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Rückkehr nach Afghanistan

Die Abgeschobenen Rückkehr nach Afghanistan

Ein Jahr, acht Flüge, 155 abgeschobene Afghanen – und die Debatte: Darf man Menschen in ein Kriegsgebiet zurückschicken? Die dpa hat drei junge Männer nach der Abschiebung ein Jahr 
lang begleitet.

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Der Weg zurück

Badam Haidari, aufgenommen am 25. Mai in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Haidari war im Januar 2017 aus Deutschland abgeschoben worden.

Quelle: Christine-Felice Röhrs

Kabul. Badam Haidari lebt weiter wie gelähmt in der Hütte am Rande der Hauptstadt Kabul. Arasch Alokosai kommt nicht voran mit seiner deutschen Hochzeit. Matiullah Asisi 
hat Arbeit gefunden, kämpft aber mit Depressionen. Wie geht es jenen, die Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten nach Afghanistan abgeschoben hat?

Vor gut einem Jahr, am 14. Dezember 2016, hat die Bundesregierung damit begonnen, afghanische Flüchtlinge mit Direktflügen abzuschieben. 155 abgelehnte Asylbewerber sind seitdem nach Afghanistan zurückgebracht worden.

In acht Flugzeugen saßen Männer, die in Deutschland Job und Wohnung hatten, Männer, die monatelang in Lagern saßen und nie Deutsch gelernt haben, Männer, die abgeholt wurden aus dem Gefängnis, aus dem Job oder aus dem Kurs in der Berufsschule. Und in Deutschland ist eine emotionale Debatte entbrannt: Ist es rechtens – oder human – Menschen in ein Kriegsland abzuschieben?

In diesem einen Jahr hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan noch einmal drastisch verschlechtert. Die Taliban, die schon kurz nach dem Einmarsch der internationalen Streitkräfte in Afghanistan vor 16 Jahren als geschlagen galten, kehren zurück. Mit Macht. Sie kontrollieren, so sagen internationale Militärs, heute wieder 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent.

Deutsche Presse-Agentur folgte Abgeschobenen

Gleichzeitig wächst ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Allein in Kabul – Zielort aller Abschiebeflüge – gab es in diesem Jahr rund 20 große Anschläge mit Hunderten von Toten und Verletzten.

Einigen Abgeschobenen ist die Deutsche Presse-Agentur weiter gefolgt – Matiullah Asisi zum Beispiel, der mit dem ersten Abschiebeflug im Dezember 2016 nach Afghanistan zurückgebracht worden war. Er ist der einzige der unfreiwilligen Rückkehrer, die die dpa in Afghanistan regelmäßig besucht, der einen Job gefunden hat – ausgerechnet bei einer internationalen Organisation, die psychosoziale Hilfe für rückkehrende Migranten und Binnenflüchtlinge anbietet. Mehr als 250 000 Afghanen sollen 2016 das Land verlassen haben, sehr viel mehr Afghanen sind im eigenen Land auf der Flucht vor dem Krieg – 660 000 im vergangenen Jahr, mehr als 400 000 in diesem.
Asisi, dem Ärzte in Deutschland seelische Probleme bescheinigten, hatte bei dieser Organisation anfangs selber Hilfe gesucht. Jetzt versucht der 23-Jährige, anderen zu helfen – aber das tut ihm nicht immer gut. „Ich sehe alle diese Leute nach Kabul kommen, weil bei ihnen Krieg ist“, sagt er mit Blick auf Flüchtlinge aus anderen Landesteilen.

„Aber wo gehen wir hin, wenn der Krieg nach 
Kabul kommt?“ Asisi fürchtet sich vor Autobomben im dichten Verkehr, vor Überfällen auf dem Weg nach Hause – Afghanistan, das gefährliche Land, ist ihm nach der Jugend in Deutschland nun gründlich fremd.

Abschiebungen auf drei Kategorien beschränkt

Menschen wie Matiullah Asisi 
 säßen heute jedoch nicht mehr auf Abschiebeflügen, denn nicht nur die Sicherheitslage, sondern auch die Abschiebepraxis hat sich in den vergangenen Monaten drastisch verändert.

Nachdem im Mai vor der deutschen Botschaft in Kabul eine massive Lastwagenbombe explodiert war, hat die Bundesregierung Abschiebungen auf drei Kategorien von abgelehnten Asylbewerbern beschränkt: auf Straftäter, auf Gefährder – also Menschen, denen die Behörden terroristische Taten zutrauen – und Flüchtlinge, die „die Mitarbeit an der Feststellung ihrer Identität verweigern“.

