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Berliner Redaktion Kosovo - das junge Armenhaus
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19:49 23.05.2012
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Prizren

Dass dieser Mann junge Menschen begeistern kann, spürt man sofort. Wenn Walter Happel (65) über das von ihm gegründete Loyola-Gymnasium am Stadtrand von Prizren berichtet, zieht er seine Zuhörer schnell in den Bann. Mit blitzenden Augen, rudernden Armen und einem verschmitzten Lächeln erzählt der Pater und Pädagoge, wie er 2005 den Grundstein legte für das Loyola-Gymnasium, das heute von rund 600 Schülern aus dem Kosovo besucht wird.

Benannt ist es nach dem Gründer des katholischen Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, aber die allermeisten Schüler sind Muslime. Schon von der sechsten Klasse an lernen sie Deutsch und Latein, später kommt Englisch dazu. Die Hälfte der Plätze ist für Mädchen reserviert. „Ihre Ausbildung“, so Happel, „liegt uns besonders am Herzen.“ In den meisten Schulen des Kosovo könne man sich gute Zensuren kaufen, weiß Happel, der vor seiner Tätigkeit in Prizren 16 Jahre lang das Internat St. Blasien im Schwarzwald geleitet hat. „Bei uns zählt nur die Leistung.“

Die Soldaten des nahegelegenen Feldlagers der Bundeswehr in Prizren führen ihre Gäste gerne zu der Modellschule, ist sie doch ein Beispiel dafür, dass es 13 Jahre nach dem Kosovo-Krieg auch sehr positive Entwicklungen in dem Land gibt, das gleich in doppelter Hinsicht als der jüngste Staat Europas gilt. Unabhängig wurde die ehemals serbische Provinz erst 2008 - und mehr als die Hälfte der rund 1,7 Millionen Koso­varen sind jünger als 25 Jahre. 6200 ausländische Soldaten, davon 1300 aus Deutschland, sichern den brüchigen Frieden zwischen albanischer Mehrheit und serbischer Minderheit. Der Bundestag will das Bundeswehr-Mandat morgen um weitere zwölf Monate verlängern, 68 Millionen Euro sind dafür veranschlagt.

Bäcker spricht Schwäbisch

Vom Loyola-Gymnasium fahren die deutschen Offiziere ihre Gäste gerne weiter über eine staubige Straße in ein unge­pflegtes Gewerbegebiet am Rande der Stadt. Denn inmitten dieser Trostlosigkeit gibt es ein weiteres Zeichen der Hoffnung: die Großbäckerei von Alban Elezaj (27) und seinem Vater Maxhun (50).

Mitte der 90er Jahre nach Deutschland geflüchtet, kehrte die Familie 2000 in ihre vom Krieg gezeichnete Heimat zurück und eröffnete den Betrieb. Mittlerweile beliefert er Cafés im ganzen Kosovo, 80 Menschen finden dort Arbeit. „Hier kommen wir her, und hier wollten wir etwas aufbauen“, sagt Alban Elezjaj in gepflegtem Schwäbisch. In Augsburg hat er Deutsch gelernt und eine Bäckerlehre gemacht. Die Zutaten für seine Produkte bezieht er fast alle aus Deutschland - gut für die deutsche Wirtschaft, aber auch ein Zeichen dafür, was im Kosovo noch alles fehlt.

Trotz dieser und anderer Erfolgsgeschichten steht der kleine und junge Balkanstaat, der halb so groß wie Hessen ist, noch immer vor einem gewalti­gen Berg von Problemen. Das Land gilt als Drehscheibe der organisierten Kriminalität, die Arbeitslosenquote liegt bei 45 Prozent und das Durchschnittseinkommen bei gerade mal 250 Euro im Monat. Ohne die Hilfe internationaler Organisationen und der vielen hunderttausend Kosovo-Albaner, die im Ausland Arbeit gefunden haben, wäre die Lage noch dramatischer. Hinzu kommt der Nationalitätenkonflikt im Norden, wo sich rund 40000 Serben der Zentralregierung hartnäckig verweigern und vom benachbarten „Mutterland“ unterstützt werden.

von Joachim Riecker

Hintergrund

Das Ghetto Europas

Auch international kommt die junge Republik nicht so recht voran - noch immer hat nur knapp die Hälfte aller UN-Mitglieder das Kosovo als Staat anerkannt. Vor allem Russland sträubt sich und setzt in dieser Frage auch EU-Länder wie Rumänien erfolgreich unter Druck. Zudem ist das Kosovo eines der wenigen Länder Europas, von deren Bürgern die EU noch ein Einreisevisum verlangt. „Wir sind das Ghetto Europas“, klagen Studenten und Künstler im „Tingeltangel“, der angesagtesten Szenekneipe im Zentrum der Hauptstadt Pristina. So bleibt den Kosovaren oft nur die Hoffnung auf die Zukunft - und auf Menschen wie Pater Happel oder die Bäckerfamilie Elezaj, die im Kosovo trotz aller Probleme Zeichen des Aufbruchs setzen.

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