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Berliner Redaktion Liberale wollen "das Maul aufmachen"
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20:42 22.04.2012
Karlsruhe

15 Jahre sollen die neuen liberalen Thesen als FDP-Grundsatzprogramm den Erfolg für die Partei Philipp Röslers ermöglichen. Bei 23 Gegenstimmen und neun Enthaltungen erhofft sich auch der mit 72 Prozent neu gewählte Generalsekretär Patrick Döring neue programmatische Sicherheit, auch im Abwehrkampf gegen die Piraten. Manchen Delegierten war der enthaltene Wachstums-Begriff, wie ihn der Parteichef liebt, zu ungenau ausformuliert, aber mit Anträgen wollten sich die Delegierten in Karlsruhe nicht das Leben schwer machen. Es war ein Treffen der subtileren Botschaften.

Zwei Tage lang standen auf den Tischen der 662 Delegierten die schmalen blauen Energiedrink-Dosen. Red Bull verleiht angeblich Flügel. Getragen davon schienen durchaus einige Spitzen-Liberale: Die Wahlkämpfer Wolfgang Kubicki (Kiel) und Christian Lindner (Düsseldorf). Der Schleswig-Holsteiner warb für eine höhere Spitzensteuer. „Nach mir kommt Christian Lindner und dann goldene Zeiten“, spottete der Kieler Anwalt und Millionär. Er kann es nie lassen. Lindner, Röslers Ex-Generalsekretär und jetziger NRW-Wahlkampf-Nothelfer, spielte nach Belieben mit den Emotionen im Saal. „Ich scheue mich nicht vor Verantwortung.“ Das klang aus seinem Mund wie ein Versprechen auf mehr. Lang, bevor der Parteitag über das Grundsatzprogramm urteilte, waren Lindner und Kubicki schon wieder weg. Sie mussten mal eben noch die FDP retten. „Ich muss in die Einsatzgebiete“, sagte Lindner.

Erst in der sonntäglichen Mittagsstunde, beim umjubelten Auftritt des Bundestagsfraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle, kam diese Stimmung einer fast problemlosen liberalen Freude und Stärke noch einmal auf. „Maul aufmachen“, raus aus den bequemen Vorstandssitzen, Attacke auf die „Warmduscher“ und die „Vorwärtsparker“. Ein echter Brüderle.

Dass Rösler direkt nach Kubicki und Lindner und Brüderle am Schluss auftraten, der Jubel zu Beginn und gegen Schluss einprogrammiert schien und zwischendrin eine gewisse emotionale Kühle den Saal befiel, war nicht Ergebnis dunkler Ranküne, sondern Röslers eigener Regie-Einfall. Das hatte Kubicki, Lindner und Brüderle gewundert.

Delegierte erwarten auf Parteitagen natürlich auch ein Spektakel der Selbstinszenierung. Gemessen daran fiel Rösler in Karlsruhe besonders auf. Vor einem Jahr, auf seinem Rostocker Wahlparteitag, hatte er noch brilliert durch lockere Sprüche, freie Rede und Angriffslust („ab sofort wird geliefert“). Der Karlsruher Rösler war das glatte Gegenteil vom Rostocker Rösler. Extrem laut und hochgradig nervös präsentierte sich der Chef. Auf die Frage, ob er Mitleid habe, säuselte Brüderle: „Jeder sucht sich seinen Stall selbst“.

Irgendwer schien Rösler gesagt zu haben, man müsse Autorität zeigen durch langsame Gesten, bisweilen böse schauen, nach jedem Halbsatz eine Pause machen und so lange reden, bis der Saal mit warmem Applaus antwortet. Nach 72 Minuten hatte Rösler aufgehört. Zum Ausgleich hatte er sich nach erbrachter Redner-Arbeit seine Frau Wiebke auf die Bühne geholt und ihr einen sehr fotogenen Kuss auf den Mund geschenkt.

von Dieter Wonka