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Deutschland / Welt Gelb-Grün: Der erste Kuss
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22:09 14.06.2017
Christian Lindner und Katrin Göring-Eckardt. Quelle: dpa / Montage: kha
Berlin

Die Arbeit von Alexander Schabel besteht darin, den Finger am Puls der Zeit zu halten, und dabei macht der Forscher eine bemerkenswerte Beobachtung. „Es deutet zurzeit vieles auf einen ökologisch-ökonomischen Zeitgeist“, sagt Schabel. Bei einem Glas Minztee in Berlin-Mitte erzählt der Wissenschaftler, der für das Borderstep Institut Trends bei der Neugründung von Unternehmen erforscht, dass in Deutschland trotz insgesamt rückläufiger Gründungszahlen grüne Start-ups überproportional häufig ins Leben gerufen werden – also Firmen, die mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit Geld verdienen wollen. Teil-Auto-Angebote, schadstofffreie Mode, Papier aus Gras, solche Sachen sind jetzt gefragt.

„Inzwischen stellt dieser Bereich fast ein Fünftel aller Neugründungen in Deutschland“, sagt der Wirtschaftsforscher. Er deutet dies als Zeichen, das weit über die Wirtschaftswelt hinausreicht. Als Beleg dafür, dass Grabenkämpfe zwischen Umweltschützern und Marktliberalen auch kulturell nicht mehr in die Zeit passen.

Ökologisch-ökonomisches Potenzial

Schabel hat täglich mit Leuten zu tun, die sich Sozialunternehmer nennen, weil sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen zur Lösung gesellschaftlicher Fragen beitragen wollen. „Hier liegen Anknüpfungspunkte für die FDP und für die Grünen“, sagt Schabel. Er wundert sich, dass beide Parteien dieses Potenzial kaum ausschöpfen. Bisher. Denn womöglich breitet sich ja jetzt der ökologisch-ökonomische Zeitgeist auch in der Politik aus.

In Schleswig-Holstein steht ein Bündnis aus CDU, Grünen und FDP kurz vor der Regierungsübernahme. Der Koalitionsvertrag ist ausverhandelt; gestern haben ihn die drei Verhandlungsführer in Kiel vorgestellt, in erstaunlicher Eintracht und auch Fröhlichkeit. Sollten die Parteitage von CDU und FDP in Kiel den Vertrag absegnen und die Grünen-Basis ihr Okay geben, steht der äußerste Norden der Republik im Zeichen der Jamaika-Flagge: schwarz-grün-gelb. Die gemeinsame Klammer beschrieb der künftige CDU-Ministerpräsident Daniel Günther gestern so: „Wir haben aufgezeigt, wie man Ökologie und Ökonomie verbinden kann.“

Die Parteispitzen sehen eine regionale Ausnahme

Ganz anders mutet die Stimmung in Berlin an. Die Spitzen von Grünen und FDP sind bemüht, Jamaika als regionale Ausnahme darzustellen. „Für den Bundestagswahlkampf verändert sich nichts“, sagte der Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner gestern. Vor ihrem Parteitag am Wochenende, bei dem das Grünen-Wahlprogramm beschlossen werden soll, geben sich die Grünen alle Mühe, ihre Eigenständigkeit zu betonen. So auch die FDP, deren Strategie für den Wiedereinzug in den Bundestag darauf fußt, sich als Alternative zu allem Bestehenden zu präsentieren. Parteichef Christian Lindner lässt kaum eine Gelegenheit aus, die Grünen als „Besserwisser“ und „Verbotspartei“ zu beschimpfen. Bei den Grünen hingegen kommt kaum ein Verweis auf die FDP ohne Bezug auf deren „soziale Kälte“ aus.

All das ist ritualisiertes Wahlkampfgetöse zwischen zwei Parteien, die doch beide ihre Wählerschaft in gut situierten, gut gebildeten Milieus wissen. Die Feindschaft zwischen Grünen und FDP ließ sich dennoch lange Zeit so hingebungsvoll pflegen, weil sich deren Wählermilieus in ihrer Werteorientierung klar unterschieden: hier der aus ethischen Gründen Verzicht übende Grünen-Wähler, dort der auf seinen materiellen Vorteil bedachte FDP-Wähler. Doch womöglich ist diese Gegenüberstellung heute mehr Klischee denn Wirklichkeit.

