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15:33 27.01.2018
Die Angst geht um: Die Fußgängerzone von Cottbus war mehrfach Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Geflüchteten. In der Stadt wirkt eine große rechte Szene. Quelle: dpa-Zentralbild
Cottbus

Nach der Schule geht Adil jetzt immer direkt nach Hause. Das Herumschlendern in der Stadt ist ihm zu unsicher geworden. Der 14-jährige Schüler ist Kurde aus Syrien, seit einem Jahr lebt er in Cottbus. An seiner Schule, direkt im Zentrum, begann einer der Vorfälle, die jetzt die 100 000-Einwohner-Stadt in der Lausitz derart aus der Ruhe gebracht haben, dass plötzlich ganz Deutschland auf die Stadt blickt.

Ein libanesischer Jugendlicher soll in der vergangenen Woche auf dem Schulhof die Freundin eines anderen Jungen beleidigt haben. Der stellte ihn mit anderen zur Rede. Die deutschen Jugendlichen verfolgten den Libanesen, der mit seinem Handy syrische Bekannte zu Hilfe rief. An der Straßenbahnhaltestelle vor dem Einkaufszentrum Blechen-Carée kam es zur Rangelei, ein Syrer zog ein Messer, sein Kontrahent wollte es ihm abnehmen, erlitt eine Schnittwunde im Gesicht. „Ich habe das alles gesehen“, sagt Adil, der eigentlich anders heißt. Sein Ton schwankt zwischen Angst und Sensationslust. Er ist selbst einmal mit den syrischen Jungs aneinandergeraten, sie kamen ihm in einer Gasse entgegen, einer ließ sein Messer blitzen. „Die treffen sich an der Stadthalle und suchen Stress“, sagt er. Aber nicht nur ihretwegen geht er jetzt kaum noch durch die Stadt. „Die Nazis sehen meine schwarzen Haare und denken, ich gehöre dazu. Es gibt nicht nur schlechte Ausländer hier in Cottbus. Aber das wollen die nicht verstehen.“

Keine Flüchtlinge mehr nach Cottbus

Die Messerattacke war nicht der einzige Vorfall dieser Art. In den vergangenen Monaten hatte es in Brandenburgs zweitgrößter Stadt Attacken und Bedrohungen zwischen Einheimischen und Ausländern gegeben. Nach Protesten hat das Brandenburger Innenministerium entschieden, dass nun zunächst keine Flüchtlinge mehr nach Cottbus verteilt werden sollen. Es ist eine Art Notbremse, die das Land gezogen hat. Und es ist ein Signal, das von der in Cottbus lauten „Ausländer raus“-Fraktion leicht als Erfolg missverstanden werden kann.

„Die treffen sich an der Stadthalle und suchen Stress“: Stadtzentrum von Cottbus. Quelle: Jacqueline SchulzJacqueline Schulz

Vor der Stadthalle trifft sich an diesem grauen Nachmittag jedenfalls niemand mehr. Ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei steht auf dem Platz, wo es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen dem einheimischen, teilweise rechtsaffinen Trinkermilieu und jungen Geflüchteten gegeben hat. Kameras und Polizeipräsenz sorgten dafür, dass sich der Brennpunkt ein paar Hundert Meter die Straßenbahnschienen hinunter verlagerte, vor das Blechen-Carée. Drei Bereitschaftspolizisten und ein Mitarbeiter des Ordnungsamts ziehen los, auf Patrouille. Jugendgangs treffen sie nicht, daher verwarnen sie erst einmal einen Mann, dessen Kampfhund keinen Maulkorb trägt.

8500 Ausländer leben in Cottbus, 3400 von ihnen kamen seit 2015 in die Stadt. Cottbus galt und gilt als vorbildlich, was Unterstützung und Integration angeht. Und die Stadt hat profitiert: Wegen der Zuwanderung rutschte die Einwohnerzahl nicht unter die magische Grenze von 100 000, die den Status als Großstadt sichert. Viele Geflüchtete kamen aus den angrenzenden Landkreisen. Hier gab es Landsleute, Angebote und orientalische Läden.

