Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Berliner Redaktion Strenge Religion versus Jugendkultur
Mehr Welt Politik Deutschland / Welt Berliner Redaktion Strenge Religion versus Jugendkultur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:45 25.04.2016
Marburg

Da diese den Großteil der Asylsuchenden ausmachen, mag das der Grund dafür sein, dass die Vorlesung von Hoda Salah zum Thema „Arabische Männlichkeiten“ im Rahmen der Ringvorlesung über „Flüchtlinge und Migration“ am vergangenen Dienstag, so außerordentlich gut besucht war.

Einer der großen Hörsäle der Universität war mehr als vollständig gefüllt, wobei unter den Gästen auch viele Zuhörerinnen und Zuhörer saßen, die dem Studentenalter bereits lange entwachsen waren. Allerdings behandelte der Beitrag von Salah, die nach mehrjähriger Tätigkeit als Lehrerin in Ägypten derzeit den Doktorgrad in Politik erwartet, vorrangig die Veränderungen, die in Ägypten in der Sexualmoral und den Vorstellungen von Männlichkeit stattgefunden haben. Wer also einen Beitrag über die Ereignisse in Köln erwartete, wurde enttäuscht. Generell stellte die Politikwissen­schaftlerin fest, dass derzeit die Forschung über männliches Verhalten und Männlichkeit im arabischen Raum noch in den Kinderschuhen stecke. Über das „neue Ägypten“ bemerkte Salah: „Seit der Revolution hat sich viel geändert, denn obwohl diese im Bereich der politischen Führung als gescheitert angesehen werden muss, ist die Gesellschaft sehr viel offener geworden.“ Mittlerweile sehen sich laut Salah viele Männer, nicht zuletzt wegen der großen Arbeitslosigkeit, mit ihrer vorgeschriebenen Rolle als Versorger der Familie überfordert, was möglicherweise mehr Raum für die Frauen lässt.

Praxis der „Genussehe“

„Grundsätzlich ist Ägypten in der Gleichberechtigung viel weiter, als manche glauben, allerdings haben selbst hochgebildete Frauen immer noch den Mann als Ernährer angesehen, das könnte sich ändern“, sagte Salah. Doch lasse sich seit der Revolution auch ein starker Aufstieg streng-religiöser Bewegungen verzeichnen, so sei etwa der Anteil an kopftuchtragenden Frauen seit den 60er-Jahren rapide angestiegen. Dabei prallen auch oft die strikt sunnitisch-muslimische Sexualmoral und die neue mediengeleitete Jugend­kultur aufeinander. Dies führe oft zu bizarren Resultaten, so habe sich immer mehr die Praxis der „Genussehe“ durchgesetzt. Man heirate privat und ohne offizielle Anmeldung und könne sich leicht scheiden lassen. Dafür seien die Ehepartner aber vor der Moralpolizei sicher und dürften zusammenleben.

von Marcus Hergenhan