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12:20 14.07.2017
Ein Bild aus der Putschnacht, das als Ikone des Widerstands gilt: Ein Zivilist will einem Soldaten das Gewehr entreißen. Quelle: Foto:
Istanbul

Möwen gleiten hoch am Himmel über dem Bosporus. Im funkelnden Wasser ziehen Fähren Schaumspuren hinter sich her. Der Ausblick aus dem Fenster von Istar Gözaydin mag ein kitschiges Motiv sein für eine Staffelei – in echt fällt es nicht leicht, den Blick abzuwenden von dieser Friedensidylle in Blau. Doch Istar Gözaydin hat ihr jetzt schon eine ganze Weile den Rücken zugekehrt. Im Schatten ihrer Bücherwand erzählt die Professorin von dem unglaublichen Jahr, das hinter ihr und hinter ihrem Land liegt. Dem Jahr, in dem aus der Türkei ein autoritärer Staat wurde und aus der Gelehrten eine Gefangene.

Istar Gözaydin, 58, sieht nicht den Himmel und das Meer. Sie sieht Mauern.

„Das Gefängnis, in dem ich einsaß, hat nur einen winzigen Hof mit Wäscheleine“, sagt die Rechtswissenschaftlerin mit dem grün gefärbten Haar. „Ich habe es nicht so mit Sport. Umso kräftiger feuerte ich meine Kolleginnen an, wenn sie über die Wäscheleine Volleyball spielten.“ Ihre Kolleginnen? Ein Versprecher. „Ich meine: meine Mitinsassinnen“, sagt Gözaydin. Sie nimmt einen Schluck Tee. Dann korrigiert sie sich erneut: „Kolleginnen trifft es eigentlich ganz gut. Die meisten Gefangenen waren ja Richterinnen und Staatsanwältinnen.“

Die Gefängnisse sind voller Akademiker

Vor einem Jahr, in der Nacht des 15. Juli 2016, versuchten Teile des Militärs die Staatsgewalt an sich zu reißen. Panzer besetzten Brücken in Istanbul, Kampfflugzeuge beschossen das Parlament in Ankara. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan rief die Türken auf, die Straßen zu stürmen und sich den Putschisten in den Weg zu stellen. Viele folgten ihm. 249 Menschen starben dabei, 2000 wurden verletzt. Binnen Stunden konnte der Coup, hinter dem die Regierung sogleich die Bewegung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen ausmachte, abgewendet werden. Es folgten Wochen nationalistischen Freudentaumels – und eine bis heute währende Welle von Verhaftungen und Entlassungen. Mehr als 50 000 Menschen wurden verhaftet, 100 000 in Gewahrsam genommen. Per Dekret hat die Regierung 138 000 Staatsdiener entlassen, darunter viele Richter und Akademiker – Menschen, mit denen Istar Gözaydin den Hofgang verbracht hat.

Drei Monate saß sie zu Jahresbeginn in Untersuchungshaft. Weil man ihr keine Fluchtabsichten unterstellt, darf sie jetzt zu Hause auf ihren Prozess im September warten. Ihr wird die Unterstützung der Verschwörer vom 15. Juli vorgeworfen. Gözaydin forscht zum Verhältnis zwischen Staat und Religion; sie ist Gründungsmitglied einer Menschenrechtsorganisation. Doch ihr vermeintliches Vergehen ist ein anderes: Sie hat in den Tagen nach dem Putschversuch im sozialen Netzwerk Twitter Artikel und Kommentare geteilt, die für die Beibehaltung der Rechtsstaatlichkeit und gegen die Einführung der Todesstrafe warben, wie Erdogan sie in Aussicht gestellt hatte. Der Rektor der Universität in Izmir, wo sie Politikwissenschaft lehrte, suspendierte sie wegen der Retweets vom Dienst.

Im Oktober erfuhr sie vor Abflug zu einer Tagung auf Sizilien, dass ihr Reisepass annulliert wurde. Im Dezember standen vier Polizisten in ihrer Wohnung und nahmen ihren Rechner mit, darauf ihr gesamtes akademisches Werk, Veröffentlichtes wie nicht Veröffentlichtes. „Die Beamten waren sehr freundlich“, sagt Gözaydin. Sie erkundigten sich nach dem Beruf ihres Mannes, eines Psychotherapeuten. „So einen könnten wir bei uns auch gut gebrauchen“, sagte einer von ihnen.

Kafkas Parabeln erscheinen logischer als die türkische Wirklichkeit

Die ersten Tage in Gewahrsam verbrachte Gözaydin in einem Polizeirevier in Izmir. Ihren Wunsch nach Lektüre schlugen die Beamten aus. Das benötigte Medikament gegen Kreislaufprobleme händigten sie hingegen sofort aus. „Ich lernte den Beipackzettel auswendig“, sagt Gözaydin.

Als sie am achten Tag vor die Haftrichterin trat, war sich Gözaydin sicher, dass sie freikommt. Die Anschuldigungen waren ja lächerlich, und Silvester stand vor der Tür. „Doch die Richterin sagte: ,Ich wünschte, ich könnte euch alle befreien, aber einer muss bezahlen für die Leben, die in der Putschnacht geopfert wurden’“, erzählt Gözaydin.

