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Deutschland / Welt Freizeit als Lebenszweck
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22:00 13.10.2017
Wir üben schon mal Freizeit – falls uns die Arbeit ausgeht.   Quelle: dpa
Berlin

 Falls es in der Zukunft dazu kommen sollte, dass jegliche Arbeit von Maschinen erledigt wird, muss sich der Mensch jetzt schon auf die Suche nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung begeben. Es gilt als erwiesen, dass Menschen, die nichts zu tun haben, sich schlechter fühlen, selbst wenn sie fürs Zuhausesitzen mehr Lohn als für eine Arbeit bekämen. Sie haben Stress, das Leben scheint ihnen sinnlos und trist. Angeblich sind wir durch die Arbeit überhaupt Sapiens geworden. Was aber nun? Wir, Menschen des Jahres 2017, sind Versuchskaninchen für die Zukunft, an uns wird getestet, wie man dem Menschen die Angst vor dem Nichtstun nimmt.

Alle moderne Trends zielen darauf. Die medizinische Forschung, die noch vor Kurzem behauptete, man brauche bloß sechs Stunden Schlaf, hat ihre Meinung geändert. Überall ist nun zu lesen: Je mehr wir schlafen, umso gesünder werden wir. Es wird gar allen Ernstes behauptet, die Lebenserwartung würde enorm steigen, wenn Menschen wie die Bären in einen Winterschlaf fallen würden.

Das gleiche geschieht mit dem Essen:„Slow food“ und „Selbst kochen“ sind angesagt, wir sollen lange frühstücken und langsam kauen. Und nach dem Frühstück Yoga treiben – eine Sportart, die man endlos ausdehnen kann. Beim Meditieren schaut niemand auf die Uhr. Sollten wir doch vor Sonnenuntergang fertigmeditiert haben, können wir uns eine Serie anschauen, Serien sind große Mode. Der wesentliche Unterschied zu einem Film besteht darin: Die Serie hört nicht so schnell auf. Und wenn die 48 Staffeln zu Ende sind, ist das Leben schon fast rum. Kinder, wie die Zeit vergeht.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller in Berlin.

Von Wladimir Kaminer