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Deutschland / Welt Kiews Traum von Europa geht in Flammen auf
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00:15 23.02.2014
Am Mittwoch lieferten sich Regierungsgegner und Polizisten schwere Auseinandersetzungen auf dem Kiewer Maidan. Quelle: Alexey Furman
Kiew

Die Erinnerung an die Anfänge ist fast rührend. Damals, im November 2013, sammelten sich am Fuße der Unabhängigkeitssäule ein paar Hundert Kiewer, um als Zeichen des Protests ukrainische und europäische Fahnen zu schwenken. Ihr Präsident hatte sich plötzlich geweigert, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterschreiben. Und heute? Heute gleicht der Platz einem Schlachtfeld. Unter der Säule verschanzen sich Polizisten. Quer über den Platz, auf dem über Wochen Borschtsch und Tee für Zehntausende Demonstranten gekocht wurden, ist in der Nacht zu Dienstag eine neue Front entstanden. Von Protestlerseite hagelt es Steine, Feuerwerkskörper und Molotowcocktails, die Polizei antwortet mit Blendgranaten und Gummigeschossen. Inzwischen wird scharf geschossen – von beiden Seiten; wer zuerst den Finger an den Abzug legte, ist unklar.

Von der Bühne erklingen Gebete von Priestern, der Ruf „Kiew, erhebe dich!“ schallt über den Platz. Einigen Hundert Polizisten stehen am Mittwochnachmittag zweitausend bewaffnete Maidan-Aktivisten gegenüber. Geschäfte, Banken und Cafés im Umkreis von einem Kilometer sind geschlossen, die Kiewer Metro fährt nicht. Es herrscht ein nicht erklärter Ausnahmezustand. Aber die Polizei kontrolliert die Situation.

Wie konnte es dazu kommen, nach diesem Montag, an dem die Amnestie in Kraft getreten war und alle Zeichen auf Entspannung standen? Am Dienstag war der von der Opposition als „friedlicher Marsch“ aufs Parlament angekündigte Demonstrationszug zur blutigen Straßenschlacht ausgeartet, bei der laut ukrainischem Gesundheitsministerium 16 Demonstranten und neun Polizisten getötet wurden.

Es scheint, als habe die Opposition sich verrechnet. Das Umzingeln des Parlaments von allen Seiten sollte die Abgeordneten der Regierungspartei am Dienstag zwingen, einen Antrag über die Rückkehr zur Verfassung von 2004 zu bewilligen. Aber ein Einknicken vor der Drohkulisse wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Stattdessen schlug die Staatsgewalt brutal zurück und trieb die Demonstranten zurück auf den Maidan. Staatspräsident Viktor Janukowitsch wandte sich in der Nacht zu Dienstag mit klaren Worten an die Nation: Er beschuldigte die Opposition, mit dem Aufruf zum „Marsch auf das Parlament“ eine Grenze überschritten und die Gewalt provoziert zu haben. Bei einem Treffen forderte er die Oppositionsführer auf, die Menschen endlich vom Maidan zu holen.

Die 28-jährige Tanja aus dem Gebiet Wolhynien ist in der Nacht zu Mittwoch auf den Platz gekommen, zum vierten Mal seit Beginn der Proteste. „Ich habe den ganzen Tag ferngesehen, dann habe ich es nicht mehr ausgehalten“, sagt die junge Frau, während sie in einem Sack wühlt, ein paar Meter von den brennenden Barrikaden entfernt, einen Helm aussucht und aufsetzt. „Wenn ich auf dem Maidan bin habe ich ein anderes Gefühl. Das Leben hat einen tieferen Sinn“, sagt sie. In ihrem Alltag arbeitet Tanja als Masseurin. War es ein Fehler der Opposition, den Platz zu verlassen und Janukowitsch die Pistole auf die Brust zu setzen? „Es gab keine Alternative“, glaubt Tanja. „Die Menschen wollen jetzt endlich Ergebnisse. Zur Not mit Gewalt.“

Jetzt stehen die Verteidiger des Maidan mit dem Rücken zur Wand. Aus dem nahen Gewerkschaftshaus schlagen aus vielen Fenstern Flammen. Ein Mann an die 40, mit rußverschmiertem Gesicht, schimpft auf die „Sabotage“ von Seiten der Staatsmacht: „Die haben sich ins Gebäude geschlichen und Feuer gelegt, um uns abzulenken. Aber es wird uns nicht aufhalten.“ Das Innenministerium dagegen beschuldigt die ehemaligen Bewohner des Hauses der Brandstiftung: Das Gewerkschaftshaus war der Rückzugsort für die radikalsten Maidan-Aktivisten wie den „Rechten Sektor“. Und es war nach dem Verlassen des Rathauses deren letzter Rückzugsort. Jetzt ist es eine qualmende Brandruine.

Vor dem Eingang des Hotels „Ukraina“ am oberen Ende des Maidan-Platzes ruhen sich die Polizisten der Spezialeinheit „Berkut“ und die Soldaten der Truppen des Innenministeriums aus: Im Unterschied zu den „Berkutowzy“ sind es 18, 19 Jahre alte Jungs, die ihren Wehrdienst ableisten. Ihren unter dem Ruß bleichen Gesichtern sieht man den Schrecken über den Bürgerkrieg an, in den sie geraten sind. Die einen schlafen im Sitzen, andere liegen auf Styroporplatten. Sie sehen mitgenommen aus, bei einigen ist die Kleidung vom Feuer der Molotowcocktails angesengt. Andrej, ein 29 Jahre alter Offizier aus Lugansk, befehligt eine Einheit dieser Wehrdienstleistenden. „Drei von uns sind mit Schusswunden ins Krankenhaus eingeliefert worden“, sagt er und zeigt zum Beweis die Einschusslöcher in den Schutzschilden seiner Untergebenen. Klar, möglich wäre auch, dass diese selbst gemacht sind, falsche Beweise. Aber seit dem Aufruf des „Rechten Sektors“ vom Dienstag an alle Ukrainer, mit Schusswaffen zu kommen, gibt es keine Zweifel mehr, dass auch ein Teil des Maidan zum Äußersten bereit ist.

Ginge es nach Andrej, hätten die Ordnungskräfte den Platz am Dienstag geräumt. Und warum ist es nicht passiert? „Da müssen Sie die Generäle fragen“, antwortet Andrej. Es klingt frustriert. Er ist seit zwei Monaten im Einsatz und will, dass alles bald zu Ende geht. „Ich kämpfe hier nicht für Janukowitsch, aber auf der anderen Seite gibt es gewalttätige Nazis, mit denen man nicht verhandeln kann.“

Dort stand zur gleichen Zeit auch Anatolij Liptuga, 64 Jahre alt, Physiker. „Ich merkte, dass mir mein Herz Probleme machte und fuhr nach Hause. Aber die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen“, sagt er. Liptuga und sein Freund Sergej Pjazko sind das Ebenbild sowjetischer Intellektueller: beide mit Schiebermützen, Pjazko mit Vollbart und Brille. Aber seit dem frühen Mittwochmorgen tun sie etwas sehr Unintellektuelles: Mit einer Eisenstange zerhacken sie Pflastersteine zu handlichen Brocken, die von einer älteren Frau in einen Sack getan und an die Frontlinie getragen werden. Über die Aufrufe europäischer Politiker, die Krise „im Rahmen der Gesetze zu lösen“, lächelt Pjazko müde. „Dieses Regime werden wir mit irgendwelchen gesetzlichen Methoden nicht mehr los.“

Moritz Gathmann

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