Orientalische Läden sind ein ungewohnter Anblick in Cottbus

Einer dieser Läden steht direkt gegenüber vom Blechen-Carée. Er wirbt unter anderem damit, dass es hier halal geschlachtetes Fleisch zu kaufen gibt. In Cottbus ist so ein Geschäft noch ein sehr ungewohnter Anblick, und seine Kundschaft ebenso. Die arabisch aussehenden Männer und Kopftuch tragenden Frauen fallen auf. Nur eine Ecke weiter, in der Fußgängerzone Spremberger Straße, die man hier „Sprem“ nennt, ist die übergroße Mehrzahl der Flanierenden nicht schwarz-, sondern weißhaarig. Auf der „Sprem“ wirkt Cottbus wie ein ruhiger Kurort.

Die Fußgängerzone von Cottbus war mehrfach Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Geflüchteten. Quelle: Jacqueline Schulz

In die vielen Fernsehkameras, die in diesen Tagen den Ort besuchen, sagen die alteingesessenen Cottbuser Sätze wie: Wir haben Angst. Wir trauen uns abends nicht mehr raus. Wir wollen unsere Ruhe wiederhaben. Einige von ihnen, 1500 Menschen insgesamt, versammelten sich am vergangenen Sonnabend bei der Demonstration von „Zukunft Heimat“ vor dem Blechen-Carée – nachdem ein Ehepaar aus Cottbus von jugendlichen Flüchtlingen angegriffen worden war. Sie hielten Schilder, auf denen „Schnauze voll“ stand, riefen „Merkel muss weg“ – und standen dort Schulter an Schulter mit Rechtspopulisten, Rechtsextremen und bekennenden Rassisten. In der Lausitz hat sich im vergangenen Jahr eine gefährliche Mischung eta­bliert. Der Verfassungsschutz bezeichnet die lokale rechtsextreme Szene als „hochgradig gewaltbereit“, und diese kann nun andocken an den Frust besorgter Bürger.

In der Neujahrsnacht wurden drei Afghanen aufs Schlimmste verprügelt, von Deutschen, die sie bis in ihre Unterkunft verfolgten. Ostern 2017 wurde die 22-jährige Studentin Shaden M. aus Ägypten vor der Stadthalle totgefahren. Der Fahrer habe beschleunigt, die Beifahrer hätten Sätze gesagt wie „Verpisst euch doch einfach wieder in euer Land, dann werdet ihr auch nicht angefahren, Scheiß Asylanten!“.

Auf den Demos von „Zukunft Heimat“ versammeln sich die Rechten

Auf den Demos von „Zukunft Heimat“ versammeln sich alle: Die Technik kommt von Pegida aus dem nahen Dresden. Die rechtsnationale Identitäre Bewegung zeigt Flagge und nutzt die Versammlungen als Rekrutierungsbasis. Rechtsextreme Hooligans von Energie Cottbus nehmen nach Berichten von Szenekennern regelmäßig teil, auch NPD-Prominenz soll dort schon mehrfach gesehen worden sein. Die AfD der umliegenden Landkreise ist jedes Mal prominent mit Transparenten und Rednern vertreten. Vor einer Woche sprach Vize-Landesvorsitzende Birgit Bessin. Von ihrem Platz aus habe sie keine Rechtsextremen erkennen können, sagt sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die Innenexpertin der Grünen im Potsdamer Landtag, Ursula Nonnemacher, ist hingegen alarmiert: „Das ist die Volksfront von rechts“, warnt sie gegenüber dem RND. „Und sie bildet sich in einer Region, in der die AfD ohnehin schon stärkste Partei ist.“ 24,3 Prozent der Zweitstimmen holte die AfD bei der Bundestagswahl 2017 in der Stadt, sogar 28,9 Prozent im umliegenden Landkreis Spree-Neiße.

Für die Identitären ist Cottbus ein idealer Ort

Der Regionalleiter der Identitären Bewegung (IB), Robert Timm, wohnt und studiert in Cottbus. „Die Stadt ist ideal für uns“, sagt er beim Treffen mit dem RND. Die vom Verfassungsschutz beobachteten Rechtsextremen finden hier fruchtbaren Boden vor. Und der Gegner, die linke Szene, ist in der Lausitz kaum präsent. „Hier kann ich mich überall frei bewegen, in Berlin wäre das nicht möglich“, sagt Timm. „Zukunft Heimat“ sei ein idealer Ort für die IB, um Flagge zu zeigen und neue Mitglieder zu gewinnen.

