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Deutschland / Welt Christian Wulff ist sich seines Rollenwechsels sehr bewusst
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20:29 09.07.2010
Von Alexander Dahl
Der erste Gast, die erste Reise: Als Bundespräsident schreitet Christian Wulff mit dem dominikanischen Präsidenten 
Leonel Fernández Reyna die Ehrengarde ab. Quelle: dpa

Der Mann ist von einer geradezu unglaublichen Gelassenheit. Freundlich, ausgeglichen, als habe es in jüngster Zeit keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Als habe es die zwei quälenden Wochen und den fast dramatischen Tag vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten nicht gegeben. Vielleicht ist das sein Erfolgsrezept: Der gleiche bleiben, auch wenn das eigene Leben gerade ziemlich durcheinandergewirbelt wird. Vielleicht ist es aber auch nur die Folge des Erfolgs: Christian Wulff wirkt am Ende dieser ersten Woche als Staatsoberhaupt wie ein Mann, der hoch zufrieden ist, weil er angekommen ist. In seinem Fall an der ersten Adresse der Republik, im Berliner Schloss Bellevue.

Für die meisten, die dort schon länger arbeiten, war diese Ankunft mit bangen Erwartungen verbunden. Zahllose Arbeitsverträge mit Deutschlands Staatsoberhaupt waren an den früheren Hausherrn im Bundespräsidialamt, Horst Köhler, gebunden. Behalte ich meinen Job, oder läuft der Vertrag wenigstens bis 2014, dem regulären Ende von Köhlers zweiter Amtszeit? Am vergangenen Montag um 15 Uhr war Mitarbeiterempfang in Berlin – und Wulff hat seine erste Entscheidung bekannt gegeben: Alle Arbeitsverträge bleiben gültig, jeder behält seinen Job. „Da hat es dann minutenlangen Beifall gegeben“, sagt Wulff und scheint, auch hier, mit sich im Reinen.

Beifall und freundliche Worte begleiten ihn schon seit seiner Wahl am 1. Juli. Das ist normal. Oder es ist zumindest die Regel in der 61-jährigen Geschichte der Bundesrepublik, wenn sich der Präsident seinerseits an die Regeln hält: Er ist nicht Machthaber, er ist Repräsentant; er polarisiert nicht, er setzt auf Ausgleich. Für Wulff, der gerade noch ein großes Bundesland regiert hat, ist es ein scharfer Rollenwechsel.

Schon in der Schülerunion stritt er für die Positionen der CDU, später als Oppositionsführer im Landtag und als Ministerpräsident einer schwarz-gelben Regierung. Zuspitzen, Auseinandersetzungen gewinnen, Mehrheiten schaffen – Wulffs politischer Alltag in mehr als drei Jahrzehnten ist mit dem Einzug ins Schloss Bellevue Vergangenheit. Schwer fällt ihm das angeblich nicht: „Den ersten Eindruck vom Rollenwechsel hatte ich schon 2005, als ich zu der Unionsgruppe gehörte, die über die Große Koalition im Bund verhandelte.“ Damals sei er erstmals im Willy-Brandt-Haus gewesen. Die Gespräche mit der SPD seien dann „eine völlig neue Dimension von Politik gewesen“. Mit der vom Staatsoberhaupt geforderten Überparteilichkeit, sagt er, hat er auch wegen dieser Erfahrung „keine Probleme“. Und: Neun Jahre sei er schließlich Oppositionsführer gewesen, nur siebeneinhalb Jahre habe er als niedersächsischer Ministerpräsident regiert. „Ich kenne das Denken einer Regierung, aber ich habe aus meiner Lebenserfahrung heraus auch den größten Respekt vor jenen, die nicht die Mehrheit haben“, sagt Wulff. Seine Parteimitgliedschaft in der CDU ruht seit seiner Wahl.

Und die andere Seite, das Repräsentieren auf der ganz hohen Ebene? Ein gewisses Training hat Wulff in der Messestadt Hannover schon absolviert, da gehörten Empfänge für prominente Staatsgäste, etwa zur CeBIT, zum Alltag des Ministerpräsidenten. Trotzdem liegen Welten zwischen Staatskanzlei und Schloss Bellevue.

In der Woche vor seiner Wahl war der „MP Wulff“ noch auf Sommerreise in Niedersachsen, hat im Simulator einer Buxtehuder Reederei mit seinem Frachter um ein Haar eine Nordseeinsel gerammt, ist mit dem „Moorexpress“ von Stade nach Barche gezuckelt, hat einen Wolf-Park in Dörverden eröffnet und sich die Arbeit eines Schäfers erklären lassen. Als „BP Wulff“ hält er Ratschlag mit anderen Staatsoberhäuptern in der Welt.