„Das ist so ungerecht“, sagt Badam Haidari bei einem Treffen im Oktober. „Vor ein paar Monaten wir, die in Deutschland Miete und Steuern gezahlt haben, und jetzt nur noch Verbrecher und Terroristen?“ Haidari, heute 34 Jahre alt, hat acht Jahre lang in Würzburg gelebt. Er habe Vollzeit gearbeitet, bei Burger King, sagt er. Im Januar wurde er trotzdem abgeschoben. Seit der Ankunft lebt er bei einem Freund der Familie in einem Häuschen außerhalb von Kabul. Wind, Berge, Matsch, sonst nichts. Er und der alte Mann sind allein.

Haidari hat nie aus der Lähmung nach der Abschiebung herausgefunden. In seine Heimatprovinz Gasni kann er nicht. Cousins sind da bei den Taliban – sie waren vor Jahren der Grund für seine Flucht nach Europa. Haidaris Job als Wächter bei einer US-Organisation war ihnen ein Dorn im Auge gewesen, sie hatten Druck gemacht.

Seine Frau, die Kinder und die Eltern leben heute in Pakistan, aber Pakistan wirft derzeit Afghanen hinaus, und das Geld für Reise und Visum hat Haidari ohnehin nicht. Er lebt von den 50 Euro, die ihm der Bruder, der noch in Deutschland ist, ab und zu schickt. „Außerdem: Wenn ich nach Pakistan gehe, wird die Familie fragen: Und was hast du aus Deutschland mitgebracht?“, sagt Haidari. „Ich habe doch nichts.“ Hätte er Geld – er wäre sofort wieder auf dem Weg nach Deutschland. Die Vergangenheit könne man nicht vergessen. „Ein Jahr in Deutschland vielleicht – aber acht?“

Im Herbst in Kabul versteckt gehalten

Die meisten Rückkehrer können nicht einfach wieder in ihr altes Leben zurückschlüpfen. Für einige geht es um Schulden und Scham. Die Flucht hatte sie viel Geld gekostet – die Abschiebung, die Achtung der Familie. „Alle fragen mich: Wieso bist du abgeschoben worden?“, sagt Matiullah Asisi. „Sie glauben mir nicht, wenn ich sage, ich habe nichts gemacht.“

Für andere geht es um ihre Sicherheit, wie bei Haschmatullah Faselpur, einem jungen Mann, den Deutschland wegen eines Verfahrensfehlers in diesem Monat aus Afghanistan zurückholen musste. Seit der Abschiebung im Herbst hatte er sich in Kabul versteckt gehalten. Zurück in die Heimatprovinz Kapisa konnte er nicht, denn da hätten die Taliban auf ihn gewartet, sagte Faselpur. Sie hätten ihn und seine Familie bedroht, weil er Soldat war. Zurück in die Armee konnte er auch nicht, denn da war er unerlaubt abgehauen.

Anderen – vor allem denen, die lange in Deutschland waren – stecken ihre Erinnerungen so tief in den Knochen, dass sie es schwer haben, sich wieder an Afghanistan zu gewöhnen. Arasch Alokosai zum Beispiel, heute 22 Jahre alt, immer schick in besonders gut gebügelten Hemden und seiner weinroten Lederjacke, ist so ein Fall. Alokosai kam mit dem zweiten Flug am 24. Januar, abgeschoben nach fast sieben Jahren in Deutschland. Er hatte in Nürnberg gelebt, war dort zur Schule gegangen, hatte Karosseriebauer werden wollen.

Hochzeit ist sein Fluchtplan B

Arasch, der schnell und clever ist und das Herumsitzen nicht gut erträgt, hat sich in Kabul seit der Ankunft immer mal wieder Werkstätten angeschaut, um vielleicht da einen Ausbildungsplatz zu finden, aber er fand sie dreckig und die Meister dumm. Er hat eine Verlobte in Deutschland. Die Hochzeit ist sein Fluchtplan B. Vor Monaten schon hatten Alokosai und die Freundin alle Papiere bei der deutschen Botschaft in Kabul eingereicht, aber die war dann bei dem Bombenanschlag im Mai so schwer beschädigt worden, dass sie nun geschlossen ist.

Jetzt sind Ämter in Deutschland zuständig. Die melden sich ab und zu. Noch ein Leben im Wartemodus. Aber wenn das mit der Hochzeit nicht klappt, hat Alokosai schon öfter gesagt, dann macht er sich eben wieder als Flüchtling auf den Weg.

Badam Haidari macht keine Pläne. Und Arbeit finden, das hat er nie so recht versucht. „Arbeit gibt es nur für die, die Leute kennen“, sagt er. „Und ich kenne niemanden in Kabul.“ Er macht weiter, was er seit der Ankunft vor fast einem Jahr tut: „Nix. Nur sitzen. Denken.“

von Christine-Felice Röhrs

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