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Szenen einer zerrütteten Ehe

Linken-Parteitag in Göttingen Szenen einer zerrütteten Ehe

Auf dem Göttinger Parteitag setzten sich die Radikal-Linken um Lafontaine gegen die Reformer um Bartsch ziemlich klar durch. Es gab Jubelge­sänge und Frustration, Sieger und Verlierer.

Göttingen. Das hatte die Linke noch nicht erlebt: Als in der Nacht zu gestern der knappe Wahlsieg des neuen Linken-Chefs Bernd Riexinger - Anhänger von Oskar Lafontaine aus Baden-Württemberg - über den Reformer Dietmar Bartsch aus Mecklenburg-Vorpommern feststand, gab es bei den Riexinger-Anhängern aus westdeutschen Landesverbänden frene­tischen Jubel. Einige stimmten die Internationale an: „Völker hört die Signal, auf zum letzten Gefecht ..!“ Dünner Beifall, Kopfschütteln und eiskaltes Schweigen dagegen bei den Anhängern von Bartsch vor allem aus ostdeutschen Landesverbänden. Der Fraktionsvize aus dem Bundestag schaute regungslos in die Ferne. Der Parteitag in der düsteren Lokhalle von Göttingen erlebte Szenen einer zerrütteten Ehe.

Zwei Lokomotiven, die aufeinander zurasen

Zuvor war bereits Katja Kipping als Vorsitzende gewählt worden. Den Showdown vor der Wahl hatte Linken-Fraktionschef Gregor Gysi am Nachmittag zuvor mit einer ernsten Rede eröffnet. Der Anwalt bemühte sich, die tiefen Gräben, die in der Partei und in der Bundestagsfraktion klaffen, zu überbrücken. Er sprach frustriert von „Hass unter den Abgeordneten“ und fügte hinzu: „Ich befinde mich zwischen zwei Lokomotiven, die aufeinander zurasen“. Er könne nicht verstehen, wieso sich die beiden wichtigsten Flügel, westdeutsche Interessen­partei hier und ostdeutsche Volkspartei da, nicht gegenseitig akzeptieren und befruchten können. Die „Arroganz“ aus westdeutschen Landesverbänden gegen Ost-Verbände erinnere ihn an die „Arroganz“ während der deutschen Wiedervereinigung. Seit dem Wahlerfolg der Linken 2009 sei die Distanz zwischen den Flügeln gewachsen. Die Vereinigung sei „noch nicht erreicht“.

Viele ließen sich nicht von der Sache, sondern von persönlichen Befindlichkeiten leiten. „Das ist ein pathologischer Zustand“, befand Gysi. Und dann wurde es plötzlich ganz still. Sollte es der Partei nicht gelingen, eine kooperative Führung zu wählen, „wäre es besser, sich fair zu trennen“. Es solle nicht „mit Tricksereien, mit üblem Nachtreten und Denunziation eine in jeder Hinsicht verkorkste Ehe“ geführt werden.

Gysi hatte die vergangenen Wochen hinter den Kulissen intensiv eine Verständigung zwischen Lafontaine und dem Realo Bartsch herbeizuführen versucht. Nun zeigte er sich enttäuscht. Bartsch habe seine Bereitschaft erklärt, unter einem Vorsitzenden Lafontaine als Bundesgeschäftsführer zu arbeiten. Das sei aber nicht am Ostdeutschen gescheitert. Von Gysis schonungsloser Analyse zeigten sich viele betroffen.

Es gibt noch keinen Anlass für das Wort „Spaltung“

Lafontaine hörte sich die Worte seines ehemaligen Freundes mit unbewegter Miene an. Die Ablehnung von Gysis Vorschlag hatte der Saarländer per dürrer SMS mitgeteilt. Seitdem gilt das Verhältnis der beiden linken Protagonisten als zerrüttet. „Eigentlich haben wir kein Recht, unsere Partei zu verspielen“, mahnte Gysi. Der stürmische Beifall für seine Rede kam vor allem von ostdeutschen Delegierten.

Lafontaine ergriff gleich nach Gysi das Wort. Gewohnt kämpferisch, mit einem kleinen Sprechzettel in der Hand. „Wir haben kein Recht, diese linke Partei zu verspielen“, gab er Gysi recht. Es gebe aber keinen Grund, das Wort Spaltung in den Mund zu nehmen. Die Linke habe ein klares Programm, das im Oktober 2011 in Erfurt mit 95-Prozent-Mehrheit ange­nommen worden war. Auf die unterschiedlichen Erfahrungen und Befindlichkeiten in Ost und West ging Lafontaine nicht ein. Eine erfolgreiche Partei dürfe nicht durch Streit, Nachtreten und Fingerhakeln auffallen. Und ohne Bartsch namentlich zu nennen, donnerte Lafontaine,es sei falsch, wenn einer ein Dreivierteljahr vor einem Parteitag seine Kandidatur erkläre.

Überraschend trat dann am späten Abend Sahra Wagenknecht ans Mikrofon. Viele glaubten da schon, sie würde nun doch noch ihre Kandidatur bekannt geben. Doch die Lebensgefährtin von Oskar La­fontaine verzichtete, um „nicht zur Polarisierung“ in der Partei beizutragen. Sie sprach sich für einen „absoluten Neuanfang“ aus, was als Votum gegen Bartsch gewertet wurde.

Als Bartsch seine Bewerbungsrede hielt, lief der Lafontaine-Anhänger Ulrich Maurer pöbelnd durch den Saal.

Der zum Reformerflügel zählende Matthias Höhn, Landeschef der Linken von Sachsen-Anhalt, wurde schließlich in der Nacht mit über 80 Prozent zum neuen Bundesgeschäftsführer gewählt. Er versuchte, Sieger und Besiegte zusammenzubringen. „Vertrauen baut sich nicht auf durch Jubelgesänge. Vertrauen baut sich auf, indem wir miteinander reden, arbeiten und uns zuhören“, mahnte Höhn mit Blick auf die jubelnden Lafontaine-Riexinger-Anhänger. Zum Abschluss des Parteitages wurde gestern Nachmittag die Internationale nur halblaut intoniert.

von Reinhard Zweigler

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