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Deutschland / Welt Jamaika liegt am Rhein
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07:28 18.10.2017
Warum ist’s am Rhein so schön? In Bonn hat man sich einer Lebensphilosophie wie in der Strandbar des Rheinpavillons verschrieben: Einfach leben lassen. Quelle: imago
Bonn

Am Bonner Hauptbahnhof haben sie das Schild „Bundesstadt Bonn“ durch eines ersetzt, auf dem „Stadt der Vereinten Nationen“ steht. Das bringt mehr fürs Bonner Selbstbewusstsein. Im November findet am Rhein der Klimagipfel statt. Danach aber wäre es höchste Zeit, wieder mal ein neues Schild anzubringen: „Bonn – Hauptstadt von Jamaika“. Wenn im 600 Kilometer entfernten Berlin wirklich eine Koalition aus Union, FDP und Grünen zustande kommt, hat das viel mit der alten Hauptstadt am Rhein zu tun.

In der saturierten Bürger- und Studentenstadt haben alle drei Jamaika-Parteien ihre gefestigten Milieus: Grüne und FDP sammelten bei der Bundestagswahl 16 und 14 Prozent der Zweitstimmen, für die CDU blieben da noch 30 Prozent. Im Bonner Rathaus regiert seit 2014 eine Jamaika-Koalition, die ein schwarz-grünes Bündnis ersetzt hat.

Die schleswig-holsteinische Hauptstadt Kiel mag der Maschinenraum einer künftigen Koalition im Bund sein: Hier regieren Schwarz, Grün und Gelb im Land zusammen, von hier stammen mit dem Liberalen Wolfgang Kubicki und dem Grünen Robert Habeck zwei wichtige Spieler der Sondierungen, die am heutigen Mittwoch beginnen. Doch Kiel ist zu kühl, die schleswig-holsteinische Situation zu speziell, um wirklich als Ideengeber für Jamaika durchzugehen. Das sehen selbst Kubicki und Habeck so. Und Bonn hätte noch einen schlagenden Grund, sich als „Hauptstadt von Jamaika“, als Kingston am Rhein zu bezeichnen: Wer eine Karte der Wahlkreise zeichnet, in denen Union, FDP und Grüne eine Mehrheit haben, erhält fast deckungsgleich eine Karte der alten Bonner Republik. Der Osten fehlt komplett – bis auf den Berliner Vorort Kleinmachnow. Hierhin zogen nach dem Regierungsumzug viele Bonner Beamte.

Wird Jamaika also eine neue Bonner Republik?

Quelle: RNDdpa

In einem Ladenlokal in der Bonner Nordstadt sitzt Katja Dörner an einem Konferenztisch aus hellem Holz und guckt besorgt: „Das ist ein großes Problem: Wird Jamaika eine Koalition der oberen Mittelschicht? In Bonn ist das nicht der Fall, weil wir hier eine untypische FDP haben, die an sozialen Fragen interessiert ist.“

Dörner ist die Bonner Bundestagsabgeordnete der Grünen und Teil der Sondierungskommission ihrer Partei. Auch in Bonn hat sie vor drei Jahren Sondierungsgespräche zu Jamaika geführt – und am Ende gegen das Bündnis votiert. Der Kreisverband aber überstimmte sie mit hauchdünner Mehrheit, nur deswegen regiert Jamaika in Bonn.

Für die Bundesebene ist Dörner vorsichtig optimistisch, auch wenn sie die Gefahren von Jamaika betont. Im Bund müssten im Zweifelsfall die Grünen das Soziale, die offene Gesellschaft, die Frauenpolitik hochhalten, sagt die Familienpolitikerin. „Und wir müssen etwas für den ländlichen Raum anbieten, für den Osten.“ Jamaika, findet die Bonnerin Dörner, darf eben keine zweite Bonner Republik werden.

