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Deutschland / Welt Die letzten Tage des Kalifats
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11:30 29.06.2017
Wer steht auf welcher Seite? Soldaten nehmen in Mossul einen Verdächtigen fest, der IS-Kämpfer sein soll. Quelle: Foto: dpa
Mossul

Der große Tag ist ganz nah. Kilometer für Kilometer, Stadtteil für Stadtteil, Straße für Straße rückt er näher. Seit Wochen versprechen die Generale: Der Tag der Befreiung der alten Stadt Mossul und damit des gesamten Iraks vom Joch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ wird bald kommen. Aber je aufgeregter die Militärs davon reden, dass die Tage des Kalifats an Euphrat und Tigris gezählt sind, desto mulmiger wird Sicherheitspolitikern in Europa.

Sie wissen: Jeder militärische Sieg über den IS im Nahen Osten erhöht die Terrorgefahr in Europa. In Deutschland, in Spanien, in Großbritannien suchen versprengte Kämpfer Rache. Wenn das Kalifat untergeht, sollen europäische Zivilisten dafür büßen.

Dass diese Furcht berechtigt ist, hat der Mittwoch gezeigt: Bei einem europaweiten Schlag gegen eine Propagandazelle radikaler Islamisten sind sechs Verdächtige festgenommen worden. Vier Männer seien in Palma de Mallorca gefasst worden, teilte das Innenministerium in Madrid am Mittwoch mit. In Dortmund wurde ein 28-jähriger Spanier inhaftiert, gegen den die Behörden in Madrid wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ermitteln. Im britischen Birmingham wurde ein 44-Jähriger salafistischer Imam festgenommen. Er hat angeblich die IS-Zelle in Palma de Mallorca aufgebaut, soll ihr spiritueller Anführer gewesen sein und die Anwerbung von Rekruten für die Terrormiliz organisiert haben. Spanien, über das Mittelmeer gut zu erreichen, gilt inzwischen als heimliches Europazentrum der islamistischen Kämpfer.

Doch die wahre Schlacht kämpfen sie in Mossul, der zweitgrößten Stadt des Iraks, dem Symbol der Macht des IS. Und ihre Opfer sind ihre eigenen Landsleute.

Die Kampfzonen Rakka und Mossul. Beide Städte sind die letzten Hochburgen des IS und stehen kurz vor dem Fall. Quelle: Dpa

An die hunderttausend Menschen sitzen in der Altstadt von Mossul fest. Auf vier Quadratkilometern, bei mehr als 40 Grad im Schatten, gefangen zwischen den Terrormilizen des IS und den Bomben der internationalen Koalition. Die ausgemergelten, halb verdursteten Menschen, die es schaffen, in eines der 14 Zeltlager internationaler Hilfsorganisationen am Rande der Stadt zu fliehen, erzählen grausige Geschichten. Von der „Hölle“ sprechen sie. Davon, dass die Bomben der Amerikaner zerstören, was die Terroristen des IS nicht schon zerstört haben. Davon, dass IS-Heckenschützen auf fliehende Familien schießen. Vom Leichengestank, von den Toten unter den Trümmern der Häuser und davon, dass sie auf der Flucht über die Leichname von erschossenen Frauen und Kindern steigen mussten. Von den Minen der Kämpfer, die überall lauern und die jeden Tag Kinder töten.

„Auf Kinder zu schießen, die ihre Familien in Sicherheit bringen wollen – es gibt keine Worte, die stark genug wären, um die Verwerflichkeit dieser Taten zu beschreiben.“ So sagt es Seid al-Hussein, der UN-Hochkommissar für Menschenrechte. 700 000 Menschen sind seit Beginn der Offensive zur Rückeroberung Mossuls vor acht Monaten aus der Millionenstadt geflohen. Nur eins hält sie aufrecht: Die Aussicht, dass das Kalifat in naher Zukunft zerschlagen ist. Die Frage ist nur: Was kommt danach?

Der Islamische Staat ist ausgeblutet

Die Dschihadisten scheinen zu wissen, dass ihr Ende nah ist. Ausgerechnet am islamischen Festtag der Offenbarung des Korans sprengten die Dschihadisten den Ort in die Luft, an dem sie heute vor drei Jahren ihr „Islamisches Kalifat“ verkündet hatten. Von der Al-Nuri-Moschee und dem schiefen Minarett, seit der islamischen Blütezeit im Mittelalter das Wahrzeichen Mossuls, blieb nichts als Rauch und Ruinen.

Hier war der berüchtigte IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi, der neue „Kalif Ibrahim“, bei einer Freitagspredigt erstmals öffentlich aufgetreten. Hier verkündete er die Regeln seines Gottesstaates, dessen Herrschaftsgebiet von der Millionenstadt Mossul im Norden über die Wüstengebiete im Westen bis kurz vor die Tore der Hauptstadt Bagdad im Zentralirak reichte. Acht Millionen Menschen hatten die „Gotteskrieger“ auf dem Höhepunkt ihrer Macht in der Hand.

Wie viele Tausende sie gemordet, gefoltert, vergewaltigt und verstümmelt haben, lässt sich bislang nur erahnen. Fünf Millionen Jungen und Mädchen, berichtete das UN-Kinderhilfswerk Unicef gestern, werden ohne humanitäre Hilfe im Irak nicht überleben.

