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Berliner Redaktion Viermal Joachim Gauck und ein Warnschuss
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23:34 15.03.2012
Marburg

Vorab haben einige verraten, wen sie wählen und warum.

Ob Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) in Berlin überhaupt zum Einsatz kommt, ist fraglich. Die Landtagsfraktionen müssen immer eine bestimmte Anzahl an Ersatz-Wahlleuten bestimmen, falls ein Mitglied der Bundesversammlung zum Zeitpunkt der Abstimmung nicht wahlfähig ist. Wenn Vaupel zum Einsatz kommt, wird er Joachim Gauck wählen: "Gauck ist der Bürger, der als Bundespräsident die Bürgerinnen und Bürger erreichen wird", so Vaupel. Die Bedenken und Kritik der vergangenen Tage, dass Gaucks Lebensthema Freiheit derzeit nicht den Kern der gesellschaftlichen Herausforderungen trifft, teilt er nicht: "Das Thema Freiheit ist für mich unlösbar verbunden mit sozialer Gerechtigkeit. Ich erinnere nur an ein Buch von Willy Brandt mit dem Titel: "Links und frei." Ein Gefühl wie Genugtuung lässt er nicht aufkommen, angesichts des Schwenks, den Kanzlerin Merkel zum Kandidaten Gauck vollführt hat: "Ich begrüße die Entscheidung, blicke aber nach vorne", so Vaupel.

Anne Janz (Grüne) ist Stadträtin in Kassel. Als der Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen, Tarek al Wazir, mit der Bitte auf Sie zukam, sie als Wahlfrau vorschlagen zu dürfen, hat sie sich sehr gefreut. Für Janz ist es die erste Bundespräsidentenwahl und eine ganz besondere. Zum Start ihrer politischen Laufbahn war sie als Ost-West-Friedensaktivistin aktiv und fühlt sich daher dem Schaffen von Joachim Gauck sehr verbunden. Sie ist guter Hoffnung, dass Gauck als Bundespräsident auch ein offenes Ohr und ein Gespür für Themen hat, für die sie in der Lokalpolitik kämpft. "Ich beobachte seit Jahren, wie die Schere zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft auseinander geht, wie wichtig ein verantwortlicher Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist", sagt Janz, deren Schwerpunkte in Kassel Jugend-, Schul-, Frauen- und Gesundheitspolitik sind. Joachim Gauck habe das Thema Freiheit immer auch mit Teilhabe und "Teilhabe-Gerechtigkeit" verbunden, so Janz und sei deshalb der geeignete Kandidat.

Der Gelnhausener Landtagsabgeordnete Dr. Rolf Müller (CDU) ist ein alter Hase, was die Wahlen zum Staatsoberhaupt angeht. Bereits drei mal war er bisher dabei, zuletzt 2010 bei der Wahl von Christian Wulff. Seiner Meinung nach hätte man sich auch damals schon zwischen den Fraktionen auf einen gemeinsamen Kandidaten Joachim Gauck einigen können. Dass die Linkspartei bei dem gemeinsamen Gauck-Beschluss von CDU, FDP, Grünen und der SPD nicht mit am Tisch saß, hält er für richtig. "Mit der Linkspartei sollte es keine Verhandlungen geben, und deren Haltung zu Joachim Gauck zeigt, wie richtig dies war", so Müller.

Müller sieht, dass Joachim Gauck von großen Erwartungen begleitet wird. Schätzt aber, dass er diesen gerecht werden kann: "Er wird einen neuen, würdigen Stil in das Schloss Bellevue bringen, und er bringt einen beachtlichen Lebenslauf in das Amt ein".

Die Gegenkandidatin Beate Klarsfeld ist für Müller keine echte Wahlalternative. "Sie hat bei ihrer Vorstellung deutlich gemacht, dass sie durchaus auch für andere Parteien kandidiert hätte. Ihr geht es eher um Renommee-Bildung, als um den Willen zum Amt", so Müller.

Der Marburger Sozialethiker, Franz Segbers, ist gleich in zweierlei Hinsicht ein Exot in der Reihe der hier vorgestellten Wahlleute. Einerseits ist der Marburger Wissenschaftler der einzige Nicht-Politiker und der einzige, der am 18. März voraussichtlich nicht den Kandidaten Joachim Gauck wählt. "Die Linkspartei hat bei Ihrer Anfrage an mich ganz deutlich gemacht, dass sie mit Beate Klarsfeld eine parteiunabhängige Kandidatin für die Wahl nominiert hat", so Segbers. Eine Gegenkandidatur zu Joachim Gauck sei ihm ein Anliegen gewesen. "Ich empfinde es aus demokratischer Sicht sehr prekär, dass sich die vier Fraktionen hinstellen und Joachim Gauck als einen parteiübergreifenden Kandidaten vorstellen", so Segbers.

Aber auch die Persönlichkeit Beate Klarsfeld scheint ihm geeigneter: "Frau Klarsfeld hat sich lebenslang klar gegen neonazistische und fremdenfeindliche Tendenzen ausgesprochen und sich für ihre Bekämpfung stark gemacht". Joachim Gauck dagegen sei ein Kandidat, dessen Kernthema zu abstrakt für die drängendsten Probleme unserer Zeit sei. Das Thema Freiheit, dass der Bürgerrechtler in den Mittelpunkt seines Handelns stelle, mobilisiere nicht die nötigen Kräfte: "Bei rund 1,8 Millionen Menschen, die in unserem Land in Armut leben, ist das Hauptthema unserer Zeit die soziale Gerechtigkeit", so Segbers. Rechtes Gedankengut und Ausgrenzung seien die Folgen, die sich daraus ergeben. Er hofft, dass die Kandidatur von Klarsfeld für Gauck ein Warnschuss ist, die "wichtigsten Themen" als Präsident nicht zu vergessen.

Der Landtagsabgeordnete Heinrich Heidel (FDP) erinnert sich vor seiner dritten Präsidentschaftswahl daran, dass auch schon bei der vorigen Wahl einige Liberale für Joachim Gauck stimmten und hofft, "dass die Amtszeit diesmal wieder deutlich länger dauert". Damit spielt Heidel auf die kurzen Amtsperioden von Christian Wulff (CDU) und dessen Vorgänger Horst Köhler an, die beide zurücktraten.

Aus seinem Votum für Gauck macht Heinrich Heidel keinen Hehl. "Wir haben uns mit seiner Vita intensiv auseinandergesetzt. Gauck hat in schweren Zeiten zur Freiheit gestanden - und Freiheit ist ein Kernthema der FDP".

von Tim Gabel