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"Mit Krieg lösen wir keine Probleme"

Iran und Israel "Mit Krieg lösen wir keine Probleme"

Droht im Nahen Osten ein Krieg, oder sind die Drohgebärden zwischen Israel und dem Iran nur Panikmache? Beobachter sind skeptisch. Einig sind sie darin, dass die Lage in der Region sehr ernst ist.

Marburg. Die wechselseitigen Drohungen seien nicht neu, sagt Dr. Jens-Peter Steffen, Referent für Friedenspolitik bei den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Gleichwohl sieht er eine "sehr heikle rhetorische Eskalation".

Doch könnte sich Israel überhaupt auf eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran einlassen? Uri Avnery, israelischer Friedensaktivist und Mitgründer der israelischen Friedensinitiative "Gush Shalom", hält das für schlichtweg unmöglich: "Die geographischen und militärischen Voraussetzungen schließen einen Krieg aus. Schauen Sie sich doch einfach mal den Iran auf der Landkarte an. Dieses Land ist größer als Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien zusammen. Es ist nicht so, als ob man ein paar Bomben abwirft und dann wieder verschwindet."

Der 1923 in Deutschland geborene Friedensaktivist hat selbst militärische Erfahrung - er kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Avnery sagt, Berater des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu würden sich in aller Öffentlichkeit dafür rühmen, durch die Iran-Problematik das leidige Palästina-Thema von der Tagesordnung geholt zu haben: "Keiner in den USA redet mehr von den Siedlungen, obwohl sowohl in Ost-Jerusalem als auch im Westjordanland munter weitergebaut wird. Das ist der Hauptzweck des Geredes von der iranischen Bedrohung." Auch die israelische Bevölkerung geht ganz gelassen mit den Provokationen beider Regierungen um. Panische Menschen seien nirgends zufinden. Trotzdem sei die Lage kritisch, so Avnery: "Was man ernst nehmen kann, ist, dass der Iran eine Atombombe haben will."

IPPNW-Experte Steffen hält es hingegen für möglich, dass Israel die iranischen Atomanlagen mit einem Waffengang "ausschalten" wolle. Letztlich drohe sogar ein Atomkrieg. Israel besitze nach Schätzungen etwa 200 Atombomben - mit deren Einsatz werde aber nicht gerechnet. Aber auch ein Krieg mit konventionellen Waffen werde zu einem verheerenden Flächenbrand führen. Deshalb habe die Friedensbewegung einen Appell für den Frieden gestartet, der beide Seiten zu respektieren versuche.

Der Marburger Friedens- und Konfliktforscher, Privatdozent Dr. Johannes M. Becker, vermutet, dass die Regierung Netanjahu die "vermeintliche Handlungsunfähigkeit" der US-Regierung im Wahlkampf nutzen wolle, um Druck auf den Iran aufzubauen. Ein Bombardement iranischer Atomanlagen durch Israel sei nicht auszuschließen. Das würde sehr gefährlich, fürchtet Becker: "Das werden sich die islamischen und die arabischen Staaten nicht bieten lassen." So würden auch im Kriegsfall die Ölpreise noch weiter steigen.

Becker hält es, mit Blick in die Geschichte, durchaus für verständlich, dass sich Israel bedroht sieht. Eine Legitimation für einen Militärschlag gegen den Iran gebe es aber nicht. Das Land habe das Recht, die Atomkraft friedlich zu nutzen. Sogar aus Dokumenten des US-Geheimdienstes CIA gehe hervor, dass der Iran in den vergangenen Jahren keine Fortschritte bei der Entwicklung von Atomwaffen gemacht habe.

Allerdings bestehe nun gerade durch das Bedrohungsszenario seitens Israels und des Westens die Gefahr, dass die politische Klasse des Irans den Bau einer Atombombe vorantreibe. In Israel wiederum versuchten Konservative, mit "Scharfmacherei" ihre Stellung zu stärken. Dagegen müssten die USA Position beziehen, fordert Becker: "Ich würde mir von Barack Obama wünschen, dass er deutlich macht: Mit Krieg lösen wir keine Probleme."

von Alexander Riemer und Stefan Dietrich

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