Jetzt naht das Finale der blutigen Tyrannei im Namen Allahs, sowohl im Irak als auch in Syrien. In seiner irakischen Hochburg Mossul haben Regierungstruppen, unterstützt von 5000 US-Soldaten sowie Briten und Kanadiern, die IS-Milizen in wenigen Vierteln der dicht bewohnten Altstadt eingekesselt. Auch die inoffizielle IS-Hauptstadt Rakka im Nachbarland Syrien ist von Angreifern umzingelt. In Rakka wird die militärische Hauptlast von den sogenannten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) getragen, die Washington seit 2015 aus arabischen und kurdischen Kämpfern aufgebaut hat.

Auch von seinen wichtigsten Quellen ist der IS mittlerweile abgeschnitten. Ausländischen Kämpfern, die früher jeden Monat zu Hunderten ins „Kalifat“ strömten, ist heute der Weg ins IS-Reich versperrt, nicht zuletzt weil die Türkei ihre Grenze zu Syrien geschlossen hat. Die finanziellen Ressourcen dürften ebenfalls knapp werden. Mit den Gebietsverlusten versiegen die Einnahmen aus Steuern und dem Verkauf von Öl.

Ob der Kalif selbst, IS-Chef al-Bagdadi, noch lebt, ist ungewiss. Schon mehrfach ist der 45-Jährige für tot erklärt worden. Doch selbst wenn er lebt, dürfte er sein Oberkommando nur mit größten Problemen ausüben können. Der meistgesuchte Terrorist der Welt sei in den Untergrund gedrängt worden, sagte der Vize-Kommandeur der Anti-IS-Koalition, Generalmajor Rupert Jones, in dieser Woche in einer Telefonschalte mit Journalisten: „Er ist nicht in der Lage, seine Kämpfer so zu führen, wie er das möchte.“

Die Verteilungskämpfe haben bereits begonnen

Doch es ist zu früh, um aufzuatmen. Weder im Irak noch in Syrien gibt es in der zusammengewürfelten Schar der nationalen und internationalen Kriegsparteien ein Konzept, geschweige denn einen Konsens für die Zeit nach dem Terrorreich. Alle Beteiligten rüsten bereits für die nächste Runde in dem regionalen Machtpoker, bei dem auch die USA unter Donald Trump wieder kräftig mitmischen wollen.

Die syrische Armee etwa nutzt den Windschatten der Rakka-Offensive, um möglichst große Teile des ölreichen Hinterlandes unter ihre Kontrolle zu bringen. Wer das Dreiländereck von Syrien-Irak-Jordanien erobert, der hat nach dem Zusammenbruch des Kalifates die beste Ausgangsposition. Präsident Bashar al-Assad spekuliert darauf, auf diese Weise den Großteil des Landes wieder unter seine Kontrolle zu bekommen.

Den Strategen im schiitischen Nachbarstaat Iran schwebt ein noch opulenteres Machtszenario vor. Sie wollen eine schiitische Machtachse zementieren, vom Iran über Irak und Syrien bis in den Libanon. Dazu rekrutieren sie eine panarabische Milizenarmee, deren Angehörige zu den Härtesten auf dem Schlachtfeld zählen. Als permanente Gegenspieler von Staat und Armee sollen sie den Einfluss der Islamischen Republik auf das Innenleben des Iraks und Syriens garantieren.

Verworren ist das Szenario im Irak ohnehin schon. Mossul etwa war immer eine Hochburg des sunnitisch-arabischen Nationalismus und eine wichtige Machtbasis von Diktator Saddam Hussein. Viele der im Irak eingesetzten IS-Statthalter waren ehemalige Kader der Baath-Partei. So herrschen Misstrauen und Spannungen – zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen christlichen und sunnitischen Arabern, zwischen Kurden und Schiiten. Zu allem Überfluss kündigten die nordirakischen Kurden mitten in den Mossul-Feldzug hinein ein Unabhängigkeitsreferendum an.

Und so verdunkeln immer mehr Schatten das ersehnte Licht am Ende des IS-Tunnels. Die Schlachten von Mossul und Rakka werden die Terrormiliz in absehbarer Zeit zur militärischen Kapitulation zwingen. Aber der Kampf um die Hinterlassenschaften des „Islamischen Kalifates“ könnte dann erst richtig losgehen.

Zudem lebt das geistige Erbe al-Bagdadis und des IS fort, dehnt sich weltweit aus. Generalmajor Jones glaubt zwar, dass der IS wegen des hohen militärischen Drucks kaum noch Attentate in Europa oder anderswo anleiten kann. „Seine Fähigkeit, Angriffe zu planen und zu steuern, ist sehr stark verringert worden“, sagte er. Doch die Dschihad-Ideologie inspiriert weltweit IS-Anhänger, wie Anschläge zuletzt in England zeigten. Darin sind sich die Sicherheitsfachleute einig: Der Niedergang in Syrien und im Irak wird noch mehr Anschläge provozieren.

Von Martin Gehlen und Jan Kuhlmann/RND

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