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Wenn Mutti die Hand ausrutscht

Forsa-Umfrage zu Gewalt in Erziehung Wenn Mutti die Hand ausrutscht

Gewalt ist aus Deutschlands Kinderzimmern noch nicht verschwunden. Rund die Hälfte der Eltern gibt zu, den Nachwuchs schon mal mit einem Schlag auf den Po oder mit Ohrfeigen zu strafen.

Berlin. Schweigen kann besonders schlimm sein. Das kann wie eine dunkle Wolke über einer Familie liegen. Nur, weil der Jüngste möglicherweise mal wieder die Nerven seiner Eltern strapazierte und denen nichts besseres einfiel, als ihr Kind mit Ignoranz zu strafen. Doch auch der Klaps auf den Po, die Ohrfeige und das Hintern versohlen gehört in Deutschland immer noch zum pädagogischen Repertoire vieler Eltern. Eine Studie des Sozialforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Zeitschrift "Eltern" belegt: Fast die Hälfte aller deutschen Eltern schlägt zu - auch wenn die Zahlen im Vergleich zu 2006 leicht zurückgegangen sind. Über 1000 Eltern mit Kindern unter 14 Jahren wurden zu dem Thema befragt.

Am Ende plagt die meisten Eltern ein schlechtes Gewissen, sagte Forsa-Chef Manfred Güllner bei der Präsentation der Ergebnisse gestern in Berlin. "Denn ihnen ist bewusst, dass eine Ohrfeige keine pädagogische Wirkung hat." Doch es wird trotzdem zugeschlagen, auch wenn das Bürgerliche Gesetzbuch seit 2000 eine gewaltfreie Erziehung vorschreibt.

Der Grund, warum in so vielen deutschen Haushalten Machtverhältnisse immer noch mit der flachen Hand geklärt werden, sei der Überforderung vieler Eltern zuzuschreiben, so Güllner. Eine Mutter beschreibt dieses Gefühl auf der Internetseite der Zeitschrift "Eltern": "Ja, ich habe meinem Sohn schon eine Ohrfeige gegeben. Aus purer Verzweiflung, Hilflosigkeit und Überforderung. Ich schreie meinen Sohn auch gelegentlich an. Das ist alles total ätzend und beschämend. Aber: ,Wer steht mir im Alltag bei?‘"

Je mehr Kinder, desto größer der Stress: Kein Wunder also, dass es vor allem in Familien mit mehreren Kindern öfter kracht. 18 Prozent der Befragten mit drei oder mehr Kindern gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Ohrfeigen verteilt zu haben. Und zwar immer dann, wenn die Kinder "unverschämt" waren (50 Prozent) oder "nicht gehorchten" (40 Prozent). Oft reicht schon eine Lüge, damit Mama die Nerven durchgehen (17 Prozent).

Ähnlich wie bei Gewalt in Partnerschaften ist die körperliche Züchtigung nicht abhängig vom Bildungsniveau: Geht es um den Schlag ins Gesicht, liegen akademische Haushalte mit 14 Prozent vorn (Hauptschulabschluss: 9 Prozent).

Deutschland liegt damit im Mittelfeld. Schlusslicht ist Frankreich, wo es noch kein Gesetz gibt, das Schläge unter Strafe stellt. "Auf lange Sicht aber ändern Gesetze das Bewusstsein", ist Oliver Steinbach, Vize-Chefredakteur der "Eltern", überzeugt. Und so fordern Kinderschützer seit langem die Aufnahme entsprechender Kinderrechte auch ins Grundgesetz.

von Nora Lysk

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