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Deutschland / Welt Die Cellistin von Auschwitz
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22:00 30.01.2018
„Jetzt lernen schon Grundschüler, was der Holocaust war. Ich finde das verrückt. Warum sollten fröhliche Kinder solche Geschichten in die Köpfe eingepflanzt bekommen?“: Anita Lasker-Wallfisch will junge Menschen schützen. Quelle: David Jacobs

Frau Lasker-Wallfisch, heute halten Sie die Holocaust-Gedenkrede im Bundestag. Was haben Sie gedacht, als die Bundestagsverwaltung bei Ihnen anfragte?

Anita Lasker-Wallfisch: Meine erste Reaktion war: Auch das noch. Jetzt haben sie mich doch noch gekriegt. Wo ich in meinem Leben gelandet bin, ist unglaublich. Erst in Auschwitz und Belsen, später im Buckingham-Palast, in Cambridge und nun auch noch im Bundestag. Von Auschwitz in den Bundestag – das ist schon eine unglaubliche Reise. Wenn die mich da haben wollen, müssen sie mich ertragen.

Ich bin sehr versucht, einen Blick in die Rede zu werfen …

Anita: … haben Sie sie etwa?

Nein, aber sie liegt hier direkt neben Ihnen auf dem Sofa. Worüber werden Sie sprechen?

Anita: Ich werde über den wiederkehrenden Antisemitismus in Deutschland reden. Erst einmal erzähle ich meine Geschichte. Ich möchte darüber sprechen, wie über Juden geredet wird, wie Juden wahrgenommen werden. Menschen sprechen über Juden immer noch, als wären sie eine Bedrohung, eine amorphe Masse. Wir sind einfach Menschen.

Anita Lasker als Schülerin und junge Cellistin in Breslau. Quelle: privat

Woher kommt dieser neue Antisemitismus in Deutschland, was glauben Sie?

Anita: Er war nie weg. Es gab immer Antisemitismus, das ist wie ein Virus. Nun trauen sich die Leute wieder raus.

Sie haben es gerade erlebt, in einem Lokal in Bayern. Sie sprachen über Auschwitz, ein Mann pöbelte Sie vom Nebentisch an, Sie sollten nicht über dieses Thema reden, an so einem schönen Ort.

Anita: Ja, das wäre vor zwei, drei Jahren nicht passiert.

Maya Jacobs-Wallfisch: Das hat mit dem Aufstieg der AfD zu tun.

Anita: Ich finde, dass Frau Merkel 2015 einen sehr mutigen Schritt gemacht hat, als sie die Grenzen für die Flüchtlinge geöffnet hat. Das werde ich in meiner Rede im Bundestag auch sagen. Ich befürchte aber auch, dass dieser Schritt wieder das Schlimmste in den Deutschen hervorgebracht hat. Aber es ist schon ein Schritt in die richtige Richtung, dass es jetzt einen Beauftragten gegen Antisemitismus in Deutschland geben soll. Und dass selbst die AfD der Antisemitismus-Resolution zugestimmt hat. Mal sehen, was das bringt.

Nach dem Krieg haben Sie alles Deutsche gehasst – und sogar, dass Sie als „deutsche Jüdin“ galten.

Anita: Ja, das hat alles verkompliziert. Wir waren Überlebende, und gleichzeitig waren wir feindliche Ausländer. Das war so irre. Deutsche zu sein war nach dem Krieg nicht besonders beliebt, um es vorsichtig auszudrücken.

Über Auschwitz schreiben Sie: „Keiner, der nicht dort war, kann sich vorstellen, wie groß unser Elend war.“

Anita: Das ist immer noch so.

„Fragen waren verboten“: Maya Jacobs-Wallfisch hat die Wahrheit über das Leben ihrer Mutter Anita Lasker-Wallfisch erst spät erfahren. Quelle: David Jacobs

Haben Sie deswegen Ihren Kindern so lange nichts davon erzählt?

Anita: Wir hatten einfach keine Zeit dafür. Und ich habe den Sinn darin nicht gesehen. Jetzt lernen schon Grundschüler, was der Holocaust war. Ich finde das verrückt. Warum sollten fröhliche Kinder solche Geschichten in die Köpfe eingepflanzt bekommen?

