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Deutschland / Welt Freigesprochen – doch Mollath ist enttäuscht
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22:32 14.08.2014
Von Wiebke Ramm
„In der Gesamtheit ist kein Wahn auszuschließen“: Gustl Mollath fühlt sich von Richterin Elke Escher missverstanden. Quelle: dpa
Regensburg

Gustl Mollath sitzt regungslos auf der Anklagebank. Die Richterin schaut er nicht an. Je länger sie spricht, umso mitgenommener wirkt der 57-Jährige. Er, der stets auf Haltung bedacht ist, sackt auf seinem Stuhl immer weiter in sich zusammen. Mollath ist freigesprochen, aber die Worte der Richterin scheinen ihm wie eine Verurteilung zu klingen.

Die 6. Strafkammer des Landgerichts Regensburg ist davon überzeugt, dass Mollath seine damalige Frau am 12. August 2001 mit der Faust geschlagen, sie getreten, gebissen und gewürgt hat, bis Petra M. entweder vollständig oder fast bewusstlos war. Das Gericht glaubt, was die Ex-Frau in Vernehmungen und gegenüber Zeugen gesagt hat. Gegen Mollaths Notwehr-Version sprächen die ärztlich dokumentierten „erheblichen Verletzungen“ seiner damaligen Frau und seine körperliche Überlegenheit. Der Angeklagte habe sich der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht, aber: „Freizusprechen ist er dennoch.“

Denn offengeblieben sei, so die Vorsitzende Richterin Elke Escher, ob Mollath die Tat im Zustand zumindest verminderter Schuldfähigkeit begangen hat. Die Kammer schließt es nicht aus. „Im Zweifel für den Angeklagten“, sagt die Richterin nun. Mollath guckt, als habe er „im Zweifel gegen ihn“ gehört.

Richterin Escher nimmt sich viel Zeit, ihr Urteil zu begründen. Sie rekapituliert noch einmal die Ergebnisse der 15-tägigen Beweisaufnahme, gibt detailliert die Aussagen von Zeugen und Sachverständigen wieder, zitiert noch einmal aus Dokumenten. Mollath blickt konsequent an der Richterbank vorbei. Während der zweistündigen Urteilsbegründung schaut er die Richterin kein einziges Mal an. Manchmal schließt er seine Augen ganz.

Sie habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sagt Escher. Sie erwähnt noch einmal Mollaths Kampf gegen die „Missstände dieser Welt“, seine 600 Briefe an Bundestagsabgeordnete, an den Papst, an den damaligen UN-Generalsekretär, erinnert an seinen Satz, er habe Kontakt mit Harald Schmidt aufgenommen, der ihm in seiner Fernsehshow geantwortet habe, und einige Skurrilitäten mehr. Sie betont: „Jedes einzelne Verhalten für sich belegt keine wahnhafte Störung“, und doch sei in der Gesamtheit ein Wahn nicht auszuschließen. Auch der psychiatrische Gutachter, Norbert Nedopil, habe Anzeichen für einen gewissen Realitätsverlust gesehen. Eine Wahnerkrankung habe aber Nedopil nicht sicher nachweisen können, da Mollath das Gespräch ­mit ihm verweigerte. Escher folgert: „Ohne Störung wäre Mollath schuldig zu sprechen, nimmt man eine Wahnerkrankung an, ist er freizusprechen.“

Rechtlich war der Freispruch von Anfang an vorgezeichnet. Im Wiederaufnahmeverfahren darf ein Angeklagter nicht härter bestraft werden als im Ursprungsprozess. 2006 hatte das Landgericht Nürnberg-Fürth Mollath freigesprochen. Die Richter sahen die Taten zwar als erwiesen an, gingen aber von einer Schuldunfähigkeit aufgrund einer Wahnerkrankung aus. Mollath landete für Jahre in der Psychiatrie.

Dass Mollath seine Frau ein Jahr nach der ersten Tat, im Mai 2002, in der Wohnung eingesperrt und später zahlreiche Autoreifen vermeintlicher Gegner zerstochen hat, sieht die Regensburger Kammer anders als die Nürnberger Richter nicht als erwiesen an. Die Kammer spricht ihn aus Mangel an Beweisen von den Vorwürfen der Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung frei.

Die Reifenstechereien allerdings sahen die Nürnberger Richter als Beleg für Mollaths Gefährlichkeit. Mollath blieb bis 2013 in der geschlossenen Psychiatrie. Das Regensburger Gericht hob das damalige Urteil nun auf. Mehr noch, Mollaths Verteidiger Gerhard Strate betont nach der Urteilsverkündung, die Kammer habe an diesem Tag bestätigt, „dass das Nürnberger Urteil tatsächlich ein Fehlurteil war“.

Anders als die damaligen Richter kann Richterin Escher nicht ­sehen, warum von Mollath eine Gefahr ausgehen sollte: „Hierfür spricht nichts.“

Auch eine Unterbringung in den Maßregelvollzug ordnet sie nicht an. Dafür müsse eine Schuldunfähigkeit sicher feststehen. Die Kammer aber schloss es lediglich nicht aus, dass Mollath zur Tatzeit nicht Herr seines Handelns war. Für die Einweisung in die Psychiatrie reicht das nicht.

Für seine Zeit der Unterbringung bekommt er auf Anordnung des Gerichts eine Entschädigung. Der Basissatz beträgt laut Gesetz 25 Euro pro Tag, für die genaue Berechnung ist eine andere Kammer zuständig. Ein Trost für Mollath ist das wohl nicht. Sein Verteidiger nennt das Urteil „absolut in Ordnung“. Mollath teilt diese Einschätzung nicht.

Ob er enttäuscht sei, wird er draußen vor dem Gerichtsgebäude gefragt. Seine Antwort: „Ja, freilich.“ Das Urteil entspreche nicht der Wahrheit. Auch wenn ihm wegen des Freispruchs kein Rechtsmittel zusteht, um gegen das Urteil vorzugehen, kündigt er sogleich an, prüfen zu wollen, ob juristisch nicht doch noch irgendetwas möglich sei.

Für Gustl Mollath scheint der Kampf noch nicht vorbei.    

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