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Berliner Redaktion Lötzsch geht - kommt jetzt Lafontaine?
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21:02 11.04.2012
Berlin

Am Ende gelang Gesine Lötzsch, der innerparteilich heftig umstrittenen Linken-Vorsitzenden, noch ein Paukenschlag. Um 23.18 Uhr Dienstagnacht verschickte sie E-Mails mit der Mitteilung über ihren sofortigen Rückzug vom Parteivorsitz. Der nächtliche Termin war nicht ganz freiwillig zustande gekommen. Nach der Erkrankung ihres Mannes habe sie sich bereits seit Tagen mit diesem Schritt beschäftigt, doch über eine „undichte Stelle“ im Karl-Liebknecht-Haus wäre ihr Rückzug einen Tag später auf anderem Wege publik geworden. Dem kam die Berlinerin zuvor.

Gestern Vormittag begründete sie dann noch einmal in einem dreiminütigen Statement, dass ausschließlich private Gründe ausschlaggebend seien. Sie wolle sich um ihren kranken, 80-jährigen Mann kümmern. Wahlkampftermine außerhalb Berlins werde sie nicht mehr wahrnehmen können. Kurz vor wichtigen Landtagswahlen und sechs Wochen vor dem Parteitag in Göttingen kommt ihr Rückzug der Partei, die in Umfragen zuletzt zurückfiel, zur Unzeit.

Bartsch gibt sich kämpferisch

Viele in der Linkspartei erwarten nun, dass der saarländische Fraktionschef Oskar Lafontaine ein Comeback auf der Berliner Bühne anstreben wird, als Parteichef und als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2013. Wie bereits 2009. Aber auch Bundestagsfraktionsvize Dietmar Bartsch, der gestern seine Kandidatur für den Parteivorsitz bekräftigte, gibt sich kämpferisch. Und wenn einer der Männer gewählt werden sollte, welche Linken-Politikerin wird Co-Vorsitzende? Laut Satzung müssen an der Spitze der Partei je eine Frau und ein Mann stehen.

Das Machtvakuum an der Spitze schmälert Wahlchancen, glauben einige. Andere meinen hingegen, dass Lötzsch‘ Abgang und ihr Verzicht auf eine erneute Kandidatur der Linken eher nutzen werde. Zuletzt war unter dem Führungsduo Klaus Ernst/Gesine Lötzsch der Einzug in die Landtage von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg verpasst worden. Im Saarland hatte die Linke fast ein Drittel der Wähler eingebüßt. Rund 10000 Mitglieder hatten der Linken bundesweit den Rücken gekehrt.

Klaus Ernst, ehemaliger IG Metaller aus Schweinfurt und enger Vertrauter von Ex-Parteichef Oskar Lafontaine, zollte Lötzsch gestern Respekt. Er habe mit ihr „in einer schwierigen Zeit vertrauensvoll und mit gegenseitigem Respekt zusammengearbeitet“, sagte er in München. Er werde bis zum Parteitag Anfang Juni in Göttingen den Parteivorsitz alleine ausüben. Eigene Pläne ließ Ernst allerdings weiter offen. Wahrscheinlich fallen die wichtigen Vorentscheidungen über das künftige Spitzenpersonal der Linken erst nach den nächsten Landtagswahlen.

Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch forderte indes einen „neuen Aufbruch“ auf dem anstehenden Parteitag in Göttingen. „Wir werden auf dem Parteitag in Göttingen eine Personalentscheidung treffen, die uns entschlossen in den Bundestagswahlkampf gehen lässt“, sagte er dieser Zeitung. Göttingen müsse die „Weichenstellung“ für einen Erfolg im Jahr 2013 bringen. Bartsch bescheinigte dem früheren Parteivorsitzenden Lafontaine, er habe sich 2009 bei der Bundestagswahl als erfolgreicher Wahlkämpfer erwiesen.

„Heimlicher“ Vorsitzender

Kritik am „heimlichen“ Vorsitzenden Lafontaine gab es dagegen immer wieder aus ostdeutschen Landesverbänden. Der Linken-Landeschef von Mecklenburg-Vorpommern, Steffen Bockhahn, warnte seine Partei gestern davor, sich „von einer Einzelperson abhängig zu machen“. Es gehe in der anstehenden Debatte um die Besetzung der Spitzenämter, nicht um die Frage, wer werde Vorsitzender neben wem, sondern um die Nominierung einer Doppelspitze, die die Partei erfolgreich in Wahlkämpfe und politische Auseinandersetzungen führen könne. Als mögliche Co-Vorsitzende werden sowohl Sahra Wagenknecht, aber auch die Bundespolitikerinnen Dagmar Enkelmann, Katja Kipping und Heidrun Bluhm gehandelt.

von Reinhard Zweigler