„Beide Parteien könnten mehr erreichen“

Ist er Weltverbesserer oder findiger Geschäftsmann? „Sowohl als auch“, sagt Marcus Noack, Betreiber des Portals Gruene-Startups.de, das die grüne Gründerszene im Blick hat. „Es gibt immer mehr kluge Geschäftsmodelle, die ökologisches Bewusstsein mit ökonomischer Effizienz verbinden“, sagt Noack. Er legt Wert darauf, dass „grün“ hier nicht als parteipolitische Präferenz zu verstehen ist. „Es sind ja auch keineswegs nur die Grünen, die nachhaltige Themen vorantreiben“, sagt Noack. Er wolle sich parteipolitisch nicht festlegen, sondern klopfe die Programme der Parteien auf jene Themen ab, die für Leute wie ihn – Selbstständige mit ökologischem Gewissen – relevant seien. Ein Pragmatiker, der sich von pragmatischer Politik überzeugen lässt.

Doch Noacks bisheriges Fazit lautet: „Die Parteien lassen viel Potenzial ungenutzt, sie verstehen manche Zielgruppe nicht.“ Das gelte im Besonderen für Liberale und Ökos. „Wenn die FDP nachhaltiges Wirtschaften stärker in den Blick nehmen würde und die Grünen sich mehr wirtschaftliches Verständnis aneignen würden, könnten beide mehr erreichen.“

Keine Groko? Dann müsste es auf Jamaika oder Ampel hinauslaufen

Womöglich wird der Sommer für beide Parteien derlei Lernprozesse bereithalten, denn einiges spricht dafür, dass FDP und Grüne nach der Bundestagswahl Ende September gemeinsam Kanzlermacher sein werden. Soll eine neuerliche Große Koalition verhindert werden – und das ist das erklärte Ziel sowohl der Grünen als auch der FDP –, liefe es wohl auf ein Dreierbündnis hinaus. Da mit der AfD niemand koalieren und die Linkspartei nicht wirklich Verantwortung übernehmen will, blieben nach heutigem Umfragestand Grüne und FDP plus Union oder SPD übrig. Jamaika oder Ampel.

Horcht man etwas tiefer in beide kleinen Parteien hinein, stellt man fest, dass der Ton, in dem übereinander gesprochen wird, an Rauheit verliert. Dass Grünen-Chef Cem Özdemir und FDP-Chef Lindner gut miteinander können, stellen sie seit geraumer Zeit bei gemeinsamen Auftritten auf Wirtschaftspodien unter Beweis. Özdemir distanziert sich dann von der Forderung seiner Partei nach einer Vermögenssteuer, Lindner mahnt mehr Bildungsgerechtigkeit an; der eine nickt, während der andere spricht. Ansonsten aber ist die Annäherung noch nicht so weit vorangeschritten. „Wir wissen nicht genau, wer die heutige FDP ist, wofür sie steht, was sich hinter der Christian-Lindner-Show verbirgt“, sagt Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Doch Janecek, der wie Özdemir dem Realo-Flügel der Grünen angehört, sieht durchaus Anknüpfungspunkte zwischen Grünen und FDP: „In Bürgerrechtsfragen könnten Grüne und FDP gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten Allianzen schmieden.“

Was die beiden Parteien gemeinsam haben

Konstantin Kuhle, Chef der FDP-Jugendorganisation Julis und Bundestagskandidat der Partei für Göttingen, wird da konkret: „Es gibt eine Reihe gesellschaftspolitischer Themen, bei denen FDP und Grüne gemeinsam etwas bewegen könnten: Beide Parteien treten für ein Einwanderungsgesetz ein, für die Legalisierung weicher Drogen und die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare“, sagt Kuhle. FDP und Grüne hätten beide den Anspruch, das Land zu modernisieren, lobt Kuhle, schränkt aber sogleich ein: „Das sollte nicht über die erheblichen inhaltlichen Differenzen etwa in Energie- und Verkehrsfragen hinwegtäuschen.“

Zwischen den Positionen der Parteien täten sich Widersprüche auf, sagt auch Janecek. „Aber es kann ja produktiv sein, solche Widersprüche offen auszutragen“, sagt er mit Blick auf die nähere Zukunft. Und bei FDP-Mann Kuhle klingt die neue Aufgeschlossenheit so: „Es besteht jetzt die Chance, dass sich das Verhältnis zwischen FDP und Grünen normalisiert. In Zeiten von AfD und Pegida können wir es uns nicht mehr leisten, nicht wenigstens miteinander zu verhandeln.“

Von Marina Kormbaki

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