Am Montag, dem ersten offiziellen Arbeitstag, begrüßte Wulff den Präsidenten der Dominikanischen Republik, Leonel Fernández Reyna, als seinen ersten Gast im Schloss, beglückwünschte via Telefon und mit Dolmetscher Polens neues Staatsoberhaupt Bronislaw Komorowski zum Wahlsieg und telefonierte mit seinem österreichischem Amtskollegen, Bundespräsident Heinz Fischer. Am Dienstag war der Staatspräsident der Türkei, Abdullah Gül, am anderen Ende der Leitung. „Seit ich in Niedersachsen mit Aygül Özkan eine türkischstämmige Deutsche zur Sozialministerin gemacht habe, werde ich in der Türkei besonders geachtet“, glaubt Wulff. Am Freitag wollte der Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, wissen, ob der noch mit Amtsvorgänger Horst Köhler vereinbarte Staatsbesuch in dem osteuropäischen Land stattfinde. Das tut er, versicherte Wulff, und gratulierte Janukowitsch gleich noch zum Geburtstag. Dafür ist übrigens das persönliche Büro des Bundespräsidenten zuständig, das Wulff mit wichtigen Details für den persönlichen Eindruck versorgt. „Hat am 9.7. Geburtstag“, war denn auch unter dem Telefontermin mit Janukowitsch vermerkt. Im persönlichen Büro stapeln sich unterdessen auch die Glückwunschschreiben aus aller Welt.

Glückwünsche indes erhält Wulff nicht nur von Präsidenten und Königen, auch der normale Bundesbürger gratuliert. „Viele finden es toll, dass es ein Präsidentenehepaar im mittleren Alter gibt“, sagt der 51-Jährige. Seine Patchworkfamilie – Bettina und Christian Wulff haben einen gemeinsamen Sohn und je ein Kind aus erster Ehe – sei zwar kein Idealbild, das man propagieren müsste: „Aber viele haben mir doch geschrieben, dass ihnen ein Präsident mit Alltagsproblemen ganz gut gefällt.“

Alltagsprobleme ganz anderer Art muss sich ein Bundespräsident, der sozusagen noch im Training ist, hingeben: Für Staatsempfänge muss es der dreiteilige Cut mit gestreifter Hose sein; zwei Anprobetermine waren in dieser Woche angesetzt. Maßanfertigung war nicht nötig; ein Modell von der Stange genügt, hieß es.

Außerdem möchte Wulff seinem Arbeitszimmer eine persönliche Note geben. Die spätklassizistische Möblierung mit dunklem Holz und schwerem Stoff bleibt; sie gehört zum repräsentativen Rahmen, in dem Gäste empfangen werden. Aber die Bilder werden ausgetauscht. Köhler hatte sich Expressionisten wie Karl Schmidt-Rottluff ausgesucht. Wulff, das ist aus Hannover bekannt, schätzt eher die moderne, ungegenständliche Kunst. Auch dies wird sich in den Depots des Schlosses finden lassen. Und dann gab es noch den obligatorischen Fototermin für das Präsidentenporträt. Das wird zwar nicht wie in Frankreich in allen Amtszimmern der Republik hängen. Wer will, kann es aber im Bundespräsidialamt bestellen – samt passender Autogrammkarte.

Einen wichtigen und sehr eigenen Akzent hat Wulff in dieser Woche allerdings auch bereits gesetzt: Sein erster Antrittsbesuch galt dem Europaparlament in Straßburg. Natürlich besuchte Wulff, protokollarisch korrekt, später auch die EU-Spitzen in Brüssel – Kommissionspräsident José Manuel Barroso und den Präsidenten des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy –, aber als erstes eben die Volksvertreter: „Schließlich muss man zuerst Parlamente und Demokratie ernst nehmen und nicht die Verwaltung.“

Mit seiner eigenen Verwaltung, dem Bundespräsidialamt, dürfte Wulff vielleicht die kleinste Administration eines Staatsoberhauptes einer Industrienation haben. Lediglich 180 Mitarbeiter sind für ihn tätig . In der niedersächsischen Staatskanzlei arbeiteten immerhin 200 Landesbedienstete für den heutigen Bundespräsidenten. Viele hat Wulff von dort nicht mitgenommen. Seinen Chef der Staatskanzlei, Lothar Hagebölling, machte er zum Leiter des Bundespräsidialamtes, sein bisheriger Sprecher Olaf Glaeseker spricht auch weiter für ihn; hinzu kommen sein Fahrer und eine Sekretärin, die mit ihm nach Berlin wechselten. In Sachen Mitarbeiterführung hält er sich an den deutschen Stürmer bei der Fußball-WM, Thomas Müller: „Der Star ist das Team.“

Und der Rest des Teams, die Familie? Bettina Wulff sieht die anhaltende mediale „Welle“ in Zeitungen und Zeitschriften „mit einem Schmunzeln“. Das sei nicht das, was sie umtreibe, sondern: „Ich will mich daran orientieren, wo ich an der Seite meines Mannes eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen kann“, sagt sie mit einer Routine in der Formulierung, als sei sie weit länger als nur eine Woche Präsidentengattin. Ihre aus Niedersachsen bekannte Stiftung „Eine Chance für Kinder“, die Schwangeren und jungen Müttern in sozial schwierigen Lebenssituationen hilft, will sie bundesweit ausdehnen; Patenschaften für Stiftungen von Eva Luise Köhler will sie fortführen.

Klarheit herrscht seit Freitag über den künftigen Berliner Wohnsitz der Wulffs. Sie werden in die Dahlemer Villa einziehen, in der schon die Köhlers wohnten und die dem Bund gehört. „Sie ist doch kinderfreundlich“, sagte Wulff am Freitag nach einem Besichtigungstermin. Auch die Kinder haben sich in der zurückliegenden Woche umgesehen, im Schloss Bellevue – und dabei festgestellt, dass es im Park neue Bewohner gibt: Ein Fuchspärchen samt Nachwuchs geht dort seit einiger Zeit auf Raubzug.

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