Maya: Aber ich wusste lange nicht, wo ich in dieser Welt hingehöre, weil ich keine Vergangenheit hatte. Keine Familiengeschichte, über die ihr gesprochen hättet. Man wird in dieses Leben geworfen und gehört nirgendwo hin. Keine Geschichte, keine Verwandten. Nichts Schönes, nichts Hässliches, nichts Schlimmes. Ganz viele Hinweise, dass du anders bist. Aber keine Erklärung dafür.

Was wussten Sie denn als Kind von Ihrer Mutter?

Maya: Dass sie anders war, weil sie ihre Telefonnummer auf ihrem Unterarm tätowiert hatte. So habe ich es jedenfalls gedacht. Dass sie sich anders kleidete als die meisten. Und dass sie einen komischen Akzent hatte. Mehr wusste ich nicht. Ich konnte nichts erklären. Meine Mutter hat die Deutschen und alles Deutsche lange gehasst. Ich wusste nichts damit anzufangen. Ich wusste nicht, warum du plötzlich außer dir warst, wenn auf der Straße ein BMW vorbeifuhr oder wenn jemand deutsch sprach. Ich wusste, dass da irgendwas war. Aber ich wusste auch, dass ich auf keinen Fall fragen durfte, was. Es war eine sehr schräge Normalität. Ein Status des Nichtwissens. Es gab Fotos meiner Großeltern, aber wir kannten ihre Namen nicht. Wir wussten nicht, wer diese Leute waren. Wir haben nie gefragt. Es war (spricht deutsch) verboten.

Das Mädchenorchester Auschwitz – so, wie es der Mithäftling Mieczysław Kościelniak erlebte und 1944 zeichnete. Quelle: Zeichnung: Mieczysław Kościelniak

Vor einigen Jahren sind Sie das erste Mal nach dem Krieg wieder in Ihre Heimatstadt gefahren. Sie stammen aus Breslau, seit 1945 ist es polnisch und heißt Wroclaw. Wie war es für Sie?

Anita: Diese Stadt hat nichts mehr mit mir zu tun. Ich habe keine sentimentalen Erinnerungen. Es ist eine fremde Stadt mit einem fremden Namen. Ich hatte große Mühe, irgendetwas wiederzuerkennen.

Maya: Meine Mutter wird nie sentimental, das müssen Sie wissen. Ich habe sie auf dieser Reise begleitet. Wir haben den Zug von Berlin genommen, und als wir am Bahnhof ausstiegen, bin ich zusammengebrochen. Das war nun also die Stadt, in der meiner Mutter schlimmste Dinge angetan wurden. Es war aber auch die Stadt, aus der meine Mutter und mein Vater stammten. In der sie aufgewachsen sind. Mir wurde dort bewusst: Wir haben nicht nur die furchtbaren Dinge nicht erfahren, wir haben auch keine Erinnerungen an die schönen Dinge bekommen. Es gab nur diese Leere. Meine Mutter konnte nicht von meinen wundervollen Großeltern berichten, weil man über die Vergangenheit nicht sprach.

Sie leben seit 1946 in Großbritannien. Fühlen Sie sich als Britin?

Anita: Wie müsste ich mich dann fühlen? Ich weiß es nicht. Wenn England gegen Deutschland im Fußball spielt, möchte ich, dass England gewinnt. In Deutschland fragen mich die Leute oft: Wo ist Ihre Heimat? Das können nur Deutsche fragen. Meine Heimat ist, wo ich lebe.

Maya: Viele Leute haben eine Heimat. Aber du hast deine Heimat verloren.

Anita: Briten sprechen von ihrem Zuhause, Deutsche von ihrer Heimat. Das ist ein Unterschied. Sehr deutscher Begriff.

„Ich hoffe immer noch, dass es keinen Brexit geben wird. Ich bin Optimistin!“ Anita Lasker-Wallfisch ist unmittelbar nach der Befreiung nach Großbritannien gegangen. Quelle: David Jacobs

Aber hat der Brexit nicht auch etwas mit der Suche nach Heimat zu tun?

Anita: Fangen Sie bloß nicht mit dem Brexit an! Das sind dumme, idiotische Leute – und hoffentlich bricht das alles noch in sich zusammen! Okay, ich kenne auch einigermaßen intelligente Leute, die für den Brexit gestimmt haben. Aber auch die sagen Dinge wie: Dann gibt es nicht mehr so viele Schwarze in Kilburn! Nie hat jemand vor dem Referendum erklärt, worum es wirklich geht.

Viele deutsch-jüdische Flüchtlinge und ihre Nachkommen beantragen jetzt wieder den deutschen Pass …

Anita: Sehr viele.

Maya: Ich werde das machen. Mein Neffe Simon hat ihn bereits.

Anita: Es sind wirklich praktische Gründe. Er ist Berufsmusiker, er reist viel, er will nicht jedes Mal ein Visum beantragen müssen. Ich werde keinen deutschen Pass beantragen.

Maya: Wie findest du es, dass wir das tun?

Anita: Das ist eure Sache. So lange ihr nicht sentimental werdet und euch wieder deutsch fühlen wollt … Ich hoffe immer noch, dass es keinen Brexit geben wird. Ich bin Optimistin!

“Man wird in dieses Leben geworfen und gehört nirgendwo hin“: Das Konzentrationslager Auschwitz ist auch in den Köpfen der Kinder der Überlebenden. Quelle: spa

Steven Spielbergs Shoah Foundation hat von Ihnen Aufnahmen gemacht – mit Spezialkameras. Daraus wird ein Hologramm für den Einsatz im Unterricht erstellt. Sie werden also noch in vielen Jahren als Hologramm weiterleben und Fragen von Schülern beantworten. Wie finden Sie das?

Anita: Das ist völlig irre.

Wie lief das ab?

Anita: Sie setzen dich in einen Käfig mit Hunderten Kameras. Ich musste immer in derselben Position bleiben. Ich wurde alles gefragt, was irgendjemand jemals fragen könnte. Fünf Stunden lang. Ein bisschen verrückt, wirklich.

Maya: Wir waren in dem Studio, in dem die ganzen Science-Fiction-Filme produziert wurden, um uns herum hingen Filmposter.

Aber so irre das wirkt, es ist zumindest eine Antwort auf die Frage, wie die Berichte der Zeitzeugen weiterleben können und wie sich folgende Generationen an den Holocaust erinnern werden.

Anita: Wenn sie sich denn erinnern.

Zweifeln Sie daran?

Anita:
Ich befürchte, dass der Holocaust bald mit allen anderen Völkermorden der Geschichte zusammengeworfen wird. Es gab viele furchtbare Völkermorde in der Geschichte. Sie alle sind unterschiedlich. Der Holocaust aber war einzig. Kein anderes Volk als die Deutschen hat bisher den Völkermord industriell betrieben und Menschen recycelt. Wir Menschen werden uns immer gegenseitig umbringen. Aber der Holocaust war etwas Eigenes.

“Wir waren sehr freche Mädchen“: Anita und ihre Schwester Renate 1946, ein Jahr nach der Befreiung aus Bergen-Belsen. Quelle: privat

Und Sie wollten davon weglaufen. Ihre Schwester und Sie sind mit gefälschten Papieren in den Zug nach Paris gestiegen – und wurden sofort von der Gestapo verhaftet.

Anita: Wir waren sehr freche Mädchen. Wir fanden, wenn die Nazis uns schon umbringen wollen, können wir auch versuchen, zu entkommen. Dann würden wir wenigstens für etwas umgebracht und nicht einfach so.

Sie haben 1996 diese und andere Erinnerungen in dem Band „Ihr sollt die Wahrheit erben“ niedergeschrieben. Erst da wusste auch ihre Familie Bescheid.

Maya: Wenn du weißt, was passiert ist, kannst du dich daran abarbeiten. Du kannst Fragen stellen, ein Gespräch führen. Das ist besser als gar nichts.

Was gab es denn vorher?

Maya: Als ich 13 und alleine zu Hause war, habe ich nach Zigaretten gesucht. Ich habe keine gefunden. Was ich gefunden habe, waren Fotos. Sie stammten, wie ich jetzt weiß, aus Bergen-Belsen nach der Befreiung. Es gab ein Bild einer Frau, die aussah wie meine Mutter. Im Hintergrund lagen Leichen. Es war klar, dass ich etwas Schlimmes gefunden habe. Ich habe dann die Bilder zurückgelegt und jahrelang nicht darüber geredet. Ich habe noch nicht einmal Worte dafür gefunden, was es sein könnte. Es war ein Vakuum der Stille. Erst viele Jahre später haben wir darüber geredet.

Es gab in Auschwitz ein Orchester, in dem gefangene Frauen und Mädchen spielten. Sie haben einmal als Cellistin Schumanns „Träumerei“ für den KZ-Arzt Josef Mengele gespielt …

Anita: … und bedauere, dass ich das überhaupt einmal erwähnt habe. Ich habe es nur geschrieben, um zu zeigen, dass jemand wie Mengele ein gebildeter Mann war. Ich wollte mich nicht in den Vordergrund stellen. Das war nicht selten, dass irgendjemand kam und wollte, dass wir spielen.

Maya: Was hätten sie sonst machen sollen?

“Es ist wichtig, dass jemand ein Mensch ist“: Mutter und Tochter in ihrem Londoner Haus. Quelle: David Jacobs

Sie haben kurz nach der Befreiung 1945 in Bergen-Belsen noch einmal Schumanns „Träumerei“ gespielt …

Anita: Interpretieren Sie da bloß nicht so viel rein! Aber das war ein tolles Konzert. Wir wurden eingeladen in ein italienisches Kriegsgefangenenlager. Ich habe sehr tolle italienische Musiker kennengelernt, mit dem Cellisten habe ich noch lange Kontakt gehalten. Er hat sich bedankt für die Socken, die ich ihm damals organisiert hatte. Die Briten haben sich um uns sehr gut gekümmert, wir hatten mehr Möglichkeiten als die Italiener.

Maya: Was mir gerade einfällt: Gibt es eigentlich jüdische Abgeordnete im Bundestag?

Ich wüsste nicht.

Anita: Warum fragst du? Das deutsche Judentum ist zerstört, das gibt es nicht mehr.

Maya: Aber sein Vermächtnis lebt fort.

Anita: Wo?

Maya: In deinen Kindern!

Anita: Aber sie sind nicht in Deutschland! Ich kann mir keinen Juden im Bundestag vorstellen. Vielleicht jemand ganz Junges. Vielleicht passiert das wieder. Ist es überhaupt wichtig? Es ist wichtig, dass jemand ein (spricht deutsch) Mensch ist. Diese Etiketten sind doch unwichtig. Was ist an mir schon jüdisch? Wir waren überhaupt nicht religiös. Ein gläubiger Jude hätte uns nicht als seinesgleichen angesehen.

Maya: Wenn etwas fehlt, ist es wichtig, darauf hinzuweisen.

Anita: Gibt es Muslime im Bundestag?

Ja, einige. Wir hätten fast einen türkischstämmigen Außenminister bekommen.

Anita: Das ist interessant.

Das Überleben der Anita Lasker-Wallfisch

Ein Reihenhaus im Norden von London. Hier lebt Anita Lasker-Wallfisch (92) seit fast 50 Jahren. Ihre Tochter Maya (60) wohnt ganz in der Nähe. Im Wohnzimmer verstreut liegen Notenhefte und Familienfotos. Anita Lasker wird 1925 als dritte Tochter des Breslauer Rechtsanwalts Alfons Lasker und seiner Frau Edith, einer Geigerin, geboren. 1942 werden die Eltern deportiert und ermordet. Anita und ihre Schwester Renate bleiben zurück. Als Französinnen getarnt wollen sie nach Paris fliehen, werden aber schon am Bahnhof von der Gestapo verhaftet. Sie kommen in unterschiedliche Gefängnisse, später treffen sie sich inmitten des Grauens von Auschwitz wieder.

Es ist Anitas Cellospiel, das beiden das Leben rettet. Anita wird Mitglied des Lagerorchesters. „Die Cellistin“ heißt sie im Lager. Das Orchester spielt am Lagertor, für die Arbeitskommandos. Am Wochenende treten sie für die SS auf. Sie spielen „An der schönen blauen Donau“ oder auch die „Träumerei“ von Schumann – auf speziellen Wunsch von Josef Mengele.

Die Befreiung erleben die Schwestern inmitten des Grauens von Bergen-Belsen. Kaum hat Anita wieder ein Cello, gibt sie erneut Konzerte. 1946 siedeln Renate und Anita Lasker nach Großbritannien über. Renate zieht später nach Frankreich und heiratet den deutschen Journalisten Klaus Harpprecht. Anita heiratet den Pianisten Peter Wallfisch, ebenfalls Emi­grant aus Breslau. Ihre Tochter Maya ist die einzige in der Familie, die keine Musikerin ist. Als Psychoanalytikerin hat sie sich darauf spezialisiert, wie Traumata durch mehrere Generationen wirken können. jps

Von Jan Sternberg/RND

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