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15:17 18.10.2016
„Ich will diesen Dreck nicht mehr. Ich will Frieden und ruhig schlafen“: Weite Teile der Innenstadt Mariupols sind wie ausgestorben. Rund um die Hafenstadt und weit im Umland haben ukrainische Soldaten Straßensperren errichtet. Quelle: Köpke
Mariupol

Anatoli steht im Badezimmer, als die russischen Granaten explodieren. Beton und Stahl zerbersten, Glasscheiben zersplittern. 33 Sekunden dauert das Angriffsfeuer. Dann herrscht gespenstische Ruhe. Als sich die Schockstarre löst, öffnet der 23-Jährige die Tür zum Flur. Wo eben noch der Herd in der Küche stand, gibt ein riesiges Loch den Blick auf einen angrenzenden Acker frei. Wo seine Mutter Kartoffeln schälte, ist eine große Blutlache. Anatolis kleine Schwester liegt schwer verletzt unter den Trümmern. Sie stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

Anatolis starrer Blick geht ins Leere. Nur der selbst gebrannte Wodka, den er seit diesem Tag in einem fünf Liter großen Plastikkanister als ständigen Wegbegleiter bei sich trägt, bietet ihm Trost.

Äußerlich erinnert heute kaum noch etwas an jenen 24. Januar 2015. Die Fenster im Haus sind repariert, die Geschossnarben verputzt. Nur wenige Spuren verraten, dass die Raketen, die damals in den zehngeschossigen Wohnblock im Bezirk Ordschonikidse am äußersten Rand der ostukrainischen Stadt Mariupol einschlugen, 31 Männer, Frauen und Kinder töteten. 104 Bewohner wurden verletzt. Fünf Kinder sind seither verstümmelt.

Zwei Monate herrschen prorussischer Separatisten

Für einen Moment hat die Weltöffentlichkeit nach der zerstörerischen Attacke ihre Aufmerksamkeit auf die Industriestadt am Asowschen Meer gerichtet. Wochenlang hatten zuvor schon die Kämpfe hin- und hergewogt. Mariupol stand zwei Monate unter der Herrschaft prorussischer Separatisten, war Teil der selbst ernannten „Volksrepublik Donezk“, bevor die ukrainische Armee die Kontrolle zurückgewann.

Das umkämpfte Gebiet in der Ukraine. Quelle: dpa

Die Eroberung der Hafenstadt markierte seinerzeit eine rote Linie. „Keinen Schritt weiter“, signalisierte der Westen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Angeblich drohte man ihm sogar damit, Russland vom internationalen Finanzverkehr, vom Swift-System, abzukoppeln, falls Mariupol noch einmal in russische Hände fallen sollte. Bis heute leugnet der Kreml hartnäckig, überhaupt in den Konflikt verwickelt zu sein. Die Rebellen hätten ihre Waffen „in Geschäften gekauft“, heißt es zynisch aus Moskau. Es scheint wenig glaubwürdig.

Mariupol könnte zum Aleppo der Ukraine werden, zur Schicksalsstadt in einem langen, blutigen Krieg, der bereits mehr als 10.000 Menschen das Leben gekostet hat. Fest steht: Wer die graue, von Staub und Kohle gezeichnete Stadt am Meer mit ihren mächtigen Stahlfabriken und Kokereien kontrolliert, hält den Schlüssel in der Hand für die strategisch so wichtige Landbrücke, die von der russischen Grenze über die Krim bis hin nach Odessa reicht. Mit einer neuen Offensive von russischer Seite rechnen die Einwohner Mariupols fast stündlich. Immer noch.

Bewohner Mariupols lassen die Stadt hinter sich

„Wir können von Russland nichts Gutes mehr erwarten. Ich kämpfe“, sagt Athena Kadzhynova, die wie Anatoli zur griechischen Minderheit zählt. Die Griechen gaben Mariupol einst den Namen: Marienstadt. Athena hat sich als Freiwillige den ukrainischen Truppen angeschlossen, ihre Freundin Natalia dagegen sitzt bereits auf gepackten Koffern. Jeden Tag die Frontberichte zu verfolgen, jeden Tag mit Bangen die Nachrichten zu hören und zu hoffen, der Krieg werde sie und ihre Familie schon irgendwie verschonen, das hält sie nicht mehr aus. Natalia besteigt am Morgen den Bus nach Kiew. Von dort fliegt sie weiter nach Barcelona. „Ich will diesen Dreck nicht mehr. Ich will Frieden und ruhig schlafen.“

Auch die Welt kehrt Mariupol den Rücken zu. Die Reporter von CNN und BBC sind wieder abgezogen aus den Journalistenhotels Poseidon und Spartak. Sandsäcke in den Fenstern auf dem Weg zum Frühstücksraum erinnern die Gäste daran, dass dies kein friedlicher Ort ist. Von den Hügeln im Osten und Nordosten der Stadt feuern russische Separatisten und reguläre russische Artillerieverbände unvermindert jeden Tag tief hinein in die Vororte und umliegenden Dörfer – nach Schirokino, Wolnowacha oder Tsermalik. Jede Nacht explodieren im Osten der Stadt Granaten. Dieser Krieg ist ein Nachtkrieg. Mit Einbruch der Dunkelheit beginnen die Kämpfe, wenn die OSZE-Beobachter wieder in ihren Basen sind. Menschen sterben, Bewohner fliehen aus ihren Häusern.