Timm ist offenbar nicht der Einzige aus dem ganz rechten Spektrum, der in dem Cottbuser Auseinandersetzungen eine Chance sieht. In der Stadt sind zurzeit viele präsent, die ganz weit rechts stehen: Die Neonazi-Splitterpartei „Der III. Weg“ stellte gerade blutbeschmierte Gruselpuppen an Laternenmasten auf, behängt mit einem Schild „In Cottbus von kriminellen Ausländern abgestochen – nichts wird vergessen!“.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“: Im Staatstheater Cottbus hat am Wochenende das Brecht-Stück „Arturo Ui“ Premiere – eine Parodie über den Aufstieg Hitlers. Quelle: Jacqueline Schulz

Zwei Blocks entfernt vom Blechen-Carée steht der Jugendstil-Trutzbau des Staatstheaters. Er wirkt von außen wie ein Bollwerk der Kultur gegen Hysterie. Drinnen aber berichtet Regisseur Malte Kreutzfeldt von einem verunsicherten Ensemble. Am Sonnabend hat „Arturo Ui“ Premiere. Brechts im Gangstermilieu angesiedelte Parabel über den Aufstieg Hitlers endet mit der berühmten Warnung „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Als sie mit den Proben begannen, sprach Kreutzfeldt über die Parallelen zwischen Arturo Ui und Donald Trump. Inspiriert von Galionsfiguren der Rechten wie der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel besetzte er die Titelrolle mit der Schauspielerin Sigrun Fischer. Und dann rückte das Thema der Angst und der Verführung immer näher an Cottbus heran. Kreutzfeldt hat sich die Demonstration vor einer Woche angeschaut. „Dort waren alle Schichten, alle Altersgruppen vertreten“, sagt der Regisseur. Natürlich will Kreutzfeldt mit „Arturo Ui“ zur Diskussion anregen, sieht das Cottbuser Theater als Trutzburg der Demokratie. Aber er sagt auch: „Wir werden von rechts überholt – in einer atemberaubenden Geschwindigkeit.“

„Subjektive Sicherheit erhöhen“: Polizei und Ordnungsamt der Stadt laufen Streife in der Innenstadt. Quelle: dpa-Zentralbild

Die Politik reagiert in Cottbus, wie sie oft reagiert – mit Geld und Hoffnung. Die Polizei wird bleiben, das Ordnungsamt läuft Streife, neue Schulklassen werden eingerichtet, 30 bis 40 neue Sozialarbeiter sollen kommen. Außerdem hat das Land den Zuzugsstopp für neue Flüchtlinge für die Stadt verhängt, um die Lage zu beruhigen.

Sven Graupner begrüßt die Maßnahmen grundsätzlich. „Wir brauchen aber ein übergreifendes Konzept und nicht nur Angebote für eine Gruppe, sondern offene Jugendarbeit mit allen“, sagt Graup­ner, ein Veteran der Cottbuser Jugendarbeit. In die „Kickerstube“ an der Stadtmauer, gegenüber vom Blechen-Carée, kommen die Fans von Energie Cottbus genauso wie syrische Jugendliche, die Tischtennis spielen wollen. Die jüngsten Auseinandersetzungen lösen bei Graupner das Gegenteil von Hysterie aus. Cottbus sei nun mal eine Großstadt. „Es ist nicht das erste Mal, dass es eine Auseinandersetzung gibt oder dass sich Jugendliche in Gruppen zusammentun, um stärker zu wirken. Das tun Jugendliche nun mal, gleich welcher Herkunft.“ Und Graupner, der im Stadion und in der Stadt schon viel gesehen hat, schließt mit einem hoffnungsvollen Appell, dass es wieder friedlicher werden könnte in Cottbus: „Deutsche und Geflüchtete müssen bereit sein, einen Schritt aufeinander zuzugehen.“

Von Jan Sternberg

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