Im Frauengefängnis bei Izmir stand ihr dann eine gut sortierte Bücherei zur Verfügung, und Freunde aus aller Welt versorgten sie mit Lektüre. Jeden Tag ein Buch – das war ihre Strategie hinter Gittern. „In den 94 Tagen Haft las ich 94 Bücher“, sagt Gözaydin; sie ist stolz. Zum Beispiel hat sie Franz Kafkas „Der Prozess“ noch mal gelesen. Sie sagt: „Ich kann Ihnen versichern: Die Situation bei uns im Gefängnis war sehr viel kafkaesker als Kafka selbst.“

Auf Kafka stößt man jetzt oft in Istanbul. Sein Name dient liberalen Türken als Chiffre zur Umschreibung der Lage ihres Landes. Sie können nicht glauben, auf welche schiefe Ebene die Türkei geraten ist – und wie schnell es seit dem Putschversuch abwärts geht mit sicher geglaubten Rechten und Freiheiten.

„Regeln, Logik, das scheint oft nicht zu gelten“, sagt die Journalistin Evin Baris Altintas. Sie arbeitet für das Journalistennetzwerk P24 – einst gestartet als Schulungsplattform für Nachwuchsjournalisten, inzwischen vor allem Selbsthilfeorganisation. Nur auf eines können sie sich bei P24 zurzeit verlassen: darauf, dass die Not anklopft. Neulich hat ihnen jemand drei Katzenbabys vor die Tür gesetzt. Um die kümmern sie sich jetzt auch, zusätzlich zu den Kollegen, die im Gefängnis sitzen, unter ihnen der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel. Sie engagieren Anwälte, übersetzen Prozessprotokolle, sammeln bedrückende Zahlen: 166 Journalisten in Haft, Stand gestern Nachmittag.

„Das größte Problem sind nicht die Verhaftungen“, sagt Altintas. Quälender als das Risiko, hinter Gittern zu landen, sei die fehlende Aussicht auf Entlassung, das Ausgeliefertsein. Altintas erzählt von Fällen, in denen Richter die Freilassung von Journalisten verfügt haben – und anschließend selbst entlassen wurden, während die Journalisten noch immer im Gefängnis sitzen.

Willkür und Misstrauen sind zwei Seiten einer Medaille. Altintas, 39, überlegt sich genau, ob sie Beiträge im Internet teilt, was für Gespräche sie im Bus führt. Sie hat einen Jungen und fragt sich, ob dies die richtige Umgebung ist, um ein Kind aufzuziehen, ihm Werte zu vermitteln. Sie sagt, sie meditiere jetzt viel.

Liberale Türken ziehen sich zurück oder wandern aus

Andere haben das Land schon verlassen. Man trifft sie in Berlin, London, Barcelona. Ein Exodus, der spürbar ist in Istanbul. Es schließen Clubs und Galerien, die als Brücke nach Paris und New York galten. Die Stadt verliert den Anschluss an den Westen, und mit ihr das Land. Ausländische Kreative kommen jetzt selten. Auch Touristen aus Europa sieht man nicht oft. Durch den Topkapi-Palast und den Großen Basar schieben sich Besucher von der arabischen Halbinsel. Die liberalen Türken ziehen sich in Viertel wie Cihangir und Kadiköy zurück. Das einst ihnen vorbehaltene Stadtzentrum mit dem Taksim-Platz und dem umkämpften Gezi-Park ist nun die Heimstatt der Regierungstreuen.

Dort, im Herzen Istanbuls, ist jetzt alles bereit für die Feiern zum ersten Jahrestag des vereitelten Putsches. Eine große Tafel listet die Namen aller in dieser Nacht Getöteten auf. Unter rot-weißem Fahnenhimmel verkaufen Künstler Heldengemälde. Ein Vater führt seinen kleinen Sohn an ausgestellten Fotos mit Szenen aus der Putschnacht vorbei: Ein Mann stellt sich mit nackter Brust einem Panzer in den Weg, Putschisten liegen im Dreck, ein Volk in Siegerpose. Ein Ereignis wird zum Mythos. Der Junge feuert mit einem Spielzeuggewehr in die Luft.

„Wir wissen nicht, was genau auf wessen Geheiß an jenem Abend passiert ist. Fest steht nur, dass mein Land sich seither verändert hat“, sagt Huo Rf. Der 28-Jährige ist Künstler, Huo Rf ist sein Pseudonym. In Zeiten wie diesen vielleicht keine schlechte Idee. Seine Collagen verhandeln die Komplexität von Identität. Auch wenn wohl nicht viele Türken mit der homoerotischen Bilderwelt des Huo Rf etwas anfangen können, muss man doch sagen, dass die Kernfrage seiner Kunst eine ist, die das ganze Land sich stellt: Wer sind wir?

Wikipedia kann keine Antwort darauf geben. Die Regierung hat die Online-Enzyklopädie gesperrt, zum Leidwesen von Huo Rf. Er schaut immerzu Dinge nach im Netz, auch während des Gesprächs in seinem Apartment auf der asiatischen Seite der Stadt. Neben dem Aus von Wikipedia gibt es noch mehr Einschränkungen, die Huo Rf als Zumutung empfindet, etwa das Verbot der Schwulen- und Lesbenparade in Istanbul. Dennoch denkt er nicht ans Auswandern. „Überall ist man ein Fremder, selbst im eigenen Land“, sagt Huo Rf mit melancholischer Leichtigkeit in der Stimme. Er leidet an der Türkei, aber er will sie nicht aufgeben. Er war kürzlich dabei, als sich eine Million Menschen für eine andere Türkei versammelt haben, bei der Abschlusskundgebung des „Marsches für Gerechtigkeit“ der Oppositionspartei CHP. Ist er seither hoffnungsfroh? Das wäre wohl übertrieben, sagt Huo Rf. „Aber es hat mir gezeigt, dass wir keine Minderheit sind.“

Von Marina Kormbaki/RND

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