Innenstadt wirkt wie ausgestorben

Hunderttausende sollen die Stadt, in der vor dem Krieg mehr als eine halbe Million Menschen lebten, bereits verlassen haben. 80.000 sind, auch das erinnert an das syrische Aleppo, in den vermeintlich sicheren Westteil gezogen. Die Innenstadt wirkt wie ausgestorben. Die hellweißen Blitze der Detonationen heben sich vor dem schwarzen Nachthimmel deutlich ab. Der Ostwind trägt Maschinengewehrsalven durch die Straßen. Auf beiden Seiten der Frontlinie haben sich die Kämpfer in Schützengräben verschanzt.

In den Mauern von Mariupol klaffen tiefe Löcher von Geschossen – es sind die Spuren des Krieges. Quelle: Köpke

„So muss es in Verdun 1917 gewesen sein“, vermutet der ukrainische Fotograf Andriy Tsapliyenko, der das Grauen mit seiner Kamera seit Ausbruch der Kämpfe vor zweieinhalb Jahren dokumentiert. Offiziell, sagt Andriy, sollen seit dem 1. September die Waffen schweigen. Dann zeigt er auf den hell erleuchteten Nachthimmel und ergänzt sarkastisch: „So sieht Waffenstillstand in der Ostukraine aus.“

In einem kleinen Park direkt vor dem Theater der Stadt zeigt sich die ganze Zerrissenheit Mariupols. Auf den Straßen beherrschen die Nationalfarben der Ukraine das Bild. Überall flattern blau-gelbe Bändchen. Max Vishinsky ist auf dem Weg zur Schule. Er sei junger Patriot, sagt der 16-Jährige und zeigt stolz eine blau-gelbe Kordel, die er am Handgelenk trägt. Dann wird er nachdenklich. Viele seiner Freunde hätten die Stadt verlassen aus Angst vor dem Krieg. Die meisten seien mit ihren Eltern nach Russland gegangen. Das mache ihn sehr traurig. Fast zwei Drittel der Einwohner Mariupols sind Russen. Die Plakate am Theater sind ausschließlich in russischer Sprache geschrieben. „Nachts kann ich schlecht schlafen. Ich höre die Schüsse. In der Schule gibt es viel Streit mit russischen Mitschülern“, sagt er.

Beamte patrouillieren in den Straßen

Die Regierungstruppen haben die Stadt zurückerobert, aber die Verwaltung liegt fest in prorussischer Hand. Im nagelneuen Mercedes der M-Klasse, gestrichen in grün-braunen Tarnfarben, patrouillieren die Beamten durch die Straßen. „Nachts gehört die Stadt den Russen“, sagt Irina Perkowa, die als Freiwillige für das Ukraine Crisis Media Center in Mariupol arbeitet. Irina stammt von der Krim. Die junge Ukrainerin ist nach der russischen Annexion der Halbinsel zu ihren Eltern nach Mariupol gezogen.

In einem kleinen Café in der Innenstadt, nicht weit entfernt von der völlig zerstörten Polizeistation, macht der Krieg eine Pause. Es gibt guten italienischen Kaffee und französische Torten. Irina stochert gedankenverloren in ihrem Kuchen. Plötzlich blickt sie auf. „Ich mag die Frontlinie“, sagt sie. „Dort ist alles so klar. Gut und böse. Leben und Tod. Freund und Feind. Hier in Mariupol sind die Grenzen verwischt. Alles ist so kompliziert.“

Nach einer Weile stößt Sergej dazu. Er war lange an der Front, mehr als zwei Jahre, hat die Kämpfe um den Flughafen in Donezk miterlebt. Seine Stimme zittert, als er auf Irinas Bemerkung eingeht. „Ich sehe jede Nacht die Gesichter meiner gestorbenen Kameraden vor mir“, sagt er. Er sehe abgerissene Gliedmaßen und zerfetzte Körper. „Es ist nicht besonders populär, in der Ukraine über meine Probleme zu sprechen. Aber vielen ehemaligen Soldaten geht es so ähnlich wie mir.“ Zu Beginn des Krieges habe er einen seiner besten Freunde erschossen. „Wir standen uns auf einmal am Flughafen gegenüber. Wir schauten uns kurz an. Es hieß: Er oder ich. Dann drückte ich ab.“ Er habe viele Menschen getötet. Aber keine Situation verfolge ihn so wie diese eine Szene. Irina schluckt.

Kampf gegen russische Profis

Am Abend ist ein Treffen mit einem ukrainischen Offizier verabredet. Der Soldat betritt im Kampfanzug den Raum. Keine Namen, keine Fotos, das ist seine Bedingung. Ist der Krieg in der Ukraine in Wirklichkeit ein Bürgerkrieg? „Nein“, sagt er. Sergejs Erlebnis von Donezk sei eher eine Ausnahme. „Ich bin seit 20 Jahren Soldat. Ich bin Profi. Ich weiß, wann ich gegen Profis kämpfe. Und glauben Sie mir: Auf der anderen Seite, in den Vororten von Mariupol, stehen mir Profis gegenüber.“ Er sei sicher, gegen russische Soldaten und angeheuerte Söldner zu kämpfen. Es gebe Hinweise, dass jenseits der russischen Grenze massiv Truppen zusammengezogen würden. „In zwei Stunden können sie hier sein.“

Nach Einbruch der Dunkelheit sind wieder Schüsse zu hören. Mariupol steht die entscheidende Schlacht erst noch bevor.

Von Jörg Köpke

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