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Berliner Redaktion Schmuggeln, wegschieben, überspielen
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21:57 25.03.2012
Berlin

Die äußere Gelassenheit der Berliner Regierungszentralen darf am Wahlabend getrost als gespielt angesehen werden. Drinnen waren durchaus ehrgeizige Ziele formuliert worden. Die Sozialdemokraten haben sich erträumt, an der Saar die Führung der Großen Koalition zu übernehmen. Dass dieser Wunsch nun verpufft ist, trifft die SPD im Jahr vor der Bundestagswahl und wenige Wochen vor den Urnengängen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen tiefer als Sigmar Gabriel und die Seinen das zeigen wollten.

Der SPD-Vorsitzende strahlte durchaus Zufriedenheit aus, lästerte ein wenig über die Lafontaine-Romantik und die Verluste der Linkspartei, aber das war reine Ablenkung. Das ehrliche Wort im Berliner Willy-Brand-Haus in Berlin hieß Enttäuschung, auch wenn sie gemildert wurde über den Ausgang der Oberbürgermeister-Wahlen in Frankfurt am Main und Mainz.

Enttäuschung bei der SPD, eitel Freude bei der Union

In der CDU-Zentrale herrschte selbstredend eitel Freude. Generalsekretär Hermann Gröhe sprach mehrfach von einem "guten Tag" für die CDU. Er schaffte es mühelos, die segensreiche Wirkung der Kanzlerin in seine Lobeshymne zu schmuggeln und überging dabei geflissentlich, dass gerade die Regierungschefin am Verstand ihrer Parteifreundin Annegret Kramp-Karrenbauer gezweifelt hatte, als diese am Dreikönigstag die Jamaika-Koalition Knall auf Fall aufkündigte. Hier scheint eine Versöhnung möglich.

Bei den Linken im Karl-Liebknecht-Haus war das Grummeln über die frühe Festlegung der Sozialdemokraten zugunsten der Union nicht zu überhören. Weil diese so klar ausgefallen war, hielten sich die Spitzensozialisten nicht lang mit dem Was-wäre-wenn auf. Sie strichen vielmehr heraus, dass die Linke es auch "im Westen bei ­Wiederholungswahlen" schaffen könne, zwischen 15 und 20 Prozent einzufahren. Die Co-Parteivorsitzende Gesine Lötzsch wich der Frage aus, ob der Wahlmagnet Oskar Lafontaine nun auch Spitzenkandidat im Bund werden müsse.

Patrick Döring (FDP) mit dem verkniffensten Auftritt

Bei der FDP legte Generalsekretär Patrick Döring mühelos den verkniffensten Auftritt des Abends hin. Er schob einfach alles "auf die besondere landespolitische Situation", die er gleich dreimal in einem Satz unterbrachte. Danach schaffte er die Kurve mit einem mutmachenden Ausblick auf die Wahlen im Mai und entschwand in der Kulisse.

Die Grünen überspielten die abendliche Zitterpartie, indem sie ihre Vorsitzende Claudia Roth die Kämpfe von gestern ausfechten ließen. Die Art und Weise, wie die Ministerpräsidentin im Saarland die Jamaika-Koalition beendet habe, sei nicht der feine Zug gewesen, sagte sie.

Die Piraten posteten ihre Freude im Netz: "Wenn wir es im Saarland geschafft haben, dann schaffen wir es überall!"

Mit der erwarteten Bildung einer Großen Koalition im Saarland verringert sich der schwarz-gelbe Block im Bundesrat auf 25 Stimmen, das neutrale Lager steigt auf 18 Stimmen. Bisher zählen dazu vier Länder mit Koalitionen von Sozial- und Christdemokraten: Sachsen-Anhalt und Thüringen unter CDU-Führung je 4 Stimmen, Berlin (SPD/CDU) 4 und Mecklenburg-Vorpommern (SPD/CDU) 3. Die absolute Mehrheit im Bundesrat hat das der CDU/CSU/FDP-Regierung zugerechnete Lager bereits bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl im Mai 2010 verloren.

von Reinhard Urschel