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Berliner Redaktion Ständiger Kampf gegen das Vergessen
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16:08 10.07.2012
Foto: Dai Kurokawa Quelle: Dai Kurokawa
Marburg

Jeder Tag bedeutet Kampf. Um Wasser, um eine Schale Reis, schlicht ums Überleben. In Nordkenia hat sich seit der verheerenden Dürre Anfang des Jahres nichts verbessert. Trotz der internationalen Hilfen, trotz der Spendengelder, trotz der TV-Kameras. Die Lage im weltgrößten Flüchtlingslager in Dadaab ist nach wie vor prekär, angespannt, lebensbedrohlich. Kinder verhungern in den Armen der hilflosen Eltern, die sich unter den Zeltplanen von Unicef kauern und ihren Schicksal irgendwie zu entkommen hoffen.

Für die Marburger Hilfsorganisation Terra Tech macht es wenig Sinn, in diesen Riesen-Camps mitzuarbeiten. Die großen Institutionen sind vor Ort, haben ihre komplexen Netzwerke gespannt, in denen die Helfer aus Marburg keinen passenden Rahmen fänden. Anders sieht die Lage in Regionen aus, in die bisher nur Wenige vorgedrungen sind, die Not der Menschen aber genauso groß ist. Regionen, wo das Warten auf Hilfe bislang vergeblich war. Dort hilft Terra Tech.

Schwerpunkt sind Gebiete im Nord-Westen des afrikanischen Staates. Seine Hauptaufgaben sieht Projektleiter Andreas Schönemann in der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Zusammen mit örtlichen Gruppen vermitteln die Helfer vor allem eines: Wissen.

So zeigen sie den Menschen, wie Regenwasser gesammelt, Brunnen gebohrt und Dämme gebaut werden. „Wir holen die Menschen dort ab, wo sie stehen. Die Basis ist vorhanden. Natürlich ist es ein Dritte-Welt-Land. Die Menschen sind aber durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen. Man muss ihnen nur zeigen, wie“, sagt Andreas Schönemann.

Was nach kleinen Maßnahmen mit geringen Auswirkungen klingt, versorgt alleine in dieser nordwestlichen Region Kenias 100000 Menschen. Die Wasserversorgung wird gesichert, die Kenianer bewirtschaften selbstständig ihre Felder und schützen sich gegen Dürre und Hungerkatastrophe. Hilfe zur Selbsthilfe.

Anders sieht die Lage in einigen Flüchtlingscamps in den Grenzregionen aus, in denen Terra Tech aktiv ist. Dort macht nur die schnelle Soforthilfe Sinn. Soll heißen: Mit Hochenergienahrung versorgen die Marburger Kinder, Schwangere und stillende Frauen, sichern ihnen so das Überleben.

Das dritte Groß-Projekt in dem ostafrikanischen Staat, um das sich Terra Tech kümmert, ist das Krankenhaus von St. Consolata im kenianischen Kisumu. Ende April schickten die Helfer einen Container mit Betten und Matratzen, einen Operationstisch, zwei Defibrillatoren und eine Utraschalleinheit auf den Weg. Vor kurzem nun kam er im Hafen von Mombasa an und wurde per LKW den schwierigen Weg ins 900 Kilometer entfernte Kisumu gebracht. „Diese Dinge werden vor Ort dringend benötigt. Wir sammeln weiter Spenden, um die nächsten Projekte anzustoßen und Container mit Hilfsgütern zu füllen“, sagt Andreas Schönemann, der sich Ende Juli selbst vor Ort ein Bild machen wird.

Der Projektleiter besucht die Menschen in den Hilfsregionen, begegnet zum ersten Mal den Partnern vor Ort, die er bisher nur von E-Mails und vom Telefon kannte. „Ich habe ja schon einige Erfahrungen mit Afrika gemacht. Die Menschen begrüßen uns immer mit einer Herzlichkeit, das ist bei diesem Leid fast nicht zu glauben.“

Die Vorfreude ist riesig. Auch wenn die Sicherheitslage ein Stück weit unklar ist. Die Rebellen der Al-Shabaab-Miliz haben ihr Terror-Netzwerk im Norden Kenias direkt im Grenzgebiet zu Somalia gespannt. Für ausländische Helfer bedeutet dies zum Teil akute Lebensgefahr. Dort, wo Andreas Schönemann hinreisen wird, ist die Situation eine andere. Noch.

„Mit unseren Projekten tragen wir dazu bei, die Landflucht der Einwohner zu verhindern. Wir zeigen ihnen, wie sie dort, wo sie leben, auch überleben können. So erhält Terror keinen Nährboden.“ Denn: Die Maßnahmen verhindern den Zwang, die Heimat zu verlassen, in Flüchtlingscamps und umliegende Großstädte zu ziehen - und so die Situation noch mehr zuzuspitzen. „Diese Menschen brauchen unsere Hilfe. Nach wie vor“, sagt Andreas Schönemann. „Und wir wollen unseren Teil dazu beitragen, Leben zu retten.“

von Carsten Bergmann

HINTERGRUND

- 1986 hat Terra Tech begonnen, humanitäre Hilfe zu leisten. Damals war es ein Krankenhaus im afrikanischen Zimbabwe und eine Ärztin im südamerikanischen Kolumbien, die profitierten. Heute, 26 Jahre später, ist Terra Tech nahezu in allen Krisenregionen der Erde im Einsatz. Afrika, naher und ferner Osten, Südamerika, Asien, Osteuropa - überall laufen Projekte. Ob Schulbau in Serbien oder Brunnenbohrung in Kenia – der Grundsatz der Organisation lautet „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Mittelhessen arbeiten zusammen mit Organisatoren vor Ort, die am besten einschätzen können, was am dringendsten benötigt wird.

- In über 45 Ländern hat Terra Tech mehr als 200 Projekte abgeschlossen.

- Wenn Sie die Terra Tech mit Spenden unterstützen oder selber aktives Mitglied werden möchten, finden Sie alle Informationen im Internet unter www.terratech-ngo.de

- Zum Vorstand gehören Dr. med. Gangolf Seitz (Vorsitzender), Dr. med. Thomas Spies, MdL, Frank Gotthardt, Klaus-Eberhard Völzing, Christine Heigl, Friedrich Bohl (Ehrenmitglied)