„Und wir müssen etwas für den ländlichen Raum anbieten, für den Osten“: Katja Dörner, Grünen-Bundestagsabgeordnete, ist in der Sondierungskommission. Quelle: dpadpa

Die Mitgliederversammlung der Grünen im Bonner „Haus der Vielfalt – Migrapolis“ vergangene Woche war brechend voll, es kamen viele Junge und einige, die sich seit Jahren nicht mehr auf einer Parteiveranstaltung haben blicken lassen. Niemand habe sich gegen Jamaika ausgesprochen, berichtet Dörner, aber alle hatten Forderungen. „Die Erwartungshaltung war riesig“, sagt sie, „und der Aufprall in der Realität wird hart sein.“

Von Dörners Wahlkreisbüro in der Nordstadt bis zum Bonner Rathaus sind es zehn Minuten zu Fuß, erst an den kleinen Läden des Viertels vorbei, die hip sind, aber nicht zu hip. Wenn das hier Jamaika repräsentiert, wird es eine Koalition der sorgenfreien Mäßigung.

Im Rheinland ist noch einmal der Sommer ausgebrochen. Im Zentrum tanzt und musiziert eine afrikanische Gruppe, immerhin keine karibische, das wäre zu platt gewesen. Im Rathaus empfängt Tom Schmidt, der grüne Fraktionsgeschäftsführer. Er holt weit aus, als er den Bonner Weg nach Jamaika erklärt. Der begann mit einer schwarz-grünen Koalition, einem Zweckbündnis aus verfeindeten Milieus. Das grüne Uni-Bürgertum und die schwarzen Exhauptstadtbürger. Es ging erstaunlich gut, zumindest für die Grünen. Nach der nächsten Wahl 2014 wurde dennoch ein dritter Koalitionspartner nötig. Der Bonner Weg nach Jamaika begann nicht als Projekt, sondern als nackte Notwendigkeit – ähnlich, wie es im Bund sein würde. Tom Schmidt war 2014 für Jamaika in Bonn, und er ist jetzt für das Bündnis in Berlin, auch wenn es den Grünen schaden könnte. Am Rhein haben die Grünen Teile ihrer Stammklientel an die Linke verloren, dafür in der Mitte zugelegt.

„Man kommt nur weiter, wenn man miteinander redet“:Ashok-Alexander Sridharan , CDU, ist Oberbürgermeister und Chef der Jamaika-Koalition in Bonn. Quelle: dpa

Als Schmidt 2015 als Oberbürgermeister-Kandidat antrat, holte er 22 Prozent. Es gewann der CDU-Mann. Ashok-Alexander Sridharan heißt er, deutsche Mutter, indischer Vater, Bonner seit Geburt, zuvor Kämmerer im Rhein-Sieg-Kreis und auch dort mit einer Jamaika-Koalition konfrontiert. In Bonn knallt es häufiger einmal im Rat, friedvoll ist Jamaika dort nicht. Bebauungspläne und Stadtentwicklung sind die Hauptstreitthemen in der Boomstadt am Rhein. Gerade die Grünen sind sich intern oft nicht einig. Sridharan nimmt es diplomatisch: „Es gibt innerhalb der Fraktionen unterschiedliche Auffassungen“, sagt er, „manchmal stimmen dann einzelne Fraktionsmitglieder nicht zu.“ Doch daran lässt niemand das Bündnis scheitern. „Wenn Berlin von Bonn etwas lernen kann, ist es dieses: Man kommt nur weiter, wenn man miteinander redet.“

Reden würde er auch gerne mit der neuen Regierung über die Fortführung des Bonn-Berlin-Gesetzes. Sechs Ministerien haben noch ihren Hauptsitz am Rhein. In Berlin stößt das immer stärker auf Unverständnis. „Wir sind auf Verhandlungen zwischen Bund, Land und Stadt vorbereitet“, sagt Sridharan. Hauptsache, man redet miteinander.

An diesem Mittwoch beginnen die Sondierungsgespräche in Berlin

Dreieinhalb Wochen nach der Bundestagswahl nehmen Union, FDP und Grüne heute in Berlin Sondierungsgespräche für eine Koalition im Bund auf. Zunächst treffen sich Vertreter von Union und FDP, anschließend ist ein erstes Gespräch zwischen Union und Grünen geplant. Am Donnerstag beraten sich FDP und Grüne in kleiner Runde, ehe dann am Freitag alle vier Parteien mit ihren gesamten Sondierungsteams aufeinandertreffen.

Auch Katharina Chatterjee versucht zu reden. Immer wieder, mit den Männern, die an ihrem Büro vorbeistreifen, laut palavernd stehen bleiben und vor ihrem Eingang den Müll fallen lassen. Die Architektin sitzt mitten auf dem Präsentierteller in Bonns Brennpunkt, der Arcadia-Passage in Bad Godesberg. Nicht die Plattenbausiedlung von Tannenbusch im Norden, sondern das immer noch bräsige einstige Kur- und Diplomatenviertel im Süden der Stadt wird von den Medien als „No-Go-Area“ hochgejazzt. Ein Begriff, den Chatterjee absurd findet. „In Mexico City gibt es vielleicht No-Go-Areas, da kann ich als Tourist nicht rein, ohne ausgeraubt oder gar erschossen zu werden. Davon sind wir hier weit entfernt.“

Chatterjee ist Rheinländerin, ihr Mann hat indische Eltern, er ist Bonner der zweiten Generation. Wie beim Oberbürgermeister – ganz normale Bonner Internationalität. Darauf sind sie hier stolz, auch wenn die Diplomaten weg sind, die UN haben ein bisschen vom einstigen Flair gesichert. Eine neue Bonner Republik könnte auch Vorbild dafür sein, wie Integration ganz selbstverständlich gelebt wird. Oder zumindest ein friedliches Miteinander. „Wir sind in Bonn daran gewöhnt, dass unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, dass auch jeder seine Kultur pflegt“, sagt Chatterjee. Trotzdem ist in Bad Godesberg etwas aus dem Ruder gelaufen.

„Ich will mein Land so behalten, wie es ist“: Im einstigen Diplomatenviertel Bad Godesberg hat sich die Klientel verändert. Quelle: Ulrich BaumgartenUlrich Baumgarten

Das Schlagwort ist Medizintourismus. Reiche Araber kommen zu langwierigen Behandlungen ins Rheinland, bringen ihre Familien mit, mieten Apartments, sind solvente Kundschaft für Shisha-Bars und arabische Cafés. Es folgen Revierkämpfe um diesen Markt, Aggression und dann, im Mai 2016, ein Todesopfer, der 17-jährige Schüler Niklas P.

„Ich fühle mich hier nicht unsicher“, sagt Katharina Chatterjee noch einmal, während draußen ein arabischer Klingelton durch die Passage schallt. Doch gleich im Anschluss sagt sie: „Ich will mein Land so behalten, wie es ist.“

Ihre Augen sind weiter freundlich und zugewandt, als sie das sagt, und dass es ein AfD-Satz sein könnte, weiß sie auch. Also schiebt sie noch zwei Sätze nach: „Es sollen alle hier leben können. Aber mit Respekt.“ Diesen Respekt fordert die resolute Frau freundlich, aber bestimmt ein, wenn wieder achtlos weggeworfener Müll vor ihre Tür fliegt. „Einige sind dann ganz verwirrt, dass eine Frau mit ihnen redet. Nicht aggressiv, sondern einfach verwirrt.“ Von Jamaika aber hält Chatterjee nicht viel, „ich sehe keine Schnittmengen zwischen FDP und Grünen“, sagt sie. Was die Probleme von Bad Godesberg angeht, mag sie recht haben: Beide wollen die jetzigen Zustände beenden. Die Grünen wollen die Zweckentfremdung von Wohnraum für Medizintouristen durch eine kommunale Satzung verhindern, die FDP stellt sich im Rat quer.

„Eine Jamaika-Koalition braucht eine Clearingstelle“: NRW-Integrationsminister Joachim Stamp, FDP, vertritt den Wahlkreis Bad Godesberg. Quelle: dpa

Der liberale NRW-Integrationsminister Joachim Stamp will das Auswärtige Amt auffordern, Medizintouristen nur noch dann Visa zu erteilen, wenn sie eine Hotelreservierung vorweisen. Stamp ist Bonner, Bad Godesberg ist sein Wahlkreis. Und auch er hat seinen Jamaika-Rat für die Berliner Unterhändler: „Eine Jamaika-Koalition braucht einen klaren Koalitionsvertrag, vernünftige Kompromisse und eine Clearingstelle, die dafür sorgt, dass auch nach Konflikten alle im Gespräch bleiben.“

Keine Angst vor dem Krach – und die anderen leben lassen. Das ist das Motto der Bonner Republik.

Von Jan Sternberg

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