauf stehen Informationen über das Ausmaß der Jesidenverfolgung im Irak und über den Glauben der Jesiden, der altpersische, jüdische, islamische und christliche Elemente verbindet. Eine Frage, die sich dieser Tage stellt, bleibt aber unbeantwortet: Wie gelingt es den Jesiden in Deutschland, von denen viele in Schule und Arbeitsmarkt vergleichsweise schlecht integriert sind, einen so starken und lang anhaltenden Protest auf die Beine zu stellen? Einen Erklärungsansatz liefern da die gelb-blauen Fahnen, die zurzeit sehr zahlreich geschwenkt werden, darauf das Konterfei des in der Türkei inhaftierten Führers der kurdischen Untergrundorganisation PKK, Abdullah Öcalan.

Die meisten Jesiden sehen sich zwar als Kurden. Aber die in den türkischen Kurdenregionen mächtige PKK fand bei den Jesiden im Irak kaum Rückhalt. Dort galt der auch von den USA aufgerüstete Clan des Kurden Ahmed Barzani als Schutzmacht. Aber nachdem dessen Leute vor einer Woche geflohen sind vor den IS-Brigaden und die Jesiden schutzlos zurückgelassen haben, ist nach Angaben eines langjährigen Beobachters der Szene die Autorität Barzanis untergraben. Jetzt sind mit ihm konkurrierende PKK-Kämpfer in das bisher von Barzani kontrollierte Gebiet eingerückt, zum Schutz der Jesiden. Vielen Jesiden, auch in Bielefeld, gilt Barzani nun als Verräter. Es heißt, er habe sie geopfert, um die Amerikaner zum Einlenken zu bewegen. Öcalan dagegen feiern viele als Helden. Kennern der Verhältnisse zufolge sind die finanziell und militärisch potente PKK und ihr nahestehende Organisationen nun dabei, die neue Sympathie der Jesiden für die hier verbotene PKK in Loyalität umzuwandeln – zum Beispiel, indem sie Geld und Logistik für die zahlreichen Kundgebungen hierzulande bereitstellen.

„Die verschiedenen Kurdenparteien instrumentalisieren die Jesiden für ihre Zwecke“, sagt einer, der mit der Gemeinschaft vertraut ist. „Das Leid der Jesiden hat viele